Indiens Kakerlaken lassen sich nicht zertreten


Das revolutionäre Potenzial des indischen Subkontinents ist gewaltig: 2022 stürzten die Massen in Sri Lanka in einem heroischen Kampf die korrupten Rajapaksa-Brüder. Ein ähnliches Schicksal ereilte 2024 die verhasste Sheikh Hasina in Bangladesch, in Nepal stürzte eine Gen-Z-Revolution die Regierung und zündete das Parlament an, im pakistanisch kontrollierten Teil von Kaschmir findet eine revolutionäre Massenbewegung statt. Nun findet die große Wut in der Jugend nun auch in Indien einen Ausdruck: Was als Witz im Internet begann, wurde innerhalb von wenigen Wochen zu einer Bewegung von hunderttausenden Menschen und erzwang den Rücktritt eines Ministers. Von Valentin Iser
Der Anteil von 15- bis 30-Jährigen an der indischen Gesamtbevölkerung ist etwa so groß wie die Bevölkerung der USA. Doch die Aussichten für sie sind bescheiden: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 15%, unter Hochschulabsolventen liegt die Arbeitslosigkeit bei 40%, zwei Drittel der Arbeitslosen haben einen Hochschulabschluss.
Dass der oberste Richter Indiens dann die arbeitslosen Jugendlichen als arbeitsscheue Kakerlaken bezeichnete, brachte das Fass zum Überlaufen. Ein indischer Student in Boston ging viral, als er auf X fragte: „Was, wenn sich die Kakerlaken alle zusammentun?“ So entstand die Satirepartei „Cockroach Janata Party“ (CJP) – als Wortspiel zu Modis herrschender Bharatiya Janata Party.
Zur etwa gleichen Zeit wurde der berüchtigte Aufnahmetest für Medizin wegen geleakter Fragebögen annulliert und über 2 Millionen angehende Studierende müssen den Test wiederholen. Der Beweis, dass harte Arbeit und Leistung kein Match für reiche Eltern und Verbindungen in Institutionen sind – die Fragen wurden an ein teures privates Coachingprogramm geleakt. Vor allem für Studierende aus armen Verhältnissen war das ein schwerer Schlag, 17 Suizide werden damit in Verbindung gebracht.
Die CJP rief zu Demonstrationen auf und Tausende campierten in Delhi, um den Rücktritt des Bildungsministers zu fordern. Nachdem Ende Juli ein Aktivist aus dem Camp festgenommen wurde, begann ein spontaner Marsch aufs Parlament, der brutal niedergeschlagen wurde. Die Bilder der Gewalt und Repression lösten eine Welle der Empörung in ganz Indien aus. Mit Schlagstöcken, Tränengas und Gummigeschossen ging man auf die friedlichen Studierenden los, räumte ihr Camp und nahm etliche fest.
Doch die Bewegung breitete sich nur weiter aus und wuchs. Eine Bauerngewerkschaft, die Modi schon einmal eine Niederlage zugefügt hatte, kündigte an, den Studierenden zur Hilfe zu kommen, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Deswegen gab Modi letztlich nach und der Bildungsminister trat zurück. Modi und die Herrschenden hatten die Gen-Z-Revolutionen der letzten Jahre im Nacken gespürt, denn sie haben nicht vergessen, wie die verhasste Premierministerin Hasina vor zwei Jahren im Hubschrauber aus Bangladesch flüchten musste, nachdem sich ganz ähnliche Proteste der Studierenden über Korruption und Quoten in Unis auf die breitere Arbeiterklasse ausbreiteten. Wie in Bangladesch vor zwei Jahren begann die Bewegung bei Studenten aus der Mittelschicht, die eigentlich aus besseren Verhältnissen kommen und teilweise sogar im Ausland studieren – bei weitem nicht die unterdrückteste Schicht in Indien –, doch fand sie auch Anklang bei den breiteren Massen der Arbeiter und Bauern.
Der Erfolg der Kakerlaken zeugt von einem tiefen Misstrauen in alle Parteien und das politische Establishment. Sie haben bewiesen, dass Modi nicht unbesiegbar ist. Der Rücktritt war ein wichtiger Teilsieg. Aber die Führer der CJP sind Zufallsfiguren, die keinerlei Erfahrung oder revolutionäre Perspektive haben. So machten sie den großen Fehler, sich auf den Rücktritt dieses einen Ministers zu beschränken – doch dieser wurde prompt von Modi durch einen noch reaktionäreren Minister ersetzt, der Mitglied einer hindunationalistischen paramilitärischen Gruppe ist!
Das zeigt, dass der nächste Schritt die Ausweitung der Bewegung sein müsste. Kein Vertrauen in die bestehenden Institutionen! Denn Modis Regierung wartet nur auf den richtigen Moment, um zurückzuschlagen. Die Studierenden können von den Lehren aus Bangladesch lernen: Als sich dort die Studierenden in Komitees organisierten und gemeinsam mit der Arbeiterklasse einen Generalstreik ausriefen, gab es niemanden mehr, der sie hätte stoppen können!
(Funke Nr. 246/03.09.2026)