…wird ein Feuer entfachen!

Am 11. Februar 1913 fiel der beliebte sozialdemokratische Arbeiterführer Franz Schuhmeier einem politischen Mord zum Opfer. An seinem Begräbnis nahmen bis zu einer halben Million Menschen teil. Zu seinem Gedenken veröffentlichen wir erstmals in deutscher Sprache Leo Trotzkis Nachruf auf einen der wichtigsten Vertreter der Vorkriegssozialdemokratie.

Am Sarg von Franz Schuhmeier (Februar 1913)

Die Natur gab ihm ein flammendes, nie versiegendes Temperament, die geheiligte Fähigkeit, sich immer wieder zu empören, zu lieben, zu hassen und zu verfluchen. Die Herkunft gab ihm eine enge, niemals nachlassende Bindung mit den leidenden und kämpfenden Massen eigen. Die Partei gab ihm ein Verständnis für die Bedingungen zur Befreiung des Proletariats. Alles zusammen schuf diese großartige Persönlichkeit, die man weit über die Grenzen Wiens und Österreichs hinaus kannte und schätzte und die man nun beweint.

Die Arbeiterklasse braucht Führer unterschiedlichster Art. Solche Führer, wie jene Sprösslinge der bürgerlichen Klasse, die ihre alten sozialen Fesseln abgestreift, sich selbst neu geschaffen und ihr Leben in den Dienst der Bewegung der Arbeiterklasse gestellt haben, spielen eine große Rolle in der Geschichte der Arbeiterklasse. Zuerst kamen die großen Utopisten: Saint-Simon, Fourier und Owen; dann die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus: Marx, Engels und Lasalle, die alle der bürgerlichen Klasse entstammten. Wie könnte man sich unsere deutsche Partei und ihre Entwicklung ohne Wilhelm Liebknecht und ohne Singer vorstellen? Oder ohne Kautsky? Jene der österreichischen Sozialdemokratie ohne Victor Adler? Den französischen Sozialismus ohne Lafargue, Jaurès und Guesde? Und die russische Sozialdemokratie ohne Plechanov?

Mittels dieser brillanten Dissidenten geben die besitzenden Klassen nolens volens dem Proletariat etwas von der wissenschaftlichen Kultur wieder zurück, die sie durch die Leistungen der Jahrhunderte angehäuft haben, während die unterdrückten Volksmassen in Finsternis gehalten wurden.

Und das Proletariat kann stolz darauf sein, dass seine historische Mission edle Geister und kraftvolle Charaktere aus den besitzenden Klassen wie ein starker Magnet anzieht. Doch solange die Führung des politischen Kampfs nur in den Händen dieser Persönlichkeiten liegt, werden die Arbeiter das Gefühl nicht abschütteln können, weiterhin unter politischer Vormundschaft zu stehen. Sie werden nur dann von Selbstbewusstsein und Klassenstolz voll durchdrungen sein, wenn sie in die erste Führungsriege ihre eigenen Leute, mit denen sie aufgewachsen sind und die mit ihrer ganze Person die politischen und geistigen Eroberungen der Arbeiterklasse verkörpern, entsenden können. Das Proletariat kann dann in diesen Führern wie in einem Spiegel die besten Seiten ihrer eigenen Klasse erkennen.

Für das Wiener Proletariat war, so weit ich das aus fünf Jahren Beobachtung beurteilen kann, Franz Schuhmeier vor allem anderen ein solcher Spiegel der Klasse.

Nur sehr selten konnte ich Schuhmeier persönlichen begegnen. Doch mehr als einmal hörte ich ihn auf Massenversammlungen, im Parlament und auf Parteitagen. Es genügte, Schuhmeier ein paar Mal zu sehen und zu hören, um ihn zu kennen. Er war alles andere als ein Rätsel. Er war ein Mann der Tat, des Gefechts, des Appells, der Straße und des Ansturms, er verkörperte die Tat und in der Tat entfaltete er sich. Von ihm konnte man mit den Worten des griechischen Philosophen sagen, dass er „sein ganzes Sein mit sich trug“. Wenn wir ihm zuhörten, hörten wir also nicht nur seine Gedanken in lebendigen Worten, die immer pointiert und immer seine eigenen waren, sondern wir sahen den ganzen Schuhmeier in Aktion, in einem sportlichen Wettkampf um die Seele seines Publikums.

Stellen Sie sich vor, hinter dieser hervorragenden Persönlichkeit voller Energie zu stehen und dann die andere, erbärmliche dunkle Gestalt des „christlich-sozialen“ Mörders mit einer Browning in der Hand – die Tragik des Geschehenen lässt Sie von Kopf bis Fuß erzittern.

Wir wollen die Frage der unmittelbaren Motive des Mörders beiseite lassen. Wir wissen, wer dieser Unglückliche war, nicht als Individuum, aber als Typus: es war ein Proletarier, aber ein Renegat, ein Überläufer zur anderen Klasse. Er wollte sich seiner Klasse auf ihrem großen historischen Weg nicht anschließen. Unter den historisch feindlichen Kräften, dem Staat, der Kirche und dem Kapital, deren Existenz auf physischer Sklaverei und geistiger Lähmung der Massen errichtet wurde, suchte der Mörder Verbündete gegen seine Klasse, als diese ihre kollektive Disziplin über ihn ausüben wollte. Überholte Vorurteile, die die Wiege des Proletariats umschwirren, die Instinkte der Unterwürfigkeit und des erbärmlichen Egoismus treffen in diesem Renegaten zusammen – er personifiziert das Schlimmste der Vergangenheit der werktätigen Massen, so wie Schuhmeier die besten Züge ihrer Zukunft verkörpert. Und so erhebt sich die dunkle sklavenhafte Vergangenheit in wilder Raserei gegen die Zukunft.

Wer weiß? Vielleicht arbeitete sogar in diesem Schurken eine eiternde Wunde und ein Bewusstsein von Abtrünnigkeit, und diese Selbstverachtung wandelte sich zu blindem Hass und tödlichem Neid auf alles Erhabene und Vornehme in der sozialistischen Bewegung - ihre Verachtung allen überkommenen Aberglaubens, ihre Freiheit von allen unterwürfigen Instinkten, ihre moralische Courage und das heitere Vertrauen in den Sieg. Und wilder Hass entlud die Browning.

Was die Hüter von Gesetz und Ordnung jetzt mit dem Mörder tun werden, der sich selbst natürlich auch als Mann von Gesetz und Ordnung betrachtet, macht für uns letztlich keinen Unterschied. Auf diesem Weg werden wir keine moralische Genugtuung finden. Wir sollten die Toten diesen Leichnam begraben lassen.

Doch Franz Schuhmeier wird an unserer Seite bleiben. Wir begraben nur das Sterbliche von ihm. Denn sein Geist lebt in unseren Herzen weiter – der unbesiegbare Geist des Tribuns der Revolution.

Leo Trotzki, Gesammelte Werke [russ. Ausgabe], Band VIII, S. 5-6




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