KI-Wettlauf, Spekulationsblasen & der kommende Fall


Der Wettlauf um die Oberhoheit in der neuen Technologie der Künstlichen Intelligenz ist ein Beispiel kapitalistischer Anarchie. In der Hoffnung auf Riesenprofite werden Billionen in den Sektor gepumpt. Aber die Überinvestitionen in AI sind nicht die einzige Blase, die aktuell am US-Aktienmarkt aufgepumpt wird. Von Bitcoin über private Kredite bis hin zu Gold: Spekulation durchzieht die Finanzmärkte, die sich immer weiter von der realen Wirtschaft entfernen. Von Laura Höllhumer
Spekulation ist eine Wette auf die Preisentwicklung einer Ware. Im Kapitalismus kann auf alles gewettet werden, etwa auf Tulpenzwiebeln im Holland des 17. Jahrhunderts. Das moderne Äquivalent sind Bitcoin und NFTs. Im November gab der Bitcoin Kurs um ein Viertel nach. Die Folgen vom Platzen so einer Blase sind eine Neuverteilung von bereits existierendem Reichtum, also einige Leute werden reich, viele andere verlieren viel Geld. Aber die Folgen davon für die Gesamtwirtschaft sind meist begrenzt.
Auch um die Big Tech Firmen in den USA wird spekuliert, sichtbar in den astronomisch steigenden Aktienpreisen. Der Markt hat sich auf einige wenige Monopole konzentriert und die „Magnificent 7” (Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla) machen einen Rekordanteil von 37 % des Gesamtwerts des S&P 500 aus – einem Aktienindex, der die 500 führenden börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst.
Die Kurse, für die diese Aktien gehandelt werden, stehen in keiner Relation zu den tatsächlichen Profiten der Unternehmen. Ablesbar ist das am Kurs-Gewinn-Verhältnis, das angibt, wie viele Jahresgewinne benötigt werden, um den aktuellen Aktienkurs zu erreichen. Historisch schwankt diese Kennziffer zwischen 10 und 20. Heute steht er für die S&P 500 bei 40, ein Wert, der mit 44 erst einmal kurz vor dem Dotcom-Crash (2000) übertroffen wurde. Bei Firmen wie Tesla oder Nvidia liegt die Kennziffer heute bei 240 und 60.
Aber anders als bei Bitcoin verbleibt die fieberhafte Geldschwemme in Big Tech, und hier insbesondere in Firmen im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz, nicht in den luftigen Höhen des Finanzmarktes, sondern zieht breite Teile der Wirtschaft in ihren Strudel. Das Platzen dieser Blase wird daher viel zerstörerische Konsequenzen haben.
Der KI-Rausch wird getrieben von der Hoffnung auf Superprofite durch Technologieführerschaft. Im Kapitalismus ist jeder technologische Durchbruch, von den Eisenbahnen bis hin zum Internet, von einem anarchischen Wettlauf und Spekulation begleitet.
Nach neuesten Schätzungen werden allein Google, Amazon, Microsoft und Meta in den nächsten Jahren insgesamt 750 Milliarden Dollar für die Schaffung von KI-Infrastruktur (Chips, Energieversorgung, Rechenerzentren,…) ausgeben. Bis zum Ende von 2028 werden insgesamt Investitionen von 2.900 Milliarden (Stanley Morgan) bzw. 6.700 Milliarden bis 2030 (McKinsey) vorhergesagt.
KI hat das Potential, die Produktivität der Gesellschaft zu steigern, und Marxisten begrüßen technologischen Fortschritt. Aber im Kapitalismus erleichtert oder verkürzt Technologie nicht die Arbeit, sondern sie verdichtet die Ausbeutung der einzelnen Arbeiter und setzt andere auf die Straße. Es ist aktuell noch nicht absehbar, wie viel Potential für Produktivitätssteigerungen KI tatsächlich bringen wird. Klar ist, dass die Versprechen, die insbesondere unter dem Schlagwort der „Generativen Künstlichen Intelligenz“ gegeben werden, völlig überzogen sind. Der Economist träumte Anfang des Jahres gar von einem jährlichen BIP-Wachstum von 20% durch den Einsatz von KI.
Es muss zu einer dramatischen Ernüchterung kommen und Zweifel werden immer lauter. Warnungen vor einer KI-Blase dominierten Ende November die Zeitungsüberschriften. Ein erstes Beben im Aktienmarkt wurde etwa von einer Umfrage des renommierten Massachusetts Institute of Technology ausgelöst. Die Studie ergab, dass 95% der KI-gestützten Projekte nicht über die Pilotphase hinauskommen. Das bedeutet, dass die neue Technologie für die Unternehmen, die sie einsetzen, keine signifikante Verbesserung erzielen konnte.
