Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke wurde eine Welle der Empörung losgetreten. Der Grund dafür ist, dass Peter Handke sich in den 1990ern im Rahmen der Zerfallskriege Jugoslawiens auf die Seite Serbiens gestellt hat. Von Vincent Angerer.

Handke erkannte, dass der Westen in Jugoslawien ein doppeltes Spiel trieb und unter humanitärem Vorwand imperialistische Interessen am Balkan verfolgte. Gleichzeitig solidarisierte er sich politisch mit Slobodan Milosevics‘ serbischen Nationalismus und traf sich nach dem Massaker von Srebrenica mit Radovan Karadžić, dem Organisator des Massakers an tausenden BosnierInnen.

Handke nahm eine antiimperialistische Haltung ein, doch sein fehlender Internationalismus und Klassenstandpunkt machten es ihm unmöglich sich auf die einzig progressive Kraft der Region zu beziehen – die Arbeiterklasse. Stattdessen setzte er auf die reaktionäre serbische Bürokratie, die sich ihrerseits im Bosnienkrieg auf faschistische Banden stützte, um ihre eigenen Interessen voranzutreiben.

Jugoslawien war eine in sechs Teilrepubliken unterteilte Föderation, an deren jeweiligen Spitzen „nationale“ Bürokratien standen, die die politische Kontrolle ausübten. Die Produktionsmittel waren zwar Staatseigentum, aber die jeweiligen autonomen Fabriken betrieben untereinander Wettkampf. Das historische Nord-Süd-Gefälle verschärfte sich in diesem marktsozialistischen System, entwickeltere Teilrepubliken wie Slowenien und Kroatien verfügten über ertragreichere Industrien. Dies war die materielle Basis für die Hinwendung der jeweiligen Bürokratien zum Nationalismus, als die jugoslawische Version des Stalinismus in den 1980iger in einer permanenten Krise steckte.

Die Kriege in den 1990ern waren ein blutiger Raubzeug der jeweiligen Bürokratien und ihrer imperialistischer Unterstützer: der Vatikan, Deutschland, Österreich, die USA, Frankreich, Russland. Alle mischten mit und sind für die Massaker ebenso verantwortlich, wie die Schlächter. Das Schüren der Nationalismen war die einzige Möglichkeit Jugoslawien auseinanderzureißen und die kapitalistische Restauration der eigenen „Nation“ voranzutreiben.

Wie bereits Dimitrije Tucovic, der Gründer der Serbischen Sozialdemokratie, 1909 bemerkte, ist ein aufgespaltener Balkan ein Spielball für die imperialistischen Mächte. Nur ein vereinigter Balkan kann dem Imperialismus standhalten – doch dafür ist die Überwindung des Kapitalismus notwendig.

(Funke Nr. 178/8.11.2019)
Literatur Jugoslawien Internationalismus

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