Aufruf an Lehrer und Eltern: Lasst die Schüler streiken!


Am 9. Oktober finden in vielen Städten, jedenfalls in Wien, Graz, Linz, Innsbruck und Vorarlberg, Bildungsstreiks statt. Wir appellieren an Eltern und Lehrer: Unterstützen Sie streikwillige Schüler in ihrem Anliegen.
Der Anlass des Streiks ist, dass seit 1. September das Kopftuchverbot für muslimische Mädchen unter 14 an den Schulen durchgesetzt werden muss.
Wir stellen die Frage: Hilft diese gegen eine spezifische Gruppe von Schülerinnen gerichtete Politik, in einer einzigen Frage die Probleme der österreichischen Schule zu bewältigen? Die Antwort ist ganz klar: Nein!
Um der drohenden Aufhebung dieses Gesetzes durch den VfGH entgegenzuwirken, betonen Regierungspolitiker, dass sein Zweck Kindeswohl und Gleichberechtigung sei. Staatliche Kleidervorschriften für spezifische Gruppen von Mädchen wirken aber nicht emanzipativ, sondern nur diskriminierend. Vielmehr reiht sich diese Gesetzesinitiative in einen politischen Trend ein, in dem alle gesellschaftlichen Probleme einzig und allein als „Migrationsprobleme“ gehandelt werden. Verantwortlich für leere Budgetkassen und schlechte Perspektiven sind demnach nicht Kriege, Krisen und politische Entscheidungen, sondern Migration.
In der Bildung ist diese Argumentationslinie besonders kurios. Die aktuelle IHS-Studie stellt einmal mehr klar, dass Bildung in Österreich über Generationen vererbt wird. Ein 15-jähriger Schüler, dessen Eltern Akademiker sind, hat in Österreich einen vierjährigen Bildungsvorsprung (!) vor einem gleichaltrigen Mitschüler aus einem nichtakademischen Haushalt. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass Allgemeinschulen und Ganztagesschulen bedeuten würden, dass alle Kinder in Österreich bessere Voraussetzungen hätten. Seit Jahrzehnten blockiert die ÖVP jeden Schritt in diese Richtung als „ideologische Debatte“, verteidigt das Recht der Eltern auf „freie Schulwahl“ und lenkt mit rassistischen Scheindebatten von einer sinnvollen Bildungspolitik ab.
Eine sinnvolle Politik im Sinne aller Kinder und Jugendlichen müsste einkalkulieren, dass die psychosoziale Belastung von Schülern in den vergangenen Jahren massiv stärker wurde. In Zahlen: 2010 gaben noch 28,2 % der Jugendlichen zumindest ein häufig auftretendes psychisches Beschwerdesymptom an, 2022 waren es bereits 52,8 %. Dies ist der eigentliche Treiber für soziale Konflikte im Klassenzimmer.
Selbst Forderungen des Lehrpersonals nach Sofortmaßnahmen zur Stabilisierung der Schule und des Lehrerberufs kriechen unter Budgetvorbehalt im Schneckentempo voran. Etwa Unterstützungspersonal an Schulen (administrativ, psychologisch) oder eine sachliche Verschränkung von Lehrerausbildung und Unterricht kommen kaum voran.
Stattdessen findet eine Prekarisierung des Lehrberufes statt, mit ständig steigendem Arbeitsdruck, einer ausufernden Bürokratie, befristeten Dienstverträgen, dem Einsatz von Quereinsteigern und Lehramtsstudierenden ohne abgeschlossene Ausbildung, intransparenten Anrechnungen von Vordienstzeiten, hohen Burnout-Raten etc.
Das Durchsetzen des Kopftuchverbots durch das Lehrpersonal verbessert den Unterricht in keiner Weise. Pädagogisch betrachtet bewirkt diese Maßnahme sogar das Gegenteil und läuft allen anerkannten Erziehungsgrundsätzen zuwider, da sie im Widerspruch zu einem förderlichen und vertrauensvollen Lernumfeld steht.
All dies wird in der aktuellen politischen Konjunktur unter den Teppich gekehrt. Zu Wort kommen stattdessen Personen, die die Probleme an den Schulen als kulturelle, von muslimischen Menschen verursachte Probleme abhandeln. Als Lösungsansätze werden Absonderung von Schülern und außerschulische private Bildungsvermittlung genannt. Wir vermuten, dies ist so, weil genau diese Leute der politischen Allparteienstrategie entsprechen.
