Marxismus und Religion


Die Frage unserer Haltung zur Religion, aber auch zu religiösen Menschen ist heute wieder brandaktuell. Während auch in industrialisierten Ländern Fundamentalisten, unterstützt von Tech-Milliardären, an politischem Einfluss gewinnen, hetzen die Herrschenden ganz Europas und des Westens gegen Muslime. Wir Kommunisten kämpfen gegen jeden antimuslimischen Rassismus wie das Kopftuchverbot und reichen jedem religiösen Arbeiter die Hand zum gemeinsamen Kampf gegen Rassismus und Sparregierung. Doch gilt es für uns, die Welt, die Unterdrückung, die Kriege zu verstehen, denn ohne korrektes Verständnis lässt sie sich nicht ändern. Von Kurt Bührle
Dementsprechend widmet sich die neue Broschüre in erster Linie den philosophischen Grundlagen der marxistischen Anschauungen und der Religion. Diese Aufgabe übernimmt Alan Woods Text „Marxismus und Religion“ von 2001:
„Marxisten stehen auf der Grundlage des philosophischen Materialismus, der die Existenz jedweden übernatürlichen Wesens oder irgendetwas ‚außerhalb‘ oder ‚über‘ der Natur Stehenden ausschließt. Es gibt tatsächlich keine Notwendigkeit für eine derartige Erklärung des Lebens und des Universums – heute weniger denn je. Die Natur bietet ihre eigenen Erklärungen und sie bietet sie in großer Fülle.“
Damit ist die Grundlage gelegt für eine tiefe Analyse der Funktionen der Religion, in erster Linie als ideologisches Herrschaftsinstrument der herrschenden Klasse. Doch, so kommt klar heraus: Die Religiosität der Menschen ist nicht einfach gleichzusetzen mit dem Interesse der Herrschenden.
„Sowohl in christlichen Kirchen als auch in islamischen Moscheen wird die Illusion einer ‚Gemeinschaft‘ und Brüderlichkeit aller Gläubigen, dass alle ‚gleich vor Gott‘ wären usw. aufrechterhalten. Doch am nächsten Tag widmen sich reiche Christen oder islamische Bosse unverändert der Ausbeutung ihrer werktätigen Mitgläubigen.“
Daraus wird klar: Religiöse Arbeiter haben nicht die gleichen Interessen wie ihre religiösen Chefs. Die Aufgabe der Kommunisten ist es, einen gemeinsamen Kampf aller Arbeiter gegen die herrschende Klasse zu ermöglichen. Woods zeichnet packend den Wandel des Christentums von der „Religion der Sklaven und Frauen“ zu der des Feudaladels und des Ablasshandels nach. Besonders anschaulich und durchaus ekelerregend hierbei eine Liste mit Preisen für den Ablass spezifischer Sünden.
Lenins Texte sind wiederum eine scharfe Waffe gegen insbesondere jene Linken und Reformisten, die Grundsätze wie „Religion ist Privatsache“ und „Trennung von Kirche und Staat“ opportunistisch verdrehen. Wenn die Sozialdemokratie das Kopftuchverbot in den Schulen miteinführt, die individuelle Religionsausübung durch den bürgerlichen Staat beschnitten wird – dann wird das als „Trennung von Kirche und Staat“ verkauft, während die Kreuze in den Klassenzimmern bleiben. Andererseits wird die Religion innerhalb der reformistischen Parteien, wie überhaupt jede politische Meinung, zur „Privatsache“ erklärt. Jeder soll glauben und predigen können, was er will. Lenin sieht das anders:
„Für die Partei des sozialistischen Proletariats ist die Religion keine Privatsache. Unsere Partei ist ein Bund klassenbewusster, fortgeschrittener Kämpfer für die Befreiung der Arbeiterklasse. Ein solcher Bund kann und darf sich nicht gleichgültig verhalten zu Unaufgeklärtheit, zu Unwissenheit oder zu Dunkelmännertum in Form von religiösem Glauben.“ So Lenin in „Sozialismus und Religion“. Aber: „Wenn dem so ist, warum erklären wir in unserem Programm nicht, dass wir Atheisten sind? Warum verwehren wir es Christen und Gottesgläubigen nicht, in unsere Partei einzutreten?“
Weil „die Einheit des wirklich revolutionären Kampfes der unterdrückten Klasse für ein Paradies auf Erden uns wichtiger ist als die Einheit der Meinungen der Proletarier über das Paradies im Himmel.“
Lenin beantwortet die Frage, was man dem religiösen Nebel entgegenhalten soll, daher komplett anders als die moderne Linke und die Liberalen und erklärt, warum die Religion in der Gesellschaft Boden findet:
„Wegen der Unwissenheit des Volkes, antwortet der bürgerliche Fortschrittler, der Radikale oder der bürgerliche Materialist. Also, nieder mit der Religion, es lebe der Atheismus, die Verbreitung atheistischer Anschauungen ist unsere Hauptaufgabe. Der Marxist sagt: Das ist falsch. Eine solche Auffassung ist oberflächliche, bürgerlich beschränkte Kulturbringerei. Sie erklärt die Wurzeln der Religion nicht gründlich genug, nicht materialistisch, sondern idealistisch. In den modernen kapitalistischen Staaten sind diese Wurzeln hauptsächlich sozialer Natur.“
Unsere Philosophie, der dialektische Materialismus, erklärt das Aufkommen der Ideen aus den materiellen Bedingungen der Gesellschaft. Wir richten unser Hauptfeuer daher auf den Kapitalismus, dessen Elend die Quelle aller möglichen mystischen Ideen ist, von denen noch viele durch die Köpfe der Arbeiterklasse spuken werden. Lenin schließt daraus:
„Unsere Propaganda schließt notwendigerweise auch die Propaganda des Atheismus ein; … Die wissenschaftliche Weltanschauung werden wir immer propagieren, und die Inkonsequenz irgendwelcher ‚Christen‘ müssen wir bekämpfen; das bedeutet aber durchaus nicht, dass man die religiöse Frage an die erste Stelle rücken soll, die ihr keineswegs zukommt, dass man eine Zersplitterung der Kräfte des wirklich revolutionären, des ökonomischen und politischen Kampfes um drittrangiger Meinungen oder Hirngespinste willen zulassen soll, die rasch jede politische Bedeutung verlieren und durch den ganzen Gang der ökonomischen Entwicklung bald in die Rumpelkammer geworfen werden.“
(Funke Nr. 246/03.09.2026)