Aber noch mehr als die Limits der Technologie selbst, bereitet die begrenzte Konsumfähigkeit der Massen einen Katzenjammer an der Wall Street vor. J.P. Morgan kritisierte die Ausgaben für KI mit der Erklärung, dass jährliche Einnahmen in Höhe von 650 Milliarden Dollar erforderlich wären, um eine Rendite von 10% für den Ausbau der KI zu erzielen – das entspricht einer monatlichen Zahlung von 35 Dollar von jedem iPhone-Nutzer oder 180 Dollar von jedem Netflix-Abonnenten „auf unbegrenzte Zeit”. Es ist klar, dass die Geldtaschen der Arbeiterklasse das nicht hergeben werden. Einstweilen übertünchen die Konzerne die Marktuntauglichkeit dadurch, dass sie sich OpenAI, Nvidia und Oracle die Milliarden im Kreis zuschieben.
Krisenpotential auf den Finanzmärkten geht auch von Kreditfirmen aus. Unreguliert und intransparent konzentrieren sich hier alle risikoreichen Kredite, die die traditionellen Banken durch die verstärkte Regulierung nach der 2008er Krise nicht mehr vergeben dürfen. Diese Schattenbanken, die durch die Pleiten von Tricolor und First Brands in den USA ins Licht der Öffentlichkeit gerieten, bescheren der Direktorin des Internationalen Währungsfonds Kristalina Georgiewa nach eigener Aussage schlaflose Nächte. Aktuell wird alles und jeder in den KI-Hype hineingezogen – der Anstieg von Aktienkäufen auf Kredit ist ein sicheres Anzeichen instabiler Finanzblasen.
Eine Marktkorrektur in derselben Größenordnung wie der Dotcom-Crash würde aufgrund des schieren Umfangs des gefährdeten Vermögens weitaus schwerwiegendere und globalere Folgen haben. Die ehemalige Chefökonomin des IWF, Gita Gopinath, schätzt, dass weltweit über 35.000 Milliarden vernichtet werden könnten – ein Vielfaches der DotCom Krise. Das inkludiert 20.000 Milliarden Privatvermögen amerikanischer Haushalte (entspricht 70 % des US-BIP von 2024) und 15.000 Milliarden ausländischer Investoren (etwa 20 % des BIP der übrigen Welt).
Investitionen in KI sind aktuell das Einzige, was die amerikanische Wirtschaft vor einer Rezession bewahrt. Dadurch, dass heute jeder und jede wissentlich oder unwissentlich (etwa über die Pensionsversicherung) in Aktien oder Bitcoin investiert ist, hätte ein Einbruch auch viel direktere Folgen auf die Arbeiterklasse.
Die Vernichtung von Reichtum und eine Rezession der US-Wirtschaft würden den europäischen Kapitalismus unmittelbar treffen, der bereits heute von Verfall und Deindustrialisierung geprägt ist.
Im Kapitalismus ist die Einführung neuer Technologien von enormer Verschwendung und Irrationalität begleitet. Das Konkurrenzprinzip führt dazu, dass allein in den USA 40 konkurrierende KI-Modelle entwickelt werden und in China weitere 15. Der KI-Goldrausch zieht Geldkapital aus allen anderen Sektoren ab, auch wenn dort die Investitionen sinnvoller eingesetzt wären. Der verfallenden Infrastruktur oder der Bekämpfung des Klimawandels etwa werden Ressourcen entzogen.
Davon, dass die „unsichtbare Hand des Marktes“ nicht zu vernünftigen Lösungen tendiert, legt die Entwicklung des Eisenbahnnetzes Zeugnis ab. Die Einführung der Eisenbahnen ab den 1840er Jahren war von genau so einem Spekulationsboom und irrationalen Initiativen begleitet, und mündete schließlich in der Verstaatlichung und strategischen Planung des Verkehrswesens.
Aber Spekulationsblasen und ihr Platzen sind nur Symptome der tieferliegenden Widersprüche des kapitalistischen Systems. Im Kontext einer Überproduktionskrise gibt es für die Kapitalisten wenig profitable Investitionsmöglichkeiten. Geldkapital, das sie aus der Ausbeutung der Arbeiterklasse anhäufen, wird deshalb in Spekulation gesteckt. Den überzogenen Heilsversprechen der neuen Technologie wird gern geglaubt. Der Privatbesitz an Produktionsmitteln ermöglicht nur Investitionen und Produktion mit Profitabsicht, was eine unüberwindbare Schranke für jeden Fortschritt ist. Eine sozialistische Planwirtschaft unter Arbeiterkontrolle bietet den einzigen Ausweg.
Die bevorstehende Aktienpreis-Krise ist nur einer der vielen Herde von Instabilität in unserer heutigen Welt. Bereits die 2008er Krise hinterließ Schuldenberge, Protektionismus, imperialistische Widersprüche und politische Regimekrisen. Dies macht eine künftige Krisenbereinigung für die herrschende Klasse schwieriger.
Die RKI kämpft dafür, dass die kommenden revolutionären Erschütterungen in der Machtübernahme der Arbeiterklasse münden. Schließ dich uns an.
(Funke Nr. 239)