Sinnbildlich dafür steht die Autorin Susanne Wiesinger („Gebt unseren Kindern eine Chance! Was Österreichs Schulen jetzt brauchen.“) Frau Wiesinger tritt heute als die Bildungsexpertin Österreichs auf. Ihr Weltbild ist so umrissen: „70 Prozent ihrer Zeit sei sie mittlerweile beschäftigt, Situationen zu deeskalieren. Der Unterricht kommt viel zu kurz. Den Söhnen (muslimischer Familien) obliege es, die Familienehre um jeden Preis zu verteidigen – etwa, wenn ein anderer Schüler die Mutter beleidigt.“ Wiesinger beobachtet eine ‚enorme Gewaltbereitschaft‘ bereits bei sehr jungen Kindern. Schon im Volksschulalter würden die Buben mit „ungehemmter Gewalt aufeinander einschlagen“. Sprachförderung in den Kindergärten funktioniere schlecht. Hier würden Pädagoginnen in viel größeren Gruppen mit ‚Helferinnen‘ arbeiten, die mitunter selbst nur mangelhaft Deutsch sprechen. Ebenso wenig hilfreich für die Integration sei die steigende Zahl an ‚verhüllten Pädagoginnen und Helferinnen in Wiener Kindergärten‘. Lob äußert Wiesinger für die Lerncafés der Caritas. Dort werden Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt werden, von anderen Erwachsenen angeleitet und unterstützt. Wiesinger plädiert, diese Lerncafés flächendeckend auszubauen. Ebenso fordert sie ‚Timeout-Klassen‘, in die besonders problematische Jugendliche, die den Unterricht stören, untergebracht werden.“ (Die Presse, 24.8.2026)
Die Expertin Wiesinger wird von der Edition Pragmaticus verlegt und promotet. Es handelt sich dabei um ein publizistisches Gemeinschaftsprojekt des Red-Bull-Milliardärs Mateschitz und Prinz Michael von Liechtenstein. Es ist nur peinlich, dass die Kolporteure der Corona-Leugner heute die erste Referenz für Bildungsfragen sein sollen.
Leider sehen sich Personalvertretungen und die Gewerkschaft GÖD – trotz ihrer kritischen Stellungsnahmen in der Vorperiode – bisher nicht angesprochen, diesem neuen Angriff auf die Schulgemeinschaft einen organisierten gewerkschaftlichen Widerstand entgegenzusetzen. Es ist klar, dass die Führung der Gewerkschaft und die Personalvertretungen hier gegen die Interessen und den Willen ihrer Mitglieder handeln.
Jeder Druck auf Gewerkschaft und Personalvertretung von Eltern, Schülern und vor allem von Lehrern selbst ist daher sinnvoll. Letztlich könnte die GÖD diesem Spuk ein Ende setzen, aber sie will dies nicht aus eigenem Antrieb tun.
Was Lehrer aber jedenfalls auch tun können, ist, die streikwilligen Schüler aktiv zu unterstützen. Schüler sollen ausdrücken können, dass es eine andere Bildungspolitik braucht. Rassismus und die Einzementierung eines Bildungssystems aus dem 19. Jahrhundert zeigen keinen Weg nach vorne.
Die Lehrer-Initiative „Schule brennt“ ist ein Zusammenschluss von Pädagoginnen und Pädagogen, die sich seit Jahren auf vielen Ebenen ehrenamtlich für Bildung engagieren. Gemeinsam mit sozialdemokratischen (u. a. Aktion kritischer Schüler:innen, Sozialistische Jugend) und kommunistischen Jugendorganisationen (u. a. Revolutionär Kommunistische Partei – RKP, Young Struggle, …) hat sie die Initiative für einen Streik gegen das rassistische Kopftuchverbot ergriffen.
Schülerkomitees an dutzenden Schulen Österreichs machen diese Initiative zu ihrer Angelegenheit und bemühen sich, eine geordnete und gemeinsame Teilnahme der Streikwilligen zu organisieren. Selbstverständlich ist es auch Schülern erlaubt, zu streiken und gemeinsam eine Demo zu besuchen, wie wir hier recherchiert haben.
Verantwortungsvolle Lehrer und Eltern unterstützen Schüler in ihren Anliegen! Schüler können diese Haltung aktiv einfordern, etwa indem sie an ihrer Schule direkt an die Lehrer herantreten. Das „Schüler- und Schülerinnen-Streik-Treffen Wien“, an dem Aktivistinnen aus 16 Schulen Wiens und Niederösterreichs versammelt waren, verabschiedete folgende Resolution an das Lehrpersonal:
„Students & teachers unite!
Wir Schülerinnen und Schüler, die gegen das Kopftuchverbot sind, sprechen unsere Solidarität mit Lehrerinnen und Lehrern aus.
An Schulen gibt es viele Probleme: zu wenig Geld, grundlegende Mängel wie fehlende Klimaanlagen, zu wenig Personal, z. B. zu wenig Schulpsychologen. Das erzeugt auch für das Lehrpersonal sehr viel Stress. Das Kopftuchverbot löst diese Probleme nicht, sondern zwingt Lehrerinnen und Lehrer nur dazu, Schülerinnen und ihren Familien Strafen anzudrohen. Stattdessen wollen wir Lösungen, die wirklich helfen, damit wir die bestmögliche Bildung bekommen.
Wir rufen alle Lehrerinnen und Lehrer auf, sich mit unserem Streik solidarisch zu zeigen, uns den Rücken zu stärken, uns Raum für Diskussion darüber in der Schule zu geben und am 9.10. mit uns zur Streikdemo zu gehen!
Wiener Schülerstreikoordination, 20.9.2026“
Bild: hey.pictrues flickr