Gustave Courbet – Realist und Rebell


Im Leopold Museum läuft derzeit eine Ausstellung zu „Gustave Courbet – Realist und Rebell“. Er revolutionierte nicht nur die Malerei, sondern beteiligte sich auch aktiv an der Pariser Kommune. Von Miriam Schaller
In den Gemälden des französischen Künstlers (1819-1877) zeigt sich die Entpuppung der Ideale der französischen Revolution „Liberté, Egalité et Fraternité“ als Lügen: Liberté gab es nur für den freien Markt, und die Bürgerlichen waren endlich frei ihr Privateigentum schrankenlos zu vermehren. Die Bereicherung einer Klasse durch die Ausbeutung einer anderen blieb aufrecht. „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ existierten für die Masse nur auf dem Papier.
Courbet fing wahrheitsgetreu Impressionen des Lebens der niederen Schichten in seinen Gemälden ein. Diese Würdigung der einfachen Menschen stand im starken Widerspruch zur akademischen Malerei, welche sich mit triumphalen Bildern von Herrschern und historischen Schlachten völlig einem stumpfen, leeren Klassizismus verschrieben hatte. Die akademische Kunst fand ihr Spiegelbild in der Gesellschaft, wo sich reaktionäre Politiker in Sonntagsreden auf „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ beriefen, während sie unter der Woche Arbeiteraufstände niederschlugen.
Gegen diese gekünstelte Aufgeblasenheit verschrieb sich die Bohème-Bewegung, zu der neben Courbet u.a. auch der Arbeiterliederdichter Pierre Dupont oder der Anarchist Proudhon zählten. Der revolutionäre Inhalt der französischen Revolution, dem in frühen Bildern voller Optimismus entgegengefiebert wurde, ist durch die Realität verbannt worden. Courbet schrieb in einem Brief über die Verbandelung des reaktionären Staats mit der Kunst:
„… Mein künstlerisches Gewissen sträubt sich nicht weniger dagegen, eine Belohnung anzunehmen, die mir von der Hand der Regierung aufgedrängt wird. Der Staat ist in Kunstfragen nicht kompetent […] es ist verhängnisvoll für die Kunst, wenn man sie in offizielle Wohlanständigkeit einzwängt und sie zu unfruchtbarer Mittelmäßigkeit verdammt.”
Courbet lernte sein Handwerk auf ungewöhnliche Art und Weise: Statt steril in Ateliers von Kunstakademien, zog es ihn zum Malen in die freie Natur. Sein Leben lang wird er regelmäßig in seine Heimat zurückfahren, um mit seinem Esel Gerôme durch die Täler zu streifen und reihenweise Landschaftsbilder zu kreieren. Diese Beobachtungen der Natur überträgt er auf menschliche Porträts. Statt verherrlichenden Historienbildern wählt er alltägliche Szenen, deren Bedeutung und Wertschätzung er durch die gleichen, meterlangen Maße der Gemälde unterstreicht.
Dieser Bruch wird besonders deutlich bei seinen Ausstellungen im Pavillon, dem Monopol der Kunst, dominiert von der akademischen Kunstrichtung. Gewöhnliche Steinklopfer, arbeitend am Straßenrand, hängt er neben Porträts von jenen, die die Arbeiterklasse und Bauernschaft unterdrücken. Courbet forderte diese offizielle, heuchlerische Respektabilität heraus und wandte sich ab von idealisierten, inszenierten Szenen im Pavillon hin zur Natur und den Menschen, die diese Gesellschaft tatsächlich bewegen. Er porträtierte Menschen, wie er sie sah: in tiefer Trauer, bei der Arbeit, in tiefer Diskussion, ohne idealistische Illusionen.
Als sich diese Schichten gegen die Herrschenden auflehnten und mit der Errichtung der Pariser Kommune 1871 erstmals in der Geschichte die Arbeiterklasse an die Macht kam, nahm auch Courbet an dieser vorwärtstreibenden Bewegung teil und wurde Delegierter der Schönen Künste. Von ihm stammte die Idee, die Vendôme-Säule, Symbol des Militarismus, zu stürzen.
Wie die provokativen Werbebilder der Ausstellung jedoch zeigen, bricht Courbet nicht völlig mit den Traditionen der akademischen Malerei. Seine Aktbilder beschränken sich auf Frauen, als könnten nur sie Erotik und Sexualität verkörpern. Außer einem leichten Hang zur Provokation unterscheiden sich diese Gemälde wenig von vorangegangenen, in Auftrag gegeben von reichen Männern, die die Jugendlichkeit ihrer Mätressen verewigen wollten. Courbets Werk und diese Ausstellung bieten jedoch weit mehr als ein Close-Up einer Vulva. Ein solch umfassender Einblick in die Arbeiten des französischen Meisters ist eine Seltenheit in Wien – nutzt die Gelegenheit!
(Funke Nr. 242/24.03.2026)