Revolutionäre Finanzen: Die frühen Jahre der Arbeiterbewegung Österreichs


Die Arbeiterbewegung wurde dank des unermüdlichen Einsatzes und der Opferbereitschaft der Arbeiterklasse aufgebaut. Insbesondere in Österreich gilt es heute, diese Tradition unter einem Berg von Millionen an Staatsgeldern und ihrer korrumpierenden Rolle wieder auszugraben. Von Miriam Van den Nest und Martin Halder.
Die Arbeiterbewegung entstand aus dem Widerstand der Arbeiterklasse gegen Ausbeutung, Massenelend und Unterdrückung. Die Arbeiter und Arbeiterinnen, die sich in Gewerkschaften und Arbeitervereinen organisierten, verfügten damals über sehr wenig Geld und lebten oft von der Hand in den Mund. Doch sie gaben alles, was sie eben hatten – Zeit, Energie, die eigene Sicherheit, Geld –, um für die Verbesserung der Lebensbedingungen und das Ende der Lohnsklaverei zu kämpfen.
Neben den Mitgliedsbeiträgen für Partei und Gewerkschaft wurde regelmäßig für diverse Kampffonds gesammelt – für verhaftete Genossen, für den Agitationsfonds oder für den Aufbau einer eigenen Arbeiterinnenzeitung. Blickt man in die damalige Arbeiter-Zeitung, die ab 1889 wöchentlich und ab 1895 täglich erscheint, finden sich in jeder Ausgabe Auflistungen von hunderten Spenden, die aufgrund der staatlichen Repression unter Decknamen veröffentlicht wurden, die wunderschön die Breite und zunehmende Verankerung in der Arbeiterklasse darstellen.
Hier eine Auswahl aus dem Gründungsjahr der Arbeiter-Zeitung: Simmeringer Tarockpartie: 0,50 Gulden. Floridsdorfer Arbeiter: 1,6. Weinlesefest Villach: 1,41. Schwechater Schnapspartie: 0,15. Der Blonde von Favoriten: 0,20. Ein roter Linzer Maurer: 0,10. Der lustige Huf- und Kupferschmied: 6,6; Rother Schachspieler: 0,85; Genossen vom Bodensee: 0,30; Schülerin: 0,50
In der gleichen Ausgabe finden sich auch Angaben zu den Löhnen der Arbeiter der k. u. k. Westbahn – die Hälfte verdiente unter 1,20 Gulden am Tag, keiner mehr als 2.
Der Agitationsfonds wurde vor allem für die Unterstützung von Streiks verwendet. Neben den Tramwaykutschern (1889) und den Ziegelarbeitern (1895) war der Streik der Textilarbeiterinnen in Brünn (1899) einer der bedeutendsten. Er bekam europaweite Unterstützung, und es liefen regelmäßig Solidaritätserklärungen und Spendensammlungen aus Deutschland, Belgien und England ein. Das frisch erworbene Arbeiterheim in Brünn fungierte als Hauptquartier der Bewegung, wo sich die Streikleitung traf, Massenversammlungen abgehalten sowie die Streikenden mit Essen versorgt wurden. Insgesamt streikten 12.000 Arbeiterinnen zwei Monate lang, um sich schließlich gegen die Textilfabrikanten durchzusetzen. Durch entschlossene Klassenkämpfe wurden Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzungen sowie die ersten Kollektivverträge erstritten. Sie waren der Hebel zum Aufbau einer Massenbewegung mit tiefen Wurzeln in der Arbeiterklasse.
Inspiriert vom Brünner Beispiel setzten sich die Favoritner Arbeiter – anfangs gegen den Willen der Parteiführung – die Errichtung eines eigenen Arbeiterheims zum Ziel. Der Erwerb des Grundstücks wurde durch eine erfolgreiche Spendenkampagne sowie monatliche Beiträge für den Verein „Arbeiterheim in Favoriten“ finanziert. Das Heim wurde im modernsten Wiener Jugendstil von Hubert Gessner (einem Schüler Otto Wagners) entworfen und 1902 eröffnet. Es war ein rotes Haus der Arbeiterbewegung und diente als Veranstaltungsraum für Parteitage, als Theater, Kino oder Bibliothek für die Arbeiter und nicht zuletzt als wichtige Streikzentrale, etwa im Jännerstreik 1918.
All das ist für die Sozialdemokratie heute undenkbar. Im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs vor dem Ersten Weltkrieg bildete sich in der Arbeiterbewegung eine bürokratische Schicht heraus, die von statt für die Bewegung lebte und somit in einen immer schrofferen Gegensatz zu den Arbeitermassen geriet.
Heute ist dieser Umstand durch Millionen von Parteiförderungen einzementiert. Welcher Arbeiter würde es für nötig halten, einer Partei mehrere Tageslöhne zu geben, deren Mandatare monatlich über 5.000€ netto verdienen und im Anschluss an ihre politische Karriere hochdotierte Berater- oder Managerposten beziehen? Und noch viel mehr: Wer spendet für eine Partei, die gemeinsam mit den Bürgerlichen in der Regierung Angriffe auf die Arbeiterklasse mitträgt?
Um die kommenden Klassenkämpfe zu gewinnen, muss unsere Klasse politisch wie finanziell auf eigenen Beinen stehen. Das ist die Grundlage unserer Politik als RKP.
(Funke Nr. 241/19.02.2026)