…wird ein Feuer entfachen!

Der 23. Februar war internationaler Frauentag. In sozialdemokratischen Kreisen war geplant, ihn in üblicher Weise, durch Versammlungen, Reden und Flugblätter, auszuzeichnen. Keinem kam in den Sinn, daß der Frauentag zum ersten Tag der Revolution werden sollte...

Nicht eine einzige Organisation rief an diesem Tage zu Streiks auf. Mehr noch, die bolschewistische Organisation, und zwar eine der aktivsten, das Komitee des durchweg proletarischen Wyborger Bezirks, hielt entschieden vor Streiks zurück. Nach dem Zeugnis Kajurows, eines der Arbeiterführer dieses Bezirkes, war die Stimmung der Massen sehr – gespannt, jeder Streik drohte in einen offenen Zusammenstoß umzuschlagen Da aber das Komitee der Ansicht war, die Zeit für Kampfhandlungen sei noch nicht gekommen, die Partei noch nicht genügend gefestigt, die Arbeiter hätten mit den Soldaten zu wenig Verbindungen, beschloß es, nicht zum Streik aufzurufen, sondern Vorbereitungen zu treffen für ein Hervortreten in einer unbestimmten Zukunft. Diese Linie vertrat das Komitee am Vorabend des 23. Februar, und es schien, daß alle sie billigten. Am anderen Morgen jedoch traten den Direktiven zuwider die Textilarbeiterinnen einiger Fabriken in den Ausstand und entsandten Delegierte zu den Metallarbeitern mit der Aufforderung, den Streik zu unterstützen.

[…] Die Tatsache bleibt also bestehen, daß die Februarrevolution von unten begann, nach Überwindung der Widerstände der eigenen revolutionären Organisationen, wobei die Initiative von dem am meisten unterdrückten und unterjochten Teil des Proletariats, den Textilarbeiterinnen, unter denen, wie man sich denken kann, nicht wenig Soldatenfrauen waren, spontan ergriffen wurde. Den letzten Anstoß gaben die immer länger werdenden Brotschlangen. Ungefähr 90.000 Arbeiterinnen und Arbeiter streikten an diesem Tage. Die Kampfstimmung entlud sich in Demonstrationen, Versammlungen und Zusammenstößen mit der Polizei. Die Bewegung entwickelte sich im Wyborger Bezirk mit seinen großen Betrieben, von wo sie auf die Petersburger Seite übersprang. […] Eine große Menge Frauen, und zwar nicht nur Arbeiterinnen, zog zur Stadtduma mit der Forderung nach Brot. […] Es tauchten in verschiedenen Stadtteilen rote Banner auf, deren Aufschriften besagten, daß die Werktätigen Brot wollen, aber nicht mehr die Autokratie und den Krieg. Der Frauentag verlief erfolgreich, mit Schwung und ohne Opfer. Was er aber in sich barg, das ahnte am Abend noch niemand.

Am nächsten Tage flaut die Bewegung nicht nur nicht ab, sondern wächst enorm an. Etwa die Hälfte der Industriearbeiter Petrograds streikt am 24. Februar. Die Arbeiter erscheinen morgens in den Betrieben, gehen jedoch nicht an die Arbeit, sondern veranstalten Versammlungen und bilden Züge, die in das Stadtzentrum marschieren. Neue Stadtbezirke und neue Gruppen der Bevölkerung werden in die Bewegung einbezogen. Die Parole „Brot“ wird verdrängt und überdeckt von den Parolen „Nieder mit dem Selbstherrschertum“, „Nieder mit dem Krieg“. Ununterbrochene Demonstrationen auf dem Newski-Prospekt: Zuerst kompakte Arbeitermassen, revolutionäre Lieder singend, später erscheint die bunte städtische Menge, in ihr die blauen Mützen der Studenten.

