Vollversammlung vs. ÖH: Unistreiks 1987/96


Vor 30 Jahren legte eine lückenlose Streikbewegung alle österreichischen Unis lahm; am Höhepunkt gingen über 50.000 auf die Straße. Zusammen mit dem Streik 1987 war dies die größte und fortschrittlichste Unibewegung des Landes. Zehntausende Studierende organisierten sich in Massenversammlungen und forderten nicht nur die Regierung und ihre Sparpolitik, sondern auch die blockierende ÖH-Vertretung heraus. Von Martin Halder
Durch den Nachkriegsaufschwung wuchs der Bedarf an akademischen Arbeitskräften so stark, dass die Bürgerlichen zähneknirschend die Öffnung der Universitäten akzeptierten. 1973 wurden durch die SPÖ-Alleinregierung Studiengebühren abgeschafft, finanzielle Unterstützungsmaßnahmen eingeführt und so vermehrt auch Kindern aus Arbeiterfamilien der Zugang zur Uni ermöglicht. Doch kaum zehn Jahre später wurden diese Reformen angegriffen: Kürzungen bei Familienbeihilfe, Stipendien, Freifahrt und Akademikertraining.
Diese Angriffe lösten 1987 einen Proteststurm aus. Ausgehend vom besetzten Audimax (größter Hörsaal der Uni Wien) wurde am 19.10. der Streik beschlossen. Am nächsten Tag versammelten sich erneut tausende Studierende im überfüllten Audimax, um eine Demo für den Folgetag zu planen, an der sich 10.000 beteiligten. In kürzester Zeit breitete sich die Bewegung auf alle wichtigen Unis in Wien, Salzburg und Graz aus, die Mehrheit der Wiener Gymnasien streikte und am 24.10. demonstrierten über 40.000 Studierende, Arbeiter und Pensionisten gemeinsam.
Die wichtigsten Fragen wurden direkt in der Vollversammlung im Audimax-Plenum diskutiert und per Abstimmung entschieden. Weiters wurden aus den Vollversammlungen der verschiedenen Instituten Delegierte gewählt, die sich bundesweit trafen und einen Streikrat wählten.
Dieser Grad der Organisierung war mehr als notwendig, da die von der ÖVP-nahen AG geführte ÖH offen gegen die Bewegung arbeitete. Unter dem Argument, sie seien die legitime Vertretung der Studierenden, hinderte der ÖH-Vorsitzende Stefan Szyszkowitz etwa Vertreter der Streikkomitees daran, auf einer Demo zu reden.
Während am 25.10. eine österreichweite Delegiertenkonferenz die Weiterführung der Streiks plante, erklärte Szyszkowitz am nächsten Tag den Streik für beendet. Eine Flut von ÖH-Flyer informierte über die „Aussetzung des Streiks“, während die Streikenden zur Fortsetzung aufriefen und die Räumlichkeiten der ÖH-Spitze besetzten.
Die linken ÖH-Fraktionen (VSSTÖ, KSV) standen in Opposition zur ÖH-Führung, versuchten allerdings, mit ihr einen Kompromiss zu erzielen. Im Zuge dessen argumentierten sie dafür, die Bewegung auf studentische Forderungen zu beschränken. Dies wurde vom Audimax-Plenum richtigerweise abgelehnt. Die Studierenden verstanden instinktiv, dass für den Erfolg der Bewegung der gemeinsame Kampf mit den Lehrenden und dem Rest der Arbeiterklasse notwendig ist. Die damaligen Privatisierungen und Entlassungen in der verstaatlichten Industrie boten hier Anlässe genug.
Doch die inkonsequente Haltung der linken Fraktionen gab Szyszkowitz Spielraum für weitere Manöver: Am 30.10. präsentierte er angebliche Verhandlungsergebnisse, die er schließlich in einer manipulativ gestalteten Urabstimmung (per Fragebogen an den Vollversammlungen vorbei) den Studierenden vorsetzte. Diese „Ergebnisse“ erwiesen sich als Luftschlösser, die ursprünglichen Sparpläne konnten nur geringfügig abgemildert werden.
Die Studierenden wurden von der konservativen ÖH-Führung, die offen gegen den Streik manövrierte, und den linken ÖH-Fraktionen, die um einen Kompromiss mit den Rechten bemüht waren, desorganisiert. Anfang November begann der Streik abzuebben und am 04.11. wurde das Audimax „freiwillig“ geräumt.
Dies verdeutlicht: Die Streikenden müssen die volle Kontrolle über ihre Bewegung erkämpfen. Nur Vollversammlungen können über den weiteren Verlauf und das Ende des Streiks entscheiden. Nur gewählte Vertreter der Bewegung haben das Mandat, Verhandlungen zu führen, zu deren Ergebnissen sie den Studierenden Rede und Antwort stehen müssen.
Im März 1996 brach die bisher größte Unibewegung aus. Noch nie zuvor streikten alle Universitäten gleichzeitig, und das 3 Wochen lang. Genau wie in den 1980ern war es die SPÖ-ÖVP-Regierung, die ein Sparpaket schnürte. Dieses Mal sollte die Familienbeihilfe an die Mindeststudiendauer (+1 Semester) gekoppelt werden, womit 30.000 Studierende diese Unterstützung sofort verloren hätten, und das Einkommen der Lehrenden rabiat gekürzt werden (um jährlich durchschnittlich 40.000 Schilling; am härtesten traf es Universitätsassistenten).
