Wo steht der Ukrainekrieg?
Der Krieg in der Ukraine dauert mittlerweile länger als der 1. Weltkrieg. Doch das imperialistische Schlachten macht keine Anstalten, zu enden – im Gegenteil: Seit dem Scheitern des Alaska-Gipfels und der Verhandlungen im Winter zwischen Russland und den USA sehen wir seit Monaten immer mehr Zeichen für neue Eskalationen. Warum ist das so? Florian Keller.
Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit. Die Mächtigen dieser Welt werden immer jede demagogische Ausrede, jedes Lockmittel verwenden, um die Arbeiterklasse für ihre eigenen Interessen auf die Schlachtbank zu führen. Wer den ersten Schuss abfeuert, ist nicht entscheidend. Wie Lenin schon zu Beginn seines Buches „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ festhielt, das er inmitten des 1. Weltkrieges zur Orientierung der Arbeiterklasse in diesem gewaltigen Völkerschlachten schrieb:
„der Beweis für den wahren sozialen oder, richtiger gesagt, den wahren Klassencharakter eines Krieges ist selbstverständlich nicht in der diplomatischen Geschichte des Krieges zu suchen, sondern in der Analyse der objektiven Lage der herrschenden Klassen in allen kriegführenden Staaten.“ (Lenins Hervorhebungen)
Auch der Ukrainekrieg ist ein klassischer imperialistischer Krieg – ein reaktionärer Krieg der Großmächte und Kapitalisten um die Neuaufteilung von Einflussgebieten, Märkten und damit letztendlich um die Profite, die aus der Arbeiterklasse herausgepresst werden. Im Kern ist es ein (Stellvertreter)krieg zwischen einer Zweckgemeinschaft der westlichen Imperialisten, die die Ukraine unterstützen, auf der einen und dem russischen Imperialismus auf der anderen Seite.
Die Interessen der westlichen Räuber
Die westlichen Imperialisten sind sich einig, dass Russland geschwächt werden soll, um einen Konkurrenten loszuwerden – aber damit enden die gemeinsamen Interessen auch schon. Zwischen den militärisch verbündeten USA und Deutschland findet ein eigener „Krieg im Krieg“ unter der Oberfläche statt.
Die USA haben über Jahrzehnte systematisch daran gearbeitet, die immer engere wirtschaftliche Kooperation zwischen Russland und den europäischen Ländern (insbesondere Deutschland) zu zerstören, während Deutschland diese Kooperation mit Russland gesucht hat, um die wirtschaftliche und militärische Dominanz der USA ausbalancieren zu können.
Mit dem Ukrainekrieg wurde diese Verbindung gekappt. Spätestens mit der Sprengung der Nordstream-Pipeline Ende 2022 haben sich die Positionen innerhalb des westlichen Lagers daher um 180° gedreht: Das deutsche Kapital wurde von den USA in den Krieg mit Russland gezwungen. Die Folgen sind massiv steigende Energiepreise und sinkende Wettbewerbsfähigkeit. Jetzt muss es daher unter Strafe des Untergangs umso härter mit dem russischen Kapital darum kämpfen, dass es weiterhin das Recht hat, durch die Ausbeutung der Arbeiter in Osteuropa fett zu werden. Daher ist Deutschland mittlerweile zum Hauptfinanzier des Ukrainekrieges geworden. Wo in den Jahrzehnten davor „Diplomatie“ und „Frieden“ die salbungsvollen Wortspenden der meisten deutschen (und in ihrem Schlepptau: der österreichischen) Politiker dominierten, wird daher jetzt unter dem Deckmantel der „Verteidigung nationaler Souveränität und Freiheit“ jeder ukrainische Drohnenangriff frenetisch gefeiert und massiv aufgerüstet.
Die USA haben dagegen den Raum gewonnen, zu versuchen, diese verbesserten wirtschaftlichen Positionen in Europa durch einen diplomatischen Ausgleich mit Russland abzusichern – was die Trump-Regierung mit dem ihr typischen Stil eines pompös aufgeblasenen Zickzackkurses auch versucht.
