Leserbriefe – Funke Nr. 242


Passiert etwas auf deiner Schule, deiner Uni, deinem Arbeitsplatz? Hast du einen Kommentar zu einem unserer Artikel? Dann schick uns einen Leserbrief an post@derfunke.at!
Ich arbeite in einem großen staatlichen Unternehmen, das sich um die Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanzen kümmert. Mit dem großen Loch im österreichischen Budget wurde auch bekannt, dass in unserem Betrieb über 20 Millionen Euro eingespart werden sollen. Darüber, wo dieses Geld herkommen soll, herrscht viel Unsicherheit und Spekulation. Durchgesickert sind bis jetzt nur vage Pläne, die Sachkosten zu reduzieren. Doch jedem ist klar, dass das Einsparungssoll nicht erreicht werden kann, ohne die Personalkosten anzugreifen.
Vom Betriebsrat kam dazu bisher kein Mucks! Deswegen habe ich unseren Betriebsrat bei der ersten Gelegenheit im Aufzug auf das Thema angesprochen. Er antwortete mir zwar höchst freundlich aber recht lapidar, dass der größten Abteilung an unserem Standort (nicht meiner) eh zugesichert wurde, dass keine Stellen gekürzt werden, da sie eh wirtschaftlich arbeitet. Danke! Das zeigt zwei fatale Praktiken aus der Logik der Sozialpartnerschaft: 1. Deals werden im Hinterzimmer abgeschlossen, ohne die Belegschaft zu involvieren. 2. Nur wenn wir Gewinne erzielen, können Arbeitsplätze erhalten werden. Die Unsinnigkeit dieser Logik wird von der Tatsache, dass es sich hier um eine Einrichtung des öffentlichen Gesundheitsdiensts handelt, nur auf die Spitze getrieben. Wir brauchen ein Gesundheitswesen, das keiner Profitlogik unterworfen ist. Und wir brauchen einen Betriebsrat, der mit uns kämpft, für unsere Arbeitsplätze und für ein hochwertiges Gesundheitswesen, das den Menschen dient.
Miriam aus Wien
Als wirtschaftlicher Berater einerseits und guter Freund andererseits durfte ich die zwei Gesichter der Staatsverwaltung aus nächster Nähe betrachten.
Das österreichische Finanzamt für Großbetriebe ist immer für uns da. Keine Telefonwarteschlangen, sollte ich kurz etwas nachfragen wollen. Wenn Millionen Euro von Unternehmen beantragt werden (z.B. für Forschung), dann wird das angefragte Geld sofort überwiesen. Es folgt in den nächsten 5 Jahren die Androhung einer möglichen Betriebsprüfung. Sollte sich in dieser herausstellen, dass man sich „vertan“ hat – keine Ursache, dann zahlt man eben einen Teil zurück. Fristen werden proaktiv verlängert, Änderungen der Rechtslage bei feinem Catering in großen, lichtdurchfluteten Räumen geduldig erklärt. „Unsere Förderung, ihr Mehrwert“ lese ich auf den Flyern. Sollte uns etwas in den neuesten Verordnungen nicht passen, so die vortragende adrette Dame, lasse man selbstverständlich mit sich reden – wir seien schließlich alle daran interessiert, Arbeitsplätze in Österreich zu sichern.
Und neben all den im Mund poppenden Fischeiern und festen Handschlägen kämpft mein guter Freund und Mitbewohner gegen einen bösartigen Hirntumor – Lebenserwartung ist bei 10 bis 15 Jahren. Sprechen und Schreiben lernt er seit der Operation wieder und ich bin stolz auf seine schnellen Fortschritte. Frühmorgens liegt er über dem Klo, kämpft mit den Symptomen der Chemo und eine Seite seines Kopfes ist nun komplett kahl. Arbeiten kann er selbstverständlich nicht. Seine Eltern sind nun in Rente und deshalb versucht er bereits seit drei Monaten verzweifelt, etwas Geld für das Nötigste vom Staat zu bekommen. Nach langem Ringen mit den Behörden erhielt er nun einen Brief der MA 40: Da er bis zum Abschluss seines Studiums von seinen Eltern gelebt habe, soll er aufgrund des Subsidiaritätsprinzips der Wiener Mindestsicherung die gerichtliche Geltendmachung beim zuständigen Bezirksgericht beantragen. Alle Nachweise sind vorzulegen.