Ausgehend von der WU, wo das Unipersonal am 04.03. die Lehre aussetzte, begann die Bewegung. Erneut war der Dreh- und Angelpunkt das besetzte Audimax, in dem 2000 Studierende beschlossen, „in den aktiven unbefristeten Streik zu treten, bis das gesamte Sparpaket fällt“.
Am 14.03. demonstrierten 40.000 in Wien – 3.000 davon Schüler, die gegen den Willen des Stadtschulrats streikten –, 6.000 in Graz, 5.000 in Linz und 1.000 in Klagenfurt. Die WU, das Juridicum und selbst die Sportstudenten auf der Schmelz stellten eigene Demozüge. Am nächsten Tag gingen erneut 30.000 auf die Straße.
Die Bewegung entwickelte sich rasant: tägliche Massenversammlungen und Aktionen, wöchentliche Großdemos mit 10-15.000, die Server der Ministerien sowie von SPÖ und ÖVP wurden mit Millionen E-Mails „zugebombt“. Außerdem fanden selbstorganisierte „Ringvorlesungen“ statt – hunderte Studierende blockierten die Ringstraße und hielten dort Vorträge.
Im Unterschied zu 1987 war die ÖH-Führung jetzt „links“: Nach fünfzigjähriger Mehrheit der AG übernahm 1995 Agnes Berlakovich (VSStÖ) den Vorsitz – im Bündnis mit GRAS und anderen Fraktionen sowie unterstützt durch den KSV.
Das Motto war „Alles anders“. Doch die linken Fraktionen bemühten sich erneut, gemäßigt aufzutreten, um die Verhandlungsbasis mit Regierung und AG, die den Streik offen bekämpften, nicht zu gefährden. So forderten sie, die Uni Wien solle den „Ausnahmezustand“ verhängen, anstatt einen aktiven Streik zu organisieren. Die Vollversammlung im Audimax lehnte am 11.03. diesen Vorschlag ab und stimmte für richtige Kampfmethoden mit regelmäßigen Mobilisierungen.
In Wirklichkeit verteidigten die linken Fraktionen – wie die AG zuvor – den alleinigen Vertretungsanspruch der ÖH gegenüber der Bewegung. Aus diesem Grund konnte die Selbstorganisierung auch nicht so tiefe Wurzeln schlagen wie 1987. Das Audimax-Plenum spielte zwar eine zentrale Rolle, es wurde allerdings kein bundesweiter Streikrat gewählt.
Mit diesen Methoden konnte die Bewegung ihre Dynamik nicht weiter entfalten und neue gesellschaftliche Kräfte gewinnen. Es konnten zwar einzelne Zugeständnisse erreicht werden, doch die Bewegung blieb weit hinter ihrem Potenzial. Nachdem die Gewerkschaftsführung die Streikdrohung des Mittelbaus abgesagt hatte, um nicht die Verhandlungen mit der Regierung zu „gefährden“, begann der gesamte Streik nach den Osterferien zu bröckeln.
Wir müssen die Stärken und Schwächen dieser Bewegungen verinnerlichen, vor allem weil viel davon verlernt wurde. Diese Kampftraditionen erlebten Anfang der 2000er zwar ein Revival, doch die „Uni brennt“-Bewegung 2009 läutete eine Rückwärtsentwicklung ein: Hier dominerten postmoderne Ansätze, Abstimmungen wurden mit Skepsis beäugt, alles verlief sich in endlosen Diskussionen und Arbeitsgruppen, die die Bewegung defokussierten.
Studierende sind oft die Ersten, die sich gegen die ständigen Angriffe des Kapitalismus wehren. Ihre Stärke liegt darin, dass sie die Arbeiterklasse in diesem gemeinsamen Kampf mitreißen können und dazu braucht eine Unibewegung politische Perspektive, durchdachte Methoden und Organisation.
Derartige Bewegungen werden wiederkommen und um zu gewinnen, müssen wir zurück zu den besten Traditionen der 1980er und 1990er und darüber hinaus.
(Funke Nr. 242/24.03.2026)
Während des Unistreiks 1996 machte Der Funke seine ersten politischen Erfahrungen in einer bundesweiten Streikbewegung. Von Anfang an beteiligten sich Genossinnen und Genossen aktiv, mit Schwerpunkt auf der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Uni Wien.
Zentrales Instrument dabei war die Streikzeitung „Streik Infos“, die de facto wöchentlich erschien und für die Ausweitung der Bewegung sowie die Kontrolle der Streikenden über ihren eigenen Kampf argumentierte.
Darüber hinaus organisierten wir Infostände vor Schulen, Unis und in Arbeitervierteln, um die Mobilisierungen auszuweiten. Besondere Aufmerksamkeit erregte allerdings die von Funke-Aktivisten organisierte Besetzung der SPÖ-Zentrale in der Löwelstraße (siehe Bild). Krone, Kurier und Presse, die gegen die Bewegung hetzten, bezeichneten die Besetzer als wilde Anarchos.