Russlands Kriegsführung
Russland führt den Krieg gegen die Ukraine, um das Land aus dem Einfluss des westlichen Imperialismus herauszubrechen und wieder ins eigene Einflussgebiet zu holen. Dabei hat der russische Staat aber von Anfang an versucht, dieses Ziel mit dem Einsatz möglichst geringer Ressourcen zu erreichen. Der Grund dafür ist klar: Jeder Krieg bedeutet eine enorme Anspannung gesellschaftlicher Kräfte, schmälert Profite und spitzt die politischen Widersprüche und vor allem die Klassenwidersprüche im eigenen Land zu – die eigene revolutionäre Geschichte dient Russlands herrschender Klasse hier als Warnung.
Russland hat im Vergleich zur Ukraine eine viel stärkere industrielle Basis und eine heute ca. 5 x so große Bevölkerung. Daher war die russische Strategie spätestens ab 2023, den Krieg mit einer langfristig tragbaren „Halbmobilisierung“ zu führen: Die Armee konnte stetig auf Basis von hohen Soldzahlungen vergrößert werden. Die starke, aus der Planwirtschaft der Sowjetunion geerbte industrielle Basis wird für ein Ausmaß der Militärgüterproduktion genutzt, das die Ukraine nicht annähernd leisten kann und das in einigen Kennziffern sogar den gesamten Westen übertrifft – etwa in der Produktion von Artilleriegranaten, die zu Millionen in einem grausamen und blutigen Abnutzungskrieg an der Front eingesetzt werden. Auf dieser Basis ist die Ukraine seit Jahren in einer strategischen Defensive und Russland rückt in der Ostukraine vor, zuletzt vor allem in der Stadt Konstjantyniwka.
Die Front stockt
Doch der Preis für jeden Meter gewonnenen Boden steigt seit Monaten und Jahren stetig an. Der zentrale Grund dafür ist die völlige Veränderung der Kriegsführung in den letzten fünf Jahren, die insgesamt die Offensive gegenüber der Defensive immer tödlicher macht. Der massive Einsatz von verschiedenen Drohnen, die immer integrierter mit Überwachungstechnologie aller Art das Schlachtfeld überwachen, Soldaten und Fahrzeuge jagen und immer größere Teile der Logistik übernehmen, schafft ein völlig transparentes Schlachtfeld und macht jede Bewegung schon dutzende Kilometer hinter der Front zu einer tödlichen Gefahr. Die Entwicklung ist hier enorm: Vor 3 Jahren schätzte der amerikanische Militärexperte Michael Kofman noch, dass das ukrainische Militär im Monat etwa 10.000 Drohnen verbrauchen würde, was damals schon eine massive Steigerung zur Vorperiode war. Jetzt hat sich dieser Wert mehr als verhundertfacht: Der ukrainische Verteidigungsminister hat angekündigt, dass die Ukraine dieses Jahr 20 Mio. Drohnen aller Typen produzieren kann, wenn das Geld dafür bereitgestellt wird.
Angriffe erfolgen daher fast ausschließlich durch die Infiltration einzelner Soldaten, die bei Nacht und Nebel (und über Gasleitungen, Abwasserkanäle etc.) versuchen, der Drohnenüberwachung zu entgehen, die den fast sicheren Tod bedeutet. Diejenigen, die das schaffen, verstecken sich über Tage, oft Wochen und manchmal monatelang kaum versorgt in Kellern und Erdlöchern, genauso wie die verbliebenen Verteidiger – bis eine Seite genügend Soldaten herangeschafft hat, um die Gegenseite tatsächlich zurückzudrängen, oder bis sie entdeckt und getötet werden. Hunderte Soldaten auf beiden Seiten ziehen es vor, diesem ständigen Warten auf den Tod durch Selbstmord zu entfliehen. So ist eine riesige „Grauzone“ an der Front entstanden, die niemand wirklich kontrolliert, in der aber jede Offensive enorme Opfer fordert.
Letztes Jahr war es Russland, das mit seiner materiellen Überlegenheit und auch dem massenhaften Einsatz von glasfasergeleiteten Drohnen die Initiative hatte und die Logistik und Verteidigung der Ukraine unter Druck brachte. Jetzt ist es die Ukraine, die mit weiterreichenden Drohnen russischen Nachschub und Militärtechnik schon hunderte Kilometer hinter der Front erfolgreich angreift und damit die Vorwärtsbewegung der russischen Armee noch weiter verlangsamt hat.
