Kaschmir: Langer Marsch mit Plan


Im von Pakistan kontrollierten Teil von Kaschmir kämpfen die Massen trotz harter Repressionen gegen Korruption, Machtmissbrauch, Teuerung und für nationale Selbstbestimmung. Der Staat reagiert mit harter Repression und Gewalt – erfolglos. Von Valentin Iser
In den letzten Jahren gab es immer wieder Massenbewegungen in Kaschmir. Es sind vor allem ökonomische Fragen und die ungelöste nationale Frage Kaschmirs schwingt immer mit. Im benachbarten Gilgit-Baltistan konnte eine drohende Streichung von überlebenswichtigen Weizensubventionen verhindert werden. Und in „Asad“ Kaschmir marschierte 2024 eine halbe Million, ein Achtel der Einwohner, in die regionale Hauptstadt Muzaffarabad und konnte mit Streiks und einer Blockade der Region eine Senkung der Strompreise um 90% und der Getreidepreise um 50% erzwingen (wir berichteten im Funke Nr. 224).
In beiden Fällen waren die Erfolge nur möglich, weil die Massen nicht nur spontan kämpften, sondern sich in den sogenannten „Awami Aktionskomitees” (AAC) organisierten. Die Massen wählen auf allen Ebenen Vertreter, um die Bewegung in der ganzen Region zu koordinieren, auszuweiten und zu verteidigen. Diese Idee wurde ursprünglich von den Genossen unserer Schwesterorganisation in Pakistan, der Inqalabi Communist Party, in die Bewegung eingebracht. Sie gründeten auch das erste AAC in der Kleinstadt Khaigala und arbeiten in diesen Komitees mit einem kommunistischen Programm.
Kern des Erfolges ist auch, dass die AAC nicht in den einzelnen Städten isoliert blieben, sondern sich eine regionale Dachorganisation schufen – das Joint Awami Action Comittee (JAAC), das Vertreter aus allen Regionen und mit verschiedenen politischen Hintergründen vereint. Nach den Erfolgen der letzten Jahre entstanden bis in die kleinsten Städte und Dörfer hinein neue Komitees.
Nach einer weiteren Massenbewegung letztes Jahr verpflichtete sich die Regierung, die 38 Forderungen des JAAC in 90 Tagen umzusetzen, tat es aber nie. Die internationale Medienberichterstattung konzentriert sich auf die demokratische Forderung nach der Abschaffung der 12 „reservierten“ Sitze für Nachkommen von Flüchtlingen aus dem indisch besetzten Teil. Diese werden von Leuten, die nicht in Kaschmir wohnen, besetzt, was eine Quelle von Korruption ist und den politischen Einfluss des pakistanischen Staates bei Regierungsbildungen in Kaschmir erhöht. Doch zentral für die massenhafte Unterstützung des Programmes sind die sozialen Forderungen nach niedrigeren Preisen, besserer Bildung, Gesundheitsversorgung etc. Das JAAC setzte eine Frist zur Umsetzung der Forderungen und kündigte einen weiteren Marsch auf Rawalakot an.
Der pakistanische Staat erhöhte daraufhin die Repression: So wurde Anfang Juni das JAAC als „terroristische Organisation“ verboten, einer der Anführer ermordet und ein anderer angeschossen sowie einige Demonstranten getötet. Der pakistanische Staat hatte schon in den letzten Bewegungen immer wieder in Menschenmengen geschossen und sie mit Paramilitärs terrorisiert. Und auch in Gilgit-Baltistan wurden im vergangenen Jahr immer wieder Aktivisten des dortigen Awami-Aktionskomitees inhaftiert und gefoltert: Dessen Anführer, der Revolutionäre Kommunist Ehsan Ali, konnte nur mit Hilfe von zwei mächtigen internationalen Solidaritätskampagnen befreit werden (siehe Funke Nr. 235).
Doch die Repressionen sind ein Zeichen der Schwäche. Obwohl Rawalakot von Paramilitärs kontrolliert wird, Ausgangssperren verhängt und der Internetzugang eingeschränkt wurde, ist die Stadt von Sit-ins und Protestcamps umzingelt. An der Bewegung sind mindestens 100.000 Menschen beteiligt. Besonders inspirierend ist die massenhafte Teilnahme von Frauen in der Bewegung. In „normalen“ Zeiten können sie kaum auf die Straße gehen – jetzt gehören sie zu den radikalsten Teilen der Bewegung.
In Kaschmir herrscht so eine Doppelmachtsituation: Alle politischen Parteien stehen gegen die Massen. Das JAAC auf der anderen Seite hat einen großen Teil der Massen hinter sich und übernimmt teilweise schon staatliche Funktionen wie Bezirksverwaltung und teilweise sogar Polizeiaufgaben. Aber diese Situation ist instabil und kann nicht ewig anhalten. Früher oder später wird der pakistanische Staat auf eine gewaltsame Zerschlagung setzen.
Die Massen in Kaschmir sind zwar organisiert, aber die Mehrheit der Führung des JAAC hat auch am Höhepunkt der Bewegung immer wieder gezögert und ist in die Defensive gegangen. Sie hoffen immer noch auf Deals mit den Herrschenden, obwohl alle vergangenen Abkommen gescheitert sind. Außerdem haben sie Illusionen in Institutionen wie die UNO.
Die Genossen der Inqalabi Communist Party argumentieren auf den Massenversammlungen daher für eine Machtübernahme der Massen. Nur der Sturz des Kapitalismus kann die Probleme der unterdrückten Massen lösen und hätte das Potenzial, die Arbeiterklasse in ganz Pakistan und der ganzen Welt zu inspirieren!
(Funke Nr. 245/08.07.2026)