Kaschmirs Schicksalsfrage


Die Lage im pakistanisch besetzten Teil von Kaschmir steht auf Messers Schneide. Die vor drei Jahren entstandene Massenbewegung hat revolutionäre Ausmaße angenommen. Ihre Forderungen haben sich ausgeweitet, sie hat der pakistanischen Regierung offen den Kampf angesagt, erhebt Anspruch auf Arbeitsplätze und demokratische Rechte. Mit einer doppelt so hohen Jugendarbeitslosigkeit wie im Rest des Landes stehen Jugend und Frauen an vorderster Front. Von Rob Sewell
Anfang Juni flammte die Bewegung wieder auf. Massenproteste, Demonstrationen und Streiks legten die gesamte Region lahm. Demonstranten errichteten Straßensperren, um die Entsendung bewaffneter Verstärkung zu verhindern. Darin zeigen sich bereits Elemente einer Doppelherrschaft. Angeführt wird die Massenbewegung vom Joint Awami Action Committee (JAAC).
Die ersten Awami („Volks“)-Aktionskomitees entstanden auf Initiative unserer pakistanischen Genossen von der Inqalabi Communist Party (RCP), ihr Aufruf entsprach genau dem Bedürfnis der Bewegung nach einer organisatorischen Form. Deshalb breiteten sich die Komitees weit über die Orte und Städte hinaus aus, in denen die revolutionären Kommunisten vertreten waren. Im Herbst 2023 schlossen sie sich zum JAAC zusammen. Obwohl wir die Gründung der Komitees angestoßen hatten, waren wir aufgrund unserer geringen Kräfte nicht in der Lage, die Bewegung anzuführen. So fiel die Führung des JAAC nicht in die Hände entschlossener Revolutionäre, sondern zufälliger Elemente.
Aus Angst vor der Bewegung verleumden die pakistanischen Behörden das JAAC als „terroristische Organisation“ und beschuldigen es, von Indien finanziert zu werden. Die Organisation wurde verboten, zahlreiche führende Mitglieder und Aktivisten verhaftet. Doch dadurch wurde die Bewegung nur noch entschlossener.
Um den Wind aus den Segeln zu nehmen, setzte die pakistanische Regierung Parlamentswahlen für Kaschmir an. Doch die Massen durchschauten dieses Spiel und boykottierten sie. Obwohl die Wahllokale nahezu leer blieben, wurden Sieger mit Zehntausenden erfundenen „Stimmen“ verkündet. Alle etablierten Parteien diskreditierten sich weiter, weil sie mit der Hoffnung, an die Futtertröge der Macht zu kommen, an dieser Farce teilnahmen.
Hinter den Kulissen führt die Regierung Gespräche mit Führern des JAAC, um es zu spalten und eine Art Vereinbarung zustande zu bringen. Diese haben bei jedem Schritt gezögert und sind stets nur unter dem Druck der Bewegung weitergetrieben worden. Sie möchten die Krise durch einen friedlichen Kompromiss lösen, doch die Bewegung steht an einem Scheideweg: Jeder Rückzug würde als Zeichen der Schwäche verstanden werden und Schwäche wiederum lädt zu Aggression ein.
Die herrschenden Militärs wollen den Massen eine Lektion erteilen und die Bewegung im Blut ersticken. Das war immer ihre Methode. Schon jetzt sind den Repressionen über 100 Menschen zum Opfer gefallen. Unter diesen Umständen darf die Führung nicht versuchen, den Behörden einzureden, sie vertrete eine „friedliche Bewegung“. Sie muss bereit sein, Maßnahmen zur Selbstverteidigung zu ergreifen. Das bedeutet, sich mit allen verfügbaren Mitteln zu bewaffnen. Mutig sind Polizei und Rangers, solange sie auf Unbewaffnete schießen – weit weniger jedoch, wenn sie auf bewaffneten Widerstand treffen.
Unsere Genossen in Kaschmir haben immer dafür argumentiert, dass die Bewegung eine revolutionäre Volksregierung errichten muss. Das entspricht offensichtlich dem Wunsch der Massen. Doch damit würde nicht nur die Regionalregierung herausgefordert, sondern der pakistanische Staat selbst. Der Kampf um die Macht ist eine äußerst ernste Frage. Leider scheint den Führern des JAAC der notwendige Wille dafür zu fehlen.
Diese verfügen über keinerlei klare Perspektive für die Bewegung. Als unsere Genossen politische Fragen aufwarfen, erklärten ihnen diese Führer, sie sollten keinen Ärger machen, Politik müsse aus der Bewegung herausgehalten werden, um „ihre Einheit zu bewahren“. Doch unsere Genossen lassen sich nicht zum Schweigen bringen. Sie vertreten die Position, dass sich die Aktionskomitees nicht darauf beschränken dürfen, den Behörden Zugeständnisse abzuringen: Der einzige wirkliche Ausweg besteht darin, dass die Massen selbst die Macht übernehmen.
Wir müssen ehrlich sein: Es fehlt eine revolutionäre Führung und Partei. Dasselbe galt für Bangladesch, Sri Lanka und Nepal. Dort waren die revolutionären Massen in Bewegung und hatten die Macht schon in der Hand, doch ihre Führungen suchten den Kompromiss und gaben sich mit einem bloßen Austausch der Gesichter an der Spitze zufrieden. Die Gelegenheit wurde vertan. Darin liegt eine entscheidende Lehre für Kaschmir.
Sollte das JAAC ein Abkommen mit den Behörden schließen und die Bewegung im Gegenzug für künftige Zugeständnisse abbrechen, wäre dies eine Falle. Sobald die Massen durch falsche Versprechungen demobilisiert sind, wird der pakistanische Staat mit eiserner Faust zuschlagen.
Deshalb müssen wir vor der äußerst ernsten Lage warnen. Ein Kompromiss führt unter diesen Bedingungen zu Niederlage und Blutvergießen.
Der einzige Weg zum Sieg besteht in der Machtübernahme der Massen und der Ausbreitung der Revolution über den Subkontinent! Gegen die Spaltung der Herrschenden braucht es eine internationalistische Perspektive. Das Schicksal Kaschmirs ist unmittelbar mit der sozialistischen Revolution auf dem gesamten Subkontinent verbunden.