Emanuel aus Wien
Was alle Teenager wissen, ist, dass alle Parteien gleich sind. Keiner hat Hoffnung in die Regierung. Allen ist schon bekannt, dass die Kapitalisten die Welt erobern. Wir wissen, dass sie nicht unsere Interessen vertreten.
Manche aus der Jugend behaupten, dass Politik langweilig und „unnötig“ sei. Es wird uns erzählt, dass Politik „nur für Erwachsene“ ist, dass es „sich sowieso von selber ändern wird“. Die Lehrer sagen: „Naja, das Leben ist kein Wunschkonzert.“ oder „Das System ist das Beste, was wir haben“. Aber dann kamen die Epstein Files raus. Das hat vieles verändert. Das brachte die Jugend zusammen und seitdem realisieren mehr und mehr Menschen, dass die Epstein-Klasse nicht für uns, sondern gegen uns ist. Zu mir kamen Freunde und fragten mich; „Wer ist Epstein überhaupt?“ „Haben die wirklich Kinder gegessen?“ „Wer war auf dieser Insel?“. Das Thema Palästina haben die auch mit mir besprochen. Mich haben Klassenkameraden gefragt „Warum bringt Israel unschuldige Menschen um? Warum finanziert Österreich das?“ Die haben was realisiert. Wir, die Jugend, werden lauter – und die Regierung wird uns nicht zum Schweigen bringen. Auch nicht durch Chatkontrollen oder durch Kriege, die Österreich mit unserem Steuergeld finanziert. Liest, helft euren Genossen in schweren Lagen und erinnert euch, dass diese Klasse, die Epstein Klasse, es nicht schaffen wird uns auszuschalten. Ohne uns würden sie nicht einmal existieren.
Sara aus Wien
Als ich heute auf dem Heimweg von der „Feministischer Kampftag“-Demo am GWL in Bregenz vorbeigegangen bin, konnte ich meinen Augen und Ohren nicht trauen.
Eine Sonntagsprozession gegen Abtreibung und für das ungeborene Leben kam mir auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegen. Sie beteten gerade „Gegrüßt seist du Maria“ und hatten Plakate gegen Abtreibung dabei, auf denen Babies und Mütter abgebildet waren.
Für mich war das am feministischen Kampftag, dem Tag schlechthin für körperliche Selbstbestimmung, wie ein Schlag ins Gesicht.
Noch voller Mut und Energie von der Demo begann ich zuerst leise, dann immer lauter „My body my choice“ zu rufen, das wiederholte ich, bis die ganze Prozession vorbeigelaufen war. Zum Schluss noch auf Deutsch „mein Körper meine Entscheidung“. Während ich das tat, bekam ich Angst, dass ich böse Blicke oder Sprüche ernten könnte. Doch eine Person, die ich als weiblich las, auf meiner Straßenseite, hörte meine Parole, drehte sich um und nickte mir lächelnd und zustimmend zu. Das machte mir Mut und ich wusste, ich bin nicht alleine in dieser hässlichen Situation.
In diesem Sinne: „Mein Körper, meine eigene Entscheidung“ Punkt.
D. aus Dornbirn
Obwohl globale Probleme wie Genozid, Klimakatastrophen und Aufrüstung zweifellos zu Zukunftsängsten beitragen, sind es meiner Ansicht nach eher die unmittelbaren Lebensumstände, die psychische Erkrankungen begünstigen. Genau in diesem persönlichen Umfeld manifestiert sich die von Marx beschriebene Entfremdung.
Der kapitalistische Produktionsapparat hat ein schier unendliches Warenangebot geschaffen und damit die Illusion genährt, diese Überflussgesellschaft komme jedem Einzelnen zugute. Es wird der Eindruck vermittelt, dass jeder in der Lage sei, alles zu erreichen, vorausgesetzt, man strengt sich nur genug an, betreibt Selbstoptimierung im höchsten Maß und findet über Dating-Apps den idealen Partner, was schließlich zu einem glücklichen und sinnerfüllten Leben führe.
Diese Vorstellung ist jedoch eine Illusion. Die Enttäuschung, die auf solch große Versprechungen folgt, kann nur umso härter zuschlagen. Der Kapitalismus ist durch eine Überproduktionskrise gekennzeichnet, während der Reichtum paradoxerweise so verteilt wird, als herrsche Mangel. Die Entfremdung kann nicht individuell überwunden werden, sondern indem wir in einer Revolution unser Schicksal in die eigenen Hände nehmen.
Andreas aus Amstetten
(Funke Nr. 242/24.03.2026)