Ostern 1916: Aufstand gegen Krieg und Imperialismus


Zu Ostern jährt sich zum 110. Mal der irische Osteraufstand. Am 24. April 1916 erhob sich die Irish Citizen Army gemeinsam mit den Irish Volunteers gegen das Britische Weltreich für die irische Freiheit und für die Gründung einer irischen Republik. Der Kampf Irlands – der ersten Kolonie Englands – ist bis heute ein Lehrstück für den Kampf unterdrückter Nationen gegen den Imperialismus. Von Laura Höllhumer
Der Osteraufstand war ein Produkt des Ersten Weltkriegs. Wie so oft in der Geschichte ging der Krieg mit der Revolution schwanger. Die Widersprüche innerhalb der Nation spitzten sich immer schärfer zu, bis die Einführung einer Wehrpflicht in Irland das Fass zum Überlaufen brachte. Junge Iren sollten im imperialistischen Gemetzel für England sterben, die Macht, die ihr Land brutal unterdrückte.
James Connolly, Marxist und Kopf des Osteraufstandes, lehnte den Krieg von Beginn an ab und war über den Verrat der „Sozialisten“ der Zweiten Internationale – die den Krieg unterstützten – schockiert. Über die Pazifisten in den reformistischen Parteien machte er sich lustig, wenn diese nichts als fromme Phrasen gegen den Krieg aufbrachten:
„Ein großer kontinentaler Aufstand der Arbeiterklasse würde den Krieg beenden; ein allgemein gehaltener Protestaufruf bei öffentlichen Versammlungen wird kein einziges Leben vor der sinnlosen Schlachtung bewahren.“
Er hatte bereits nach Kriegsausbruch die Idee vertreten, dass ein Aufstand in Irland den britischen Imperialismus vertreiben und der Auftakt für Revolutionen in ganz Europa sein könne.
Das erinnert nicht zufällig an die Perspektiven Lenins in Bezug auf die Russische Revolution, denn wie dieser war auch Connolly von ganzem Herzen Internationalist. Wer den Osteraufstand verstehen will, der muss die Ideen von James Connolly studieren.
Connolly sah die nationale Befreiung immer als Schritt in Richtung einer sozialistischen Republik Irland. Ted Grant stellte in einem Artikel 50 Jahre nach dem Osteraufstand fest:
„Während die Stalinisten und Reformisten heute immer noch in politisch wirren Begriffen von der Notwendigkeit einer ‚nationalen Revolution gegen den Imperialismus‘ daherfaseln, hatte Connolly eine ganz klare Sicht auf die Klassenfrage, die der irischen Frage zugrunde lag.“
In der nationalistischen Bewegung Irlands gab es seit jeher zwei Flügel, die den Klassenwiderspruch innerhalb des republikanischen Lagers verkörperten. Der bürgerliche Flügel, der die Bewegung innerhalb der engen Grenzen des Kapitalismus halten will, ordnet die Interessen der irischen Arbeiter jenen der irischen Bourgeoisie unter. Das hat Connolly entschieden beantwortet:
„Der Nationalismus jener, die das gegenwärtige Gesellschaftssystem aufrechterhalten wollen, ist (…) der Versuch, eine revolutionäre Bewegung für die Freiheit zu schaffen und die Führung dieser Bewegung einer Klasse anzuvertrauen, die darauf aus ist, die soziale Unterwerfung derer durchzusetzen, die sie angeblich anführt… Sie behaupten, dass die Klasse, die uns in industrielle Sklaverei zwingt, uns gleichzeitig zur nationalen Freiheit führen kann!“
Die irische Bourgeoisie konnte keine fortschrittliche Rolle spielen, sie war schwach und von Anfang an von den englischen Kolonialherren abhängig. Den Kampf um die irische Unabhängigkeit hatte sie ein ums andere Mal für ihre eigenen Klasseninteressen verraten.
Die kleinbürgerlichen und reformistischen Nationalisten in der republikanischen Bewegung waren ein Echo der irischen Bourgeoisie. Die Arbeiterklasse müsse den Kampf um den Sozialismus hintenanstellen und sich auf das Ziel eines selbstbestimmten Irlands konzentrieren. Sobald Irland frei sei, werden alle Probleme von selbst verschwinden. Dann könne man den Sozialismus als „Endziel“ in ferner Zukunft angehen.