Der Luftkrieg eskaliert
Während so die Front zunehmend stagniert, wird die strategische Luftkriegsführung immer dynamischer und eskaliert wöchentlich weiter. Die russischen Angriffe auf ukrainische Kraftwerke, Tankstellen und Logistikzentren finden immer weniger westliche Luftabwehrsysteme und – Munition vor. Insbesondere die immer größeren Angriffe mit ballistischen Raketen richten daher massive Zerstörung an.
Aber auch auf diesem Gebiet hat die Ukraine aufgeschlossen und wird auf eine Art offensiv, die Russland weh tut: Unter Druck des russischen Vormarsches wurden die am Beginn des Krieges bestehenden Beschränkungen für die Ukraine für Angriffe auf die russische Wirtschaft vom Westen gelockert. Zu den Angriffen auf die Logistik kommen jetzt auch Angriffe mit Langstreckendrohnen, die in ihrer Zahl mittlerweile an die russischen herankommen und bis mehrere tausend Kilometer von der Grenze entfernt jeden Tag Ölterminals, Raffinerien und Fabriken in Russland angreifen. Mittlerweile hat das zu ernstzunehmender Treibstoffknappheit geführt. Das sorgt für Engpässe für die Massen in Russland und für wachsenden wirtschaftlichen Druck – beispielsweise mussten Exporte gestoppt werden und Benzin muss teuer aus anderen Ländern zugekauft werden, auch die Einbringung der Ernte ist in verschiedenen Regionen gefährdet.
Das Phantom eines ukrainischen Sieges
Auf Basis dieser ukrainischen Erfolge im Krieg beginnen die ersten Propagandisten in Pickelhaube schon wieder, von einem ukrainischen Sieg zu träumen. Doch Träume sind Schäume – diese Perspektive ist völlig unrealistisch.
Die Ukraine ist der Kleinste in diesem Spiel, aber genauso ein reaktionärer Räuber. Nach den erfolgreichen Gegenoffensiven zu Beginn des Krieges zeigte sich dieser Charakter der ukrainischen Oligarchie, die in ihrer reaktionären Rolle ihren westlichen und russischen Klassengeschwistern um nichts nachsteht. Damals wurde auf einmal von einer „Dekolonisierung Russlands“ (sprich: einem Eroberungskrieg gegen das Land) geredet. Das zeigt, dass die marxistische Analyse des imperialistischen Krieges völlig korrekt ist: Selbst der schwächste Imperialist in dieser Reihe wird jede noch so kleine Chance versuchen zu nutzen, seinerseits aus der Defensive in eine Offensive zu kommen, um Märkte zu erobern und Menschen zu unterjochen. Der Ukrainekrieg hat kein Gramm progressiven Inhalt.
Die Ukraine kann nur deshalb bestehen, weil sie von Beginn des Krieges an die gesamte Gesellschaft auf den Krieg ausgerichtet hat und das angesichts des russischen Angriffs und der weit verbreiteten Verteidigungsstimmung auch gegenüber der Arbeiterklasse durchsetzbar war. Aber nach fünf Jahren Krieg hat dieser Zustand zu einer tiefen gesellschaftlichen Krise geführt.
Während zu Beginn Hunderttausende freiwillig in die Armee geströmt sind, gibt es mittlerweile sogar ein eigenes Wort für die Praxis der ukrainischen Militärpolizei, diejenigen Männer im wehrfähigen Alter, die sich die Bestechungsgelder nicht leisten können, einfach von der Straße zur Front und damit in den schnellen Tod zu verschleppen: „Busifizierung“. Gerade im vergangenen Winter, als die Lage am zugespitztesten war, nahm auch der Widerstand gegen diese Praxis so weit zu, dass nicht einmal die westlichen Propagandamedien die Augen davor verschließen konnten. Es gibt ca. 2 Mio. Männer, die sich trotz Einberufungsbefehl nicht zum Militär melden und etwa 200.000 Soldaten (ein Fünftel der Soldaten) haben sich unerlaubt von der Truppe entfernt oder sind desertiert. Das ist ein Zeichen dafür, dass immer weniger dazu bereit sind, sich in diesem Krieg zu opfern – aber auch ein Zeichen der extremen materiellen Überspannung der ukrainischen Armee, deren Soldaten nicht selten seit 2022 ohne Pause im Kampfeinsatz stehen.
