Ich absolviere gerade meine Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege und hatte im Winter mein erstes Praktikum auf einer Demenzstation in einem Pflegeheim. Von Sandro Tsipuras, RKP-Studierender.
Schon am ersten Wochenende, nachdem mein Praktikum begonnen hatte, schlug ein Bewohner eine wehrlose Mitbewohnerin, Frau C., derart mit der Faust ins Gesicht, dass sie zur Abklärung ins Krankenhaus musste.
Man hat uns beigebracht: „sichere Pflege leisten“ bedeutet, Patientinnen vor dem zu beschützen, was ihnen schadet oder ihre Sicherheit gefährdet. Doch der Sparzwang des Kapitalismus zwingt diese wehrlose Frau dazu, weiterhin Tür an Tür mit dem Frauenschläger zusammenzuleben. Solang das Geld fehlt, um potentiell gefährliche Patienten dauerhaft auf einer psychiatrischen Station unterzubringen, wo sie adäquat betreut werden könnten, können Pflegeheime keine sicheren Orte sein.
In diesem System ist auch der Schutz des Personals nichts wert. Derselbe Täter, der Frau C. zusammengeschlagen hat, wird auch zu Pflegepersonen schnell gewalttätig. Einmal verfehlte er mein Gesicht mit seiner Faust nur um Millimeter, ein anderes Mal bespuckte er mich mit Suppe.
Diese Zustände zeigen überdeutlich: Die Welt der Pflege ist nicht so, wie wir sie gerne hätten, weil der Profit und das Budget über dem Menschen stehen. Es ist einfach empörend, dass im Kapitalismus lieber in Kriegstüchtigkeit oder Steuergeschenke für Reiche investiert wird, als dass wir ein ausfinanziertes Gesundheitswesen bekommen.
Ein sicheres Umfeld für Patienten und Personal zu schaffen – die schöne, aber leere Phrase des ICN-Ethikkodex lautet: „frei von Gewalt, Missbrauch und Übergriffen“ – ist letztlich keine Frage der individuellen Reflexion, von „Coping-Strategien“ oder „Resilienz“, sondern eine politische Aufgabe. Sie kann nur erfüllt werden, wenn wir uns organisieren und harte Arbeitskämpfe gegen diese unmenschliche Sparpolitik führen.