In theoretischen Begriffen gefasst, vertraten sie die Etappentheorie, die während der Russischen Revolution 1905 von den Menschewiki entwickelt und später von den Stalinisten wiederaufgegriffen wurde. Auch für diese scheinbar „realistische“ Perspektive fand Connolly klare Worte:
„Wenn man morgen die englische Armee abziehen und die grüne Flagge über dem Dublin Castle hissen würde, wären diese Bemühungen vergeblich, sofern man nicht mit dem Aufbau der Sozialistischen Republik beginnt.
England würde weiterhin herrschen. Es würde durch seine Kapitalisten, durch seine Grundbesitzer, durch seine Finanziers, durch die ganze Reihe kommerzieller und individueller Institutionen herrschen, die es in diesem Land gepflanzt und mit den Tränen unserer Mütter und dem Blut unserer Märtyrer gegossen hat.“
Connolly war überzeugt, dass der Kampf um nationale Befreiung untrennbar mit dem Kampf um den Sozialismus verbunden ist.
„Die Sache der Arbeiterbewegung ist die Sache Irlands, und die Sache Irlands ist die Sache der Arbeiterbewegung“, schrieb er. „Sie lassen sich nicht voneinander trennen. Irland strebt nach Freiheit. Die Arbeiterbewegung strebt danach, dass ein freies Irland allein über sein Schicksal bestimmen kann und alleiniger Eigentümer aller materiellen Güter auf seinem Boden ist.“
Die Arbeiterklasse kann sich im Kampf um die Vereinigung und Befreiung von ausländischer Herrschaft an die Spitze der Gesellschaft stellen. Aber sie würde weitergehen und die Imperialisten und die Kapitalisten enteignen und beginnen, die Gesellschaft entlang sozialistischer Linien umzugestalten. Diese Aufgaben könnten jedoch nicht in einem Land gelöst werden. Die Revolution ist also permanent in zweifachem Sinne: Sie beginnt mit der bürgerlichen und geht weiter mit der sozialistischen und sie beginnt in einem Land und wird im internationalen Klassenkampf entschieden.
Connolly bewies weiters, wie die von den Imperialisten beförderte religiöse Spaltung auf einer Klassenbasis überwunden werden kann. Die von ihm mit James Larkin geleitete Irish Transport and General Workers’ Union organisierte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg Demonstrationen, die katholische und protestantische Arbeiter rund um soziale Forderungen vereinten. Auch die englischen Arbeiter hat Connolly nie als Feind, sondern als Verbündete gesehen.
Vom militärischen Gesichtspunkt war der Osteraufstand von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Die kleinbürgerlichen Nationalisten kniffen im letzten Moment und die Irish Volunteers wiesen ihre Mitglieder an, zuhause zu bleiben. Letztlich beteiligten sich an die 1500 Männer und Frauen am Aufstand.
Den Kern der Bewegung bildete die Irish Citizen Army, eine Arbeitermiliz auf der Basis der Gewerkschaften, die sich ab 1913 konfessionsübergreifend organisierte, um Arbeiter gegen Übergriffe von Polizei und Unternehmerbanden zu schützen. Connolly sah die ICA nicht nur als Verteidigungseinheit, sondern als revolutionäre Armee, mit dem Ziel, Kapitalismus und Imperialismus zu stürzen. Sie hatte allerdings nichts mit den später in Irland entstehenden Geheimorganisationen zu tun. Deren Individualterrorismus sollte verheerende Auswirkungen für die nationalistische Bewegung haben.
Connolly wurde von der britischen Armee erschossen und die irische Arbeiterklasse hatte ihren größten Anführer verloren. James Connolly hatte sich, aus armen Verhältnissen kommend, den Marxismus im Selbststudium angeeignet. Er widmete dem Studium der Theorie sein ganzes Leben lang viel Zeit. Die von ihm gegründete Irish Labour Party war jedoch keine theoretisch gefestigte Kaderpartei, weshalb nach seinem Tod die bürgerlichen Nationalisten die Bewegung übernehmen konnten – mit fatalen Konsequenzen.
Der Osteraufstand war trotz all seiner Schwächen wie eine Sturmglocke, deren Klang durch ganz Europa hallte – über den Lärm des Kanonenfeuers hinweg. Lenin nahm die Nachricht vom Aufstand begeistert auf. Nur ein Jahr später würde die Russische Revolution eine revolutionäre Welle in ganz Europa auslösen.
(Funke Nr. 242/24.03.2026)