“Ich, freier Geist, werd mich nicht bücken” – Attila József – Dichter und Revolutionär


Welche Rolle können Kunst und Literatur in Zeiten tiefer Krisen haben? Das Leben und Werk des bedeutenden ungarischen Dichters Attila József (1905–1937) sind Inspiration und Beispiel, wie selbst in den dunkelsten Zeiten der Geschichte der Kampf für den Sozialismus auch im Bereich der Kunst geführt werden kann. von Judit Balazs
Attila József, Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die als Wäscherin arbeitete, musste während seiner gesamten Schulzeit nebenbei arbeiten. So wurde er täglich mit der Realität der ungarischen Arbeiterklasse konfrontiert. In seiner Jugend hatte das reaktionäre faschistische Horthy-Regime nach dem Scheitern der Ungarischen Räterepublik 1919 die Macht gewonnen. Es folgten das Verbot antifaschistischer Parteien und Zensur. Józsefs Traum von einer Laufbahn als Lehrer wurde ihm verwehrt, nachdem er wegen der Veröffentlichung kommunistischer Gedichte von der Schule verwiesen wurde.
1930 erlebte die Arbeiterbewegung in Ungarn einen kurzen Aufschwung. Attila József kam in Kontakt mit der illegalen kommunistischen Partei (KMP) und wurde Revolutionär. Er beteiligte sich nicht nur an revolutionärer Arbeit, indem er Artikel schrieb, an Diskussionen teilnahm und sein politisches Niveau durch die intensive Auseinandersetzung mit marxistischer Theorie stetig hob, sondern organisierte sich auch in der Partei, die damals an der Spitze des antifaschistischen Widerstands stand. Darüber hinaus nutzte er sein poetisches Talent, um seine Gedanken und Gefühle zu künstlerischen Höhen zu erheben. Er verfasste agitatorische Gedichte, die sich unmittelbar an die Arbeiter richteten und die Ausbeutung anprangerten. Diese Gedichte eigneten sich hervorragend für Sprechchöre, Flugblätter und Slogans der Partei – kein Wunder, dass Punkbands seine Werke noch heute gerne adaptieren.
„Denn auf dem mächtigen Fließband der Geschichte
Montiern sie ihre kühn entworfne Welt,
In der ihr Stern mit nelkenrotem Lichte
Die alte Feindin, die Fabrik, erhellt.“(Arbeiter, 1931)
Seine politische Einstellung und sein Klassenstandpunkt beeinflussten jedoch auch seine übrige Lyrik, die Themen wie Liebe, Depression und Familie behandelte. Er war sich seiner Rolle als Künstler in der revolutionären Bewegung vollkommen bewusst und nahm sie voll und ganz an.
„Und was wird dem die Zukunft bringen,
Der Dichter ist und angstvoll schreit,
Der läuft, und läuft, sich zu verdingen
Für irgendeine Schreibarbeit
Des Namen nur ein Firmenzeichen,
Des Leben nur – falls er’s noch hat –
Dem kommenden Proletariat?“(Sag was wird…)
Doch wie kann man in einer solchen Zeit hoffnungsvoll und inspiriert bleiben? Es war kein blinder Glaube an die Menschheit oder den menschlichen Geist. Genau das unterschied ihn von seinen bürgerlich-liberalen Kollegen: Er hatte eine Verbindung zur Arbeiterklasse, war selbst Teil von ihr, und er verlor nie das Vertrauen in sie.
Seine Gedichte sind rein und schön, für Arbeiter verständlich und thematisieren oft seine Rolle als Künstler in der revolutionären Bewegung. Bürgerliche Dichter seiner Zeit taten ihr Möglichstes, um die Arbeiterklasse von der Kunst zu entfremden, indem sie überkomplizierte poetische Bilder verwendeten, deren Verständnis ein Literaturstudium erforderten. Und selbst deren Entschlüsselung würde nur einen oberflächlichen Inhalt offenbaren. Über diese Dichter schrieb er:
„Ich lass die andern Dichter bleiben,
Mögen sie suhlen sich im Dreck,
Mit Sauf- und Trugideen es treiben,
Als schwebten sie im Rausch hinweg
Ich kehr dem Kneipenglück den Rücken,
Dring durch bis zur Vernunft, zum Recht.
Ich, freier Geist, werd mich nicht bücken,
Ich bin nicht dumm und bin kein Knecht.“(Ars poetica)
Die hauptberuflichen Dichter versuchten nicht einmal, dem Horthy-Regime Widerstand zu leisten. Sie kritisierten es zwar, gaben die Schuld für dessen „Entscheidungen“ aber größtenteils der Bevölkerung und verglichen die „brutalen, primitiven“ Massen in Ungarn mit dem „kultivierten Westen“. Natürlich weigerten sich diese Dichter, Józsefs revolutionäre Werke in ihren Literaturzeitschriften zu veröffentlichen – Gott bewahre, dass etwas anderes als ein offener Mittelfinger gegen die Arbeiterklasse, versteckt unter Schichten poetischen Durcheinanders, an die Öffentlichkeit gelangte. So musste Attila József nicht nur gegen Zensur, Klassenjustiz und Hunger, sondern auch gegen diese Leute ankämpfen. Und er kämpfte in der Tat, wie sein Artikel „Das Essensgeld der arbeitslosen Dichter“ beweist, in dem er die Bitten dieser Dichter um staatliche Unterstützung kritisiert.
„Die betreffenden Dichter haben sich vom Leben zurückgezogen. Sie sind zutiefst unglücklich und leben doch in einer Schein-Elendssituation. Sie trinken schwarzen Kaffee im Café, anstatt in der Kantine zu Mittag zu essen. (…) Die Bevölkerung isst Suppe und Gemüse statt schwarzen Kaffee und stellt sich, bildhaft gesprochen, denselben emotionalen und spirituellen Problemen wie Shakespeares Könige oder Hamsuns und Reymonts Bauern und Vagabunden. (…) Die meisten unserer Schriftsteller sind jedoch unfähig, darauf zu antworten; sie sind vom Leben abgekoppelt, sie haben keine gemeinsamen Erfahrungen mit dem Publikum… (…) Sie können nicht nach den wirklichen Bedürfnissen schreiben, weil sie die wirklichen Bedürfnisse nicht kennen. Kann man ihnen helfen? Ich glaube nicht. (…) Jegliche institutionelle Unterstützung, die Werke nicht belohnt, die dem Schriftsteller durch das Elend der Poeten hilft, nur weil er Poet ist, verlängert das falsche Leben eines Künstlers und reißt diese talentierten, zum Ausdruck fähigen Seelen noch mehr aus der formenden Hand der Realität.“
Attila József lieferte ein Beispiel, dass Künstler auch anders Kunst machen können. Es ist das Ziel jedes revolutionären Künstlers, zu beweisen, dass Kunst kein Luxus ist, den nur wenige Privilegierte genießen können, sondern vielmehr Teil des Menschseins. Darüber hinaus ist Kunst ein mächtiges Werkzeug, das von einem organisierten Revolutionär genutzt werden kann, um die Menschheit von ihren Fesseln zu befreien.
(Funke Nr. 241/19.02.2026)