An die 40 TeilnehmerInnen folgten gestern in der Sektion 3 (SPÖ Landstraße) einer spannenden Diskussionsveranstaltungen über gewerkschaftliche Kampfstrategien in Zeiten der Krise.

Den Anfang machte Kollege Rainer Thomann, Gewerkschafter und Buchautor aus der Schweiz, der die 2. Auflage seines Buches „Betriebsbesetzungen als wirksame Waffe im gewerkschaftlichen Kampf“ vorstellte. In seinem Referat berichtete er vor allem über die Arbeitskämpfe bei den Officine Bellinzona (Schweiz) und bei INNSE in Mailand (Italien). In beiden Fällen wagte die Belegschaft den aktiven Widerstand gegen die drohende Werksschließung und organisierte einen Besetzungsstreik. Anschaulich und mitreißend erzählte er von der Art und Weise, wie sich diese KollegInnen organisierten und welch militante Kampfformen sie einsetzten, wie sich eine Welle der Solidarität mit ihren Kämpfen bildete, wie sie im Fall der INNSE der ständigen Polizeirepression trotzten.
Auf die Frage eines Genossen aus dem Publikum, wie sich erklären lässt, dass es in diesen beiden Fällen zu erfolgreichem Widerstand gekommen war, wo doch im Regelfall gewerkschaftliche Kämpfe in Zeiten der Krise in Niederlage enden, antwortete Rainer Thomann, indem er aufzeigte, dass es in beiden Betrieben eine lange Tradition politisierter KollegInnen gab, die durch ihre geduldige Arbeit über Jahre den Boden für eine derartig starke Solidarität im Betrieb gelegt haben, die es im Ernstfall benötigt, um gegenüber dem Kapital und der Polizei den längeren Atem zu haben. Er zeigte auch sehr gut die Rolle der Gewerkschaften in diesen Kämpfen auf, die zwar Solidarität zeigten, aber die Initiative ging immer von der Belegschaft selber aus.

Im Anschluss kam Ludwig Sommer (Arbeiterbetriebsrat von Shell Lobau) zu Wort. Er begann sein Statement mit den Worten „Ich war ein Feigling, wenn ich das alles vor ein paar Monaten schon gehört hätte, dann hätte ich anders gehandelt“. Bei Shell Lobau steht mittlerweile die Schließung des Werks fest. Die Sozialpläne sind ausverhandelt und die meisten Kollegen haben sich damit abgefunden. Ludwig Sommer hat in seinem Bericht sehr gut aufgezeigt, welches Potential für einen Arbeitskampf vorhanden war, aber auch welche Dynamik es gab, damit es im entscheidenden Moment es doch nicht zu einer Eskalation kam. Eine Eskalation, die von Seiten der Gewerkschaftsführung nicht gewollt wurde.

Dann gab Linda Sepulveda, Betriebsrätin von Siemens SIS, einen Überblick über ihren Arbeitskampf, der nun schon seit Jahren andauert. Sie machte sehr gut klar, wie das Management versucht die Belegschaft durch Sozialpläne und „Golden Handshakes“ zu spalten. Ihre Enttäuschung über die Rolle der eigenen Gewerkschaft war mehr als spürbar. Obwohl die GPA-djp letztes Jahr noch die Großdemo der Siemens SIS-Belegschaft voll unterstützte, ist seit geraumer Zeit von dieser Solidarität nicht mehr viel zu merken. Dieses Gefühl einen Konflikt an zwei Fronten führen zu müssen, habe auch auf die BetriebsrätInnen eine sehr zermürbende Wirkung.
In der Diskussion wurde sehr heftig – unter Beteiligung einiger Mitarbeiter von Siemens SIS - darüber debattiert, wie die Belegschaft mit Ausgliederungen und Kündigungsdrohungen umgehen soll. Einer der anwesenden Betriebsräte sagte aber ganz deutlich, wenn es zu Kündigungen kommt, dann muss „die Bude stehen“.
Ein älterer Genosse, der einst selbst Gewerkschaftssekretär war, erzählte dann noch von seinen Erfahrungen aus den 1970ern (z.B. beim Hukla-Streik, wo die Gewerkschaftsführung ebenfalls versuchte die Belegschaft einzuschüchtern) und meinte, dass es keinen Sinn macht, auf die Gewerkschaft zu vertrauen, dass es auf die eigene Stärke ankommt. In der Diskussion kündigte ein Kollege noch an, dass es heute in Wien vor der Konzernzentrale von Mayr-Melnhof zu einer Protestkundgebung kommen wird, um sich mit der kämpfenden Belegschaft von Karton DEISWIL in der Schweiz zu solidarisieren, das ebenfalls mit Schließung bedroht wird.
In der Abschlussrunde waren sich alle einig, dass dies eine sehr lehrreiche Diskussion war, und dass wir Netzwerke der Solidarität knüpfen müssen, um in zukünftigen Arbeitskämpfen dem Beispiel von Bellinzona und INNSE folgen zu können.

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