…wird ein Feuer entfachen!

Zum hundertsten Jubiläum der russischen Revolution 1917 widmen wir den Ereignissen des Jahres eine Artikelserie. Dieses Mal erörtern wir den Wendepunkt der Revolution im Sommer 1917 – die sogenannten „Julitage“. Von Florian Keller.

Wie im letzten Teil unserer Serie beschrieben, hatten es die reformistischen „gemäßigten Sozialisten“ im Russland nach der Februarrevolution übernommen, die Interessen der großen Industriellen, Bankiers und Großgrundbesitzer gegen den Willen der ArbeiterInnen und Bauernschaft in die Tat umzusetzen. Mitten im ersten Weltkrieg bedeutete das, eine neue Offensive gegen die deutsche und österreich-ungarische Armee zu organisieren. Nach einigen kleinen Anfangserfolgen wurde die sogenannte „Kerenski-Offensive“ (nach dem Kriegsminister benannt) jedoch zu einem Desaster.

Die ArbeiterInnen und Soldaten wurden schon vor der Offensive zunehmend unzufrieden mit ihrer eigenen Führung in den von ihnen aufgebauten Sowjets (Räten). In der Hauptstadt Petrograd hatte diese Unzufriedenheit schon dazu geführt, dass in immer mehr Betrieben und Arbeiterbezirken, allen voran im revolutionären Zentrum Wyborg, revolutionäre Bolschewiki als VertreterInnen gewählt wurden, die vor allem eine extrem populäre Forderung immer und immer wieder wiederholten: Die ArbeiterInnen und Soldaten müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen – Alle Macht den Sowjets!

Die Wut steigt

Schon im Juni hatte sich gezeigt, dass die Stimmung der Massen vor allem in der Hauptstadt entscheidend umgeschwenkt war. Nachdem eine von den Bolschewiki organisierte Großdemonstration der Petrograder ArbeiterInnen gegen die Beschlüsse des von „gemäßigten“ SozialistInnen dominierten 1. allrussischen Sowjetkongress verboten und dann abgesagt worden war, um bewaffnete Zusammenstöße zu verhindern, fühlten sich die rechten SowjetführerInnen stark und riefen ihrerseits zu einer Demonstration am 1. Juli auf. Doch diese wurde für sie zur Katastrophe: Sie wurde zu einer Demonstration der Stärke für die Bolschewiki, deren Slogans „Nieder mit den zehn Minister-Kapitalisten“, „Nieder mit der Offensive“ und „Alle Macht den Sowjets“ auf dem Marsch von 400.000 ArbeiterInnen vorherrschend waren.

Mit dem Beginn der Kerenski-Offensive erhielt die sich aufstauende Wut der ArbeiterInnen und Soldaten einen Fokuspunkt, der die Situation noch einmal auf eine höhere Ebene hob. Die Offensive stand von Anfang an auf sehr wackeligen Beinen: „Wegen Massenauflehnung gegen Kampfbefehle wurden allein in der der Hauptstadt nächstgelegenen 5. Armee siebenundachtzig Offiziere und 12.725 Soldaten zur Verantwortung gezogen.“ (1) Um in der demoralisierten Armee überhaupt noch genügend Soldaten zusammenzuziehen, die für Offensivaktionen zu gebrauchen waren (und nicht einfach den Befehl verweigerten), wurden Militäreinheiten im ganzen Land verschoben. Doch gerade in Petrograd wurden solche Verlegungen auch und gerade deswegen durchgeführt, um „unzuverlässige“, revolutionäre Einheiten aus der Hauptstadt der Revolution herauszubekommen und so – so die Hoffnung der reaktionären Generäle und Minister – wieder Disziplin in der Armee und „Ruhe und Ordnung“ herstellen zu können.

Die betroffenen Soldaten, die gerade erst die jahrhundertealte Zarenherrschaft gestürzt hatten, verspürten aber keinerlei Bedürfnis, für das Vaterland zu sterben. Viele der Regimenter waren direkt neben Arbeitersiedlungen stationiert, die immer heißer kochende revolutionäre Stimmung in den großen Betrieben fand so auch ihren direkten Niederschlag bei den Soldaten.

In dieser angespannten Situation treten am 15. Juli vier Minister der bürgerlichen „Kadetten“-Partei aus der Regierung aus – sie wollen bei einem sich abzeichnenden Scheitern der Offensive nicht dem politischen Zorn der Massen ausgesetzt sein. Diese Rücktritte wirken als Katalysator, um den aufgestauten Unmut zu entladen. Das 1. Maschinengewehrregiment, eine Einheit von etwa 10.000 Mann, die sich nach der Februarrevolution auf eigene Initiative „zum Schutz der Revolution“ nach Petrograd verlegt hatte, beschließt in einer Versammlung, sofort bewaffnet gegen die verhasste Regierung auf die Straße zu gehen. Das Regiment schickt daraufhin Delegierte zu den großen Petrograder Betrieben und anderen Armeeeinheiten, die in einer Stimmung der größten Wut auf weit offene Ohren stoßen.So demonstrieren am 16. und 17. Juli wiederrum hunderttausende Menