Wir brauchen die Revolution! (Funke Nr. 243)


„Ihr hättet uns nur genug zum Leben zahlen müssen.“ So sprach der 29-jährige Lagerarbeiter Chamel Abdulkarim in seine Handykamera, als er während der Nachtschicht am 7. April mit ruhiger Hand systematisch seinen Arbeitsplatz in Brand setzte. Es handelt sich um ein Lagerhaus des Hygieneartikel-Konzerns Kimberly-Clark in Ontario/Kalifornien. Eine halbe Milliarde Euro an Klopapier und Inventur verbrannte zu Asche, kein Mensch kam zu Schaden, der Arbeiter stellte sich widerstandslos der Polizei. Was sagt dieses Ereignis über die Lage der Arbeiterklasse? Was sagt es über Gewerkschaften? Was sagt es über den Kapitalismus? Was hat das mit Kriegen und Völkermord zu tun? Von Emanuel Tomaselli
Und vor allem: Für welches Ziel und mit welchem Mittel kann die Arbeiterklasse kämpfen, um ihr Leben tatsächlich lebenswert zu machen?
Über einige dieser Fragen gibt Abdulkarim selbst Auskunft. In seiner Liveübertragung sprach er: „Die haben es verdient … verdammte acht Stunden, sechs Tage lang, gefangen in der Miete für eine beschissene Wohnung, in der ich mir das Leben verdammt noch mal nicht leisten kann … Pädophile, die hier Kinder missbrauchen und von [unverständlich] verdammten Kriegen profitieren.“ An seinen Schichtleiter schrieb er: „Ihr hättet uns einfach genug bezahlen müssen, um davon leben zu können. Uns mehr von dem Wert geben, den WIR schaffen. Nicht das Unternehmen. Ich habe nicht gesehen, dass die Aktionäre auch nur eine Schicht übernommen hätten.“
Überprüfen wir die Argumente des Brandstifters. Der Durchschnittslohn im Lagerhaus liegt bei 48.000 $ im Jahr, 15 % unter den Lebenserhaltungskosten einer Einzelperson in Kalifornien. Selbst zwei Vollzeitarbeitende können sich bei einer Sechstageswoche die Kosten für eine Kleinfamilie hier nicht erarbeiten.
Der Konzern Kimberly-Clark ist hoch profitabel und sehr großzügig zu seinen Aktionären. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte der Konzern mit 38.000 Beschäftigten einen Umsatz von 16,4 Mrd. und einen Nettogewinn von rund 2,02 Mrd. $. Diese von den Arbeitern geschöpften Profite werden konsequent im Sinne der Aktionäre eingesetzt. Insgesamt 1,8 Milliarden US-Dollar wurden an die Aktionäre ausgeschüttet oder in Aktienrückkäufe investiert. Anders gesagt: Die Eigentümer steckten sich so viel in die Taschen, wie 38.000 Lagerarbeiter verdienen. Eine Lohnerhöhung von 1000 $ im Monat für alle Beschäftigten von Kimberly-Clark würde den Profit des Konzernes auf 1,5 Mrd. senken. Selbst wenn alle Beschäftigten auf einen Schlag 4000 $ mehr verdienen, ist der Konzern profitabel.
Dies ist das Mysterium des kapitalistischen Eigentums, dass sich wie ein Vampir das Blut und die Nerven der Arbeiter einsaugt, um es in toten Reichtum zu verwandeln, der sich stets neues Leben einverleibt. Wir glauben kaum, dass Abdulkarim die Bücher von Karl Marx studiert hat. Wäre dies so, dann hätte er die Halle nicht angezündet, sondern er hätte unter seinen Kollegen politisch agitiert. Der Tradition der amerikanischen Arbeiterbewegung entsprechend hätte er versucht, eine militante Gewerkschaftsgruppe im Lager zu etablieren. Abdulkarim hat aus seiner Lebenserfahrung im Kapitalismus das Wesen der Ausbeutung erfahren.
Er ist kein Fatalist. Er beteiligte sich an einer Sammelklage gegen seinen früheren Arbeitgeber PrimeFlight Aviation wegen fehlender Überstundenauszahlung und Nichteinhaltung von Arbeitspausen. Im Jänner dieses Jahres wurde die Klage vor dem Arbeitsgericht abgewiesen.
Die Kriege, die Epstein-Klasse, der Völkermord – all das ekelt ihn an. Dies sind die gleichen Leute, die von seiner Ausbeutung als Arbeiter und Mieter leben. Dessen ist er sich ganz bewusst. Und hier ist er nicht allein, im Gegenteil. Millionen verstehen die Motive des jungen Arbeiters und applaudieren seiner Anklage. Kommentare lesen sich so: „Die Firma hat letztes Jahr 2 Milliarden $ Profit gemacht. Ich sage nicht, dass er das Richtige getan hat, ich sage nicht, dass er das Falsche getan hat. Ich sage, dass ich ihn verstehe“ oder: „Die Revolution der Arbeiterklasse beginnt. Eat the rich.“
Die amerikanische Arbeiterklasse ist in Gärung, massenhafte soziale Explosionen im mächtigsten kapitalistischen Land der Welt bahnen sich unterirdisch den Weg. Das Erwachen der US-amerikanischen Arbeiter ist von weltweiter Bedeutung. Der amerikanische Imperialismus ist die reaktionärste Kraft des Planeten. Er überzieht die Welt mit Kriegen und Sanktionen, ganz nach dem Interesse seiner Konzerne. Die US-Arbeiter, und nur sie, werden dies ganz beenden können.
Wie angespannt das Leben der Arbeiter im Herzen des Imperiums ist, zeigt sich in einem neuen Arbeitsplatzvideo, das die Stimmung weiter angeheizt hat. In einem Amazon-Lagerhaus in Portland brach ein Arbeiter in der Schicht tot zusammen. Versammelte Kollegen wurden vom Vorarbeiter so angesprochen: „Dreht euch um und schaut nicht hin. Geht wieder an die Arbeit!“. Amazon hat gerade eine Entlassungswelle von 30.000 Arbeitern erlebt, mehr sollen folgen. Das Unternehmen investiert massiv in künstliche Intelligenz. In einer Gesellschaft, die nach den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist, erleichtert und verkürzt neue Technologie die Arbeitszeit. In der kapitalistischen Fäulnis bedeutet es Arbeiterelend.
Seit dem Brand bis zum Redaktionsschluss sind über 40 weitere Brände in Lagerhäusern, Geschäften und auch der Erdölindustrie der USA ausgebrochen. Die meisten Brandursachen sind bisher nicht geklärt oder jedenfalls nicht öffentlich erklärt. Sicherlich befinden sich darunter Ereignisse, die sich aus dem normalen Gang der kapitalistischen Produktion erklären: mangelnde Arbeitssicherheit, fehlende Investitionen etc. Einige Ereignisse sind jedoch klar bewussten Taten zuordenbar, etwa der Brandanschlag auf einen Tesla-Standort oder die Brandlegung in einem Shoppingcenter.
Einen systematischen Charakter dürften terroristische Anschläge auf Manager und Einrichtungen von Technologiekonzernen annehmen. Die 27 Mio. teure Villa von Sam Altman in San Francisco sollte gebrandschatzt werden, dann die Zentrale seines Konzerns OpenAI. Zuletzt schossen zwei Mitte-Zwanzigjährige auf den Manager. Ein Begriff wurde geprägt: „Luigi-ing Tech CEOs“. Luigi ist jener junge Mann, der einen Versicherungsmanager tötete, nachdem sein Unternehmen seine schmerzbefreiende medizinische Behandlung wiederholt abgelehnt hatte.
Den Kapitalismus und seine Funktionsweise kann man nicht wegschießen, indem man auf Manager zielt. Der Leidensdruck der Arbeiterklasse und vor allem der Jugend, die keine Reserven und keine Chance auf ein sinnvolles Leben hat, ist echt. Die politisch Verantwortlichen für diese Verzweiflung sind die Gewerkschaften und die Reformisten, die keinen sinnvollen Kampf der Arbeiterklasse organisieren. Gerade sind in den USA und gleichzeitig in London Millionen auf der Straße, um gegen Trump und die Rechten zu demonstrieren.
„Wir setzen uns mit ganzer Kraft dafür ein, unsere Demokratie zu stärken, Beziehungen aufzubauen, die alle Gräben überbrücken, und gemeinsam die Probleme des Landes anzugehen“, so die Organisatoren in London. Also mit Liebe, Vielfalt und Einheit gegen Hass und Spaltung. Solche leeren Phrasen werden auch hierzulande gedroschen, wenn es Liberalen und Reformisten gerade sinnvoll scheint. Denkende Jugendliche und Arbeiter wissen, dass es eine Lüge ist, hinter der die Ausbeutung organisiert, die Kriege geführt und der Rassismus zur Norm erhoben wird.
Ein letzter Brückenschlag. Am selben Tag, an dem Chamel Abdulkarim seinen Arbeitsplatz niederbrannte, drohte der Präsident der Vereinigten Staaten damit, „eine ganze Zivilisation“ endgültig auszulöschen. Trump ist ein besonders abstoßender Repräsentant der Kapitalisten. Aber ehrlich bilanziert: Er spricht hier offen aus, was die Essenz einer jeden Politik ist, die das Privateigentum der Banken und Konzerne nicht beenden will.
Die Widersprüche des Weltkapitalismus können sich nicht mehr auflösen. Der Druck steigt ständig und entlädt sich in Krisen und reaktionären Kriegen. Aber auch in neue Massenbewegungen und Revolutionen. Die Vereinzelung wird sich in Solidarität verwandeln. Du kannst der Zukunft vorausgreifen, indem du dich organisierst, bildest und selbst für den Kommunismus wirbst. Wir laden dich ein, mit uns zu diskutieren. Die RKP ist Teil der Revolutionären Kommunistischen Internationale. In 60 Ländern kämpfen wir gemeinsam für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung.
Wien, 25.4.2026
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