Dass diese Situation auch jetzt nicht ansatzweise gelöst ist, zeigen die Reformen, die der ukrainische Verteidigungsminister vorgestellt hat. Einerseits wird versucht, mit der Aussicht auf 6 Monate Pause in ferner Zukunft (in bis zu 2 Jahren) die Soldaten noch einmal zu motivieren. Andererseits soll eine massive Solderhöhung dazu genutzt werden, mittelfristig bis zur Hälfte (!) der ukrainischen Infanterie aus ausländischen Söldnern zu stellen.
Um mit der russischen Armee mithalten zu können, gibt die Ukraine 40% der eigenen Wirtschaftsleistung für das Militär aus – ein Wert, der nicht nur mit Abstand der höchste der Welt ist, sondern der auch nur durch die massiven Zahlungen aus dem Westen aufrechterhalten werden kann. Die Ukraine ist so eine völlige Schuldkolonie des Westens geworden. Der Spielraum, den sie hat, ergibt sich nur daraus, dass sie eine der beiden kampferprobtesten Armeen und Militärtechnologien der Welt hat und in den aufklaffenden Widersprüchen zwischen Deutschland und den USA einen gewissen Raum für Manöver hat.
In der strategischen Defensive mag sich die Front für die Ukraine derzeit aus den oben genannten Gründen stabilisieren. Doch selbst wenn wir annehmen, dass sie auf einmal mehr Soldaten und Militärtechnik mobilisieren könnte als Russland (was völlig unrealistisch ist), hieße das nur, dass sie gegen dieselben taktischen Probleme anrennen würde, die jetzt die russische Armee hat. Die Ukraine kann den Krieg nicht gewinnen (was nach den zu Kriegsbeginn genannten Zielen mindestens eine Rückeroberung der durch Russland kontrollierten Gebiete inklusive der Krim bedeutet), sondern je nach Kriegsglück höchstens die Gebietsverluste begrenzen, indem sie die russische Armee zum Stehen bringt. Und auch wenn kurzfristig die Linien stabil sind – längerfristig besteht weiterhin die Möglichkeit, dass die Ukraine unter dem Druck zusammenbricht, insbesondere wenn Russland den Krieg weiter eskaliert.
Die Perspektive: weitere Eskalation
Imperialistische Kriege werden letztendlich für die Erwartung von größeren Profitmöglichkeiten (oder die Verhinderung von Verlusten) geführt. Es ist daher eine ständige Abwägung aller Beteiligten, ob sich der Einsatz angesichts der Perspektiven noch lohnt oder ob versucht wird, ein Abkommen mit den anderen Räubern zu schließen, das das neue Kräfteverhältnis zumindest für eine gewisse Zeit festschreibt. Das gilt für die westlichen Länder, aber auch für Russland.
Bei den Verhandlungen in Alaska letztes Jahr zwischen Russland und den USA hat sich herauskristallisiert, dass es nach vier Jahren Krieg zumindest zwischen den USA und Russland die Grundlage für so einen Deal gibt. Es würde den Rahmen hier sprengen, genauer auf alle wirtschaftlichen und politischen Bedingungen einzugehen, die daraufhin in einem (wohl zuvor zwischen den USA und Russland akkordierten) 28-Punkte-Plan dargelegt worden sind. Nur so viel: Es zeigte sich, dass auf der rein territorialen Ebene die Mindestbedingungen für Russland die gesamthafte Kontrolle des Donbas und die faktische Anerkennung des größten Teils der anderen von ihm kontrollierten Gebiete ist.
Doch dieser „Geist von Alaska“ ist vorerst gescheitert. Es hatte sich gezeigt, dass die europäischen Imperialisten und die Ukraine gemeinsam stark genug waren, um zu verhindern, dass ihnen dieser Deal aufgezwungen werden konnte. Laut eines Financial-Times-Artikels haben die russischen Generäle Putin daraufhin versprochen, das territoriale Ziel der Eroberung des Donbas dieses Jahr auf dem Schlachtfeld zu erreichen, um damit in einer stärkeren Position an den Tisch zurückkehren zu können. Doch angesichts der oben genannten Dynamik können wir nicht nur davon ausgehen, dass auch dieses Ziel scheitern wird – die Kosten des Krieges werden für Russland gleichzeitig durch die erfolgreiche strategische Luftkampagne der Ukraine immer höher.
Der preußische Militärtheoretiker Clausewitz definierte Krieg als ein Mittel, um dem Gegner seinen Willen aufzuzwingen. Wir können aus dem Gesagten festhalten, dass es unrealistisch ist, dass die Ukraine jemals damit Erfolg haben wird – aber auch, dass Russland das bisher mit der Ukraine nicht geschafft hat und in den kommenden Monaten aller Voraussicht nach auch nicht schaffen wird.
Die Widersprüche, wie man mit diesem Fakt umgehen soll, wachsen in Russland stetig an. Das „Weiter wie bisher“ bringt immer weniger Ergebnisse und wird immer teurer. Die russischen Aktienkurse beginnen zu fallen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Fakt, dass Russland wenig Spielraum hat, auf andere Bedrohungen der Interessen zu reagieren, wie etwa in Afrika und im Nahen Osten (mit dem Fall von Assad in Syrien), im Kaukasus (mit der Entflechtung von Armenien und Aserbaidschan vom eigenen Einfluss), in Zentralasien (wo China und der Westen versuchen, die zentralasiatischen Länder in die eigene Einflusssphäre zu bekommen) und nicht zuletzt am Balkan (wo die USA gerade mit neuer Flüssiggasinfrastruktur Fakten schaffen, um den Einfluss Russlands zurückzudrängen).
Die beiden Optionen, damit umzugehen, sind: ein Deal, um den drückenden Krieg loszuwerden, der aber angesichts der Situation schlechter als gewünscht ausfallen würde – oder eine Eskalation mit einer breiteren Mobilisierung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und militärischen Reserven und Optionen, die Russland noch zur Verfügung stehen.
Der Chef der Sberbank (der größten Bank Russlands), Herman Gref, sagte bei der Hauptversammlung der Aktionäre, er glaube nicht, „dass es in diesem Land jemanden gibt, dessen wichtigstes Anliegen etwas anderes ist als ein möglichst schnelles Ende der Kampfhandlungen“. Doch ein Deal jetzt, der zum Beispiel die Frage einer starken ukrainischen Armee an der Grenze ebenso unbeantwortet ließe wie die Frage der Sanktionen, die seit 2014 immer drückender geworden sind, würde Russland in einer schlechten strategischen Situation zurücklassen. Daher ist es wahrscheinlicher, dass letztendlich der zweite Weg sich durchsetzt: das Nutzen des weiterhin vorhandenen militärischen, wirtschaftlichen und demographischen Vorteils für eine weitere Eskalation.
Die Zeichen dafür mehren sich: Zum Beispiel sprach der russische Regierungssprecher Peskow zum ersten Mal davon, dass ein Krieg stattfinden würde, nicht mehr eine „militärische Spezialoperation“, weil „Kiew aus Berlin, Paris, Den Haag, Oslo und leider auch aus Washington unterstützt wird“. Eine offizielle Kriegserklärung könnte die rechtliche Basis für eine massenhafte Mobilisierung von Wehrpflichtigen legen. Diskutiert wird auch die Zündung einer Atomwaffe etwa über dem Schwarzen Meer, um Druck zu machen. Es gibt viele Optionen.
Eine andere offene Flanke ist die massive Militärproduktion der und für die Ukraine, die außerhalb des Landes stattfindet und den russischen Angriffen entzogen ist – in Polen, im Baltikum, in Deutschland und anderen Ländern. Es ist durchaus denkbar, dass Russland einen Angriff auf die Kriegsproduktion in einem dieser Länder (am ehesten eines der schwächeren) in Erwägung zieht. Peskow drohte etwa in einem Interview Polen unverhohlen.
Diese Eskalationslogik reiht sich auch in den immer geringer werdenden Spielraum zu balancieren für Weißrussland ein, das von beiden Seiten unter Druck ist. Russland baut eine Drohnenfabrik im Land für 100.000 Drohnen pro Monat. Selenskyj drohte dem Land seinerseits erst mit einem Angriff, falls Relaisstationen für russische Drohnen nicht abgeschaltet werden sollten, jetzt, falls weiter Benzin in großem Ausmaß an Russland geliefert werden sollte. Dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenko geht in dieser Gemengelage schnell der Raum zum Manövrieren aus.
Nur die Arbeiterklasse kann den gordischen Knoten zerschlagen
So geht das Schlachten auf absehbare Sicht weiter und es ist angelegt, dass sich das Ringen der Mächtigen sogar weiter intensiviert.
Für die Arbeiterklasse war, ist und bleibt der Krieg eine Katastrophe. Am direktesten gilt das natürlich für die ukrainische und die russische. Niemand weiß, wie viele Opfer der Krieg bisher gefordert hat – aber es sind auf jeden Fall Hunderttausende Tote und Millionen Verwundete, vor allem Soldaten, aber auch Zivilisten auf beiden Seiten. Es sind zum größten Teil mobilisierte Arbeiter in Uniform sowie die Ärmsten der Gesellschaft, die durch Versprechungen von Freiheit, Verteidigung der Heimat und einem erträglichen Leben durch einen hohen Sold in den Tod geschickt und gelockt werden. Dazu kommen hunderttausende ausgebombte Familien und Millionen Flüchtlinge. Im vergangenen Winter sind das Stromnetz und die Wärmeversorgung in der Ukraine immer wieder zusammengebrochen – der kommende Winter wird noch härter werden. Auch in Russland wird der Krieg durch die Drohnenangriffe und insbesondere die angesprochene Treibstoffknappheit immer drückender.
Doch auch die Arbeiterklasse hier in Europa zahlt für den Krieg der Reichen – wenn auch indirekt: Beim NATO-Gipfel in Ankara, der bei Redaktionsschluss noch im Gange ist, sollen alleine die direkten Zahlungen an die Ukraine für 2026 und 2027 auf insgesamt 140 Mrd. USD erhöht werden – der allergrößte Teil davon aus Europa, spezifisch aus Deutschland. Jeder Cent davon wird durch Sparpakete in der Bildung, im Gesundheitssektor und bei den Pensionen bezahlt werden. Dazu kommen die immer schärferen Sanktionen gegen Russland, die durch das Zerreißen eines gewachsenen Wirtschaftsraumes zu massiver Deindustrialisierung und Inflation in Deutschland und Österreich führen.
Doch seit fünf Jahren wird die Arbeiterklasse von den reformistischen Organisationen völlig entwaffnet. Die Sozialdemokratie und die Führer der Gewerkschaften sind wie immer die willigen Steigbügelhalter für die “eigenen” Imperialisten: Heute ist für sie die Kriegsunterstützung nicht einmal mehr eine politische Frage, während gleichzeitig massive Einsparungen bemäntelt und Klassenkämpfe so weit wie möglich verhindert werden. Die linken Reformisten ergänzen diese Kapitulation im „besten“ Fall durch impotenten Pazifismus und den Appell an eine nicht existierende “Neutralität”, wie das etwa die KPÖ tut.
Die erste Aufgabe ist es daher, diesem Treiben aller Herrschenden ein klares kommunistisches Programm entgegenzusetzen. Wie wir schon wenige Tage nach Kriegsbeginn im RKI-Statement „Der Krieg in der Ukraine: ein internationalistischer Klassenstandpunkt“ festhielten, das heute nichts von seiner Bedeutung eingebüßt hat: „Die Position des revolutionären Marxismus sollte ein prinzipieller Klassenstandpunkt sein. Unsere Losung lautet: ‚Der Hauptfeind steht im eigenen Land.‘“ Auf dieser Basis ist es möglich, entschlossen den Klassenkampf gegen Lohnverluste, soziale Verschlechterungen, gegen Einsparungen und Militarismus zu organisieren.
Zentral ist, was hier im Westen bei den größten Räubern passiert: Wenn wir unseren Herrschenden die Waffen aus der Hand schlagen, wird das der russischen Arbeiterklasse die Hände frei machen: Sie hat noch lebendige Erinnerungen an die 1990er, als das Land nach dem Verrat der Stalinisten nicht nur der neuen Mafiaoligarchie, sondern auch den westlichen Imperialisten zum Fraß vorgeworfen wurde. Harte Klassenkämpfe und revolutionäre Bewegungen im Westen, für die es gute Ansatzpunkte gibt, würden der russischen Arbeiterklasse zeigen, dass ihre Klassengeschwister im Westen kein Gegner, sondern Verbündete sind. Kämpfe der russischen Arbeiterklasse wiederum würden den Massen in der Ukraine den Weg frei machen, gegen „ihre“ Oligarchen vorzugehen, die sie zu Hunderttausenden in den Tod schicken.
Das ist keine Utopie – genau das war die revolutionäre Dynamik am Ende des 1. Weltkrieges, als ein Dominostein nach dem anderen fiel und die Arbeiterklasse schließlich das imperialistische Schlachten beendete. Das ist die Perspektive, für die wir kämpfen – schließ dich uns an!