[…] Den ganzen Tag ergossen sich Volksmassen aus einem Stadtteil in den anderen, wurden von der Polizei energisch auseinandergetrieben, von Kavallerie – teils auch Infanterieabteilungen – aufgehalten und zurückgedrängt. Neben den Rufen „Nieder mit der Polizei“ erscholl immer häufiger ein „Hurra!“ auf die Kosaken. Das war bezeichnend. Gegen die Polizei war die Menge von wildem Haß erfüllt. Die berittenen Schutzleute empfing man mit Pfiffen, Steinen und Eisstücken. Anders gingen die Arbeiter an die Soldaten heran. An Kasernen, neben Wachtposten, Patrouillen und Sperrketten, standen Gruppen von Arbeitern und Arbeiterinnen; es flogen freundschaftliche Worte hin und her. Das war eine neue Etappe, sie war die Folge der anwachsenden Streiks und der Konfrontierung der Arbeiter mit der Armee. Eine solche Etappe ist in jeder Revolution unvermeidlich. Aber sie wirkt jedes Mal neu und tritt auch in der Tat jedes Mal auf neue Art auf: Menschen, die über sie gelesen und sogar geschrieben haben, erkennen sie von Angesicht zu Angesicht nicht.

In der Reichsduma erzählte man an diesem Tage, der ganze Snamenski-Platz, der ganze Newski-Prospekt und alle anliegenden Straßen seien von einer ungeheuren Volksmenge überflutet und man beobachte eine ganz ungewöhnliche Erscheinung: Die revolutionäre, nicht die patriotische Menge, habe die Kosaken und die mit Musik marschierenden Regimenter mit „Hurra“-Rufen empfangen. Auf die Frage, was dies alles bedeute, antwortete der erstbeste Passant einem Deputierten: „Ein Polizist hat eine Frau mit der Nagajka geschlagen, die Kosaken griffen ein und vertrieben die Polizei.“ Ob es tatsächlich so gewesen ist oder anders, kann niemand nachprüfen. Die Menge jedenfalls glaubte, es sei so passiert, es sei wahrscheinlich. Dieser Glaube war nicht vom Himmel gefallen, er entstammte der vorangegangenen Erfahrung und mußte darum ein Pfand des Sieges werden.

[…] Eine große Rolle in den Beziehungen zwischen Arbeitern und Soldaten spielen die Frauen, die Arbeiterinnen. Kühner als die Männer bedrängen sie die Soldatenkette, greifen mit den Händen an die Gewehre, flehen, befehlen fast: „Wendet eure Bajonette weg, schließt euch uns an!“ Die Soldaten sind erregt, beschämt, sehen sich unruhig an, schwanken, irgendeiner faßt als erster Mut – und die Bajonette erheben sich über die Schultern der Bedränger, die Barriere ist niedergerissen, ein freudiges, dankbares „Hurra!“ erschüttert die Luft, die Soldaten werden umringt, überall Wortwechsel, Vorwürfe, Mahnrufe – die Revolution hat wieder einen Schritt vorwärts gemacht.

[…] Den Soldaten blieb keine Zeit mehr zum Schwanken. Man hatte sie gestern gezwungen, zu schießen, man wird sie heute wieder dazu zwingen. Die Arbeiter ergeben sich nicht, weichen nicht zurück, unter dem Hagel des Bleies wollen sie das Ihrige erringen. Arbeiterinnen, Frauen, Mütter, Schwestern, Geliebte sind mit ihnen. Das ist ja nun die Stunde, von der man so oft flüsternd in verborgenen Winkeln sprach: „Ja, wenn doch alle gemeinsam ...“ Und im Augenblick der höchsten Qual, der unerträglichsten Angst vor dem werdenden Tag, im Augenblick des würgenden Hasses gegen jene, die ihnen die Henkerrolle aufzwingen, ertönen in den Kasernen die ersten Stimmen des offenen Aufruhrs; und in diesen Stimmen, die namenlos geblieben sind, erkennt die ganze Kaserne voll Erleichterung und Begeisterung sich selbst. So brach über das Land der Tag des Unterganges der Romanowschen Monarchie herein.

Quelle: Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Band 1, Februarrevolution, Prinkipo 1930.




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