Folgender Leserbrief erreichte uns über die Hürden und Probleme als MindestsicherungsempfängerIn.

 

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Seit einigen Jahren bin ich Mindestsicherungsbezieherin. Meist werden wir abgestempelt als SozialschmarotzerInnen, als zu faul, um zu arbeiten. Wir nutzen den Staat aus und leben auf Kosten anderer, so die Vorwürfe. Die Realität sieht aber anders aus: Ich habe meinen Job aufgegeben, um für meine vier mittlerweile erwachsenen Kinder da zu sein. Für diese Zeit habe ich aber weder Geld noch Anerkennung erhalten. Nun bin ich zu krank und zu alt, um eine Chance am Arbeitsmarkt zu haben, und auf Sozialleistungen angewiesen, für die ich mich allerorts rechtfertigen muss.

SozialhilfebezieherInnen und Obdachlose kommen nicht als solche auf die Welt, sondern geraten durch unglückliche Ereignisse in eine Abwärtsspirale, aus der ihnen niemand heraushilft. Die Gründe für diese Situation sind oft dieselben dafür, dass es keine Aussicht auf eine Arbeitsstelle gibt. Menschen mit Migrationshintergrund oder mangelnden Deutschkenntnissen wird das Leben zusätzlich schwer gemacht.

Von den Behörden werden wir schikaniert. Alle sechs Monate müssen erneut alle Unterlagen eingereicht werden, obwohl man ohnehin verpflichtet ist, jegliche Änderung bekannt zu geben. Im Gegensatz zu Banken und Konzernen müssen wir unsere kompletten Finanzen offenlegen. Zuschüsse werden nur mehr in Form von Gutscheinen ausgegeben, um zu kontrollieren, wofür das Geld ausgegeben wird. In wirtschaftlich schwierigen Situationen beginnt die Politik immer bei den Ärmsten zu kürzen. Dabei entspricht die Höhe der Mindestsicherung schon jetzt nicht den tatsächlichen Lebenskosten.

Beim Wohnen setzt sich die Diskriminierung fort. Alle Gemeindewohnungen, in denen ich wohnen darf, sind Substandardwohnungen. Auch wird nicht berücksichtigt, dass man in meiner Lage Zusatzausgaben hat. Ich bin öfters auf ein Taxi angewiesen, da ich aus gesundheitlichen Gründen weder Fahrrad noch Auto fahren kann. Auch die Kosten für die medizinische Versorgung sind hoch. Die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung reichen bei weitem nicht aus. Gleichzeitig bin ich nicht in der Lage, in die eigene Gesundheit zu investieren. Denn Pflegehilfen, Kuren usw. kann ich mir nicht leisten. Erspartes, von dem ich etwa Operationen bezahlen könnte, habe ich keines, und hätte ich welches, würde ich den Anspruch auf die Mindestsicherung verlieren.

Nicht zu vergessen sind auch die sozialen und psychischen Auswirkungen für MindestsicherungsbezieherInnen. Armut bedeutet weniger Bildung und soziale Ausgrenzung. Ich werde von Mitmenschen nach Wohnort, Kleidung und Hobbys beurteilt – bin aber aus finanziellen Gründen nicht in der Lage, diese selbst zu wählen. Kontakte sind schwieriger zu pflegen, wenn man am gesellschaftlichen Leben (z. B. Kaffeehausbesuche, Veranstaltungen) nicht teilnehmen kann. All das wird aber nicht als lebensnotwendig angesehen, weswegen wir laut Politik kein Anrecht darauf haben. Ich möchte genau wie jeder andere Mensch ein lebenswertes Leben führen und als gleichwertiger Mensch in unserer Gesellschaft anerkannt werden!

Sigrid G., eine Betroffene

(Funke Nr. 190/20.1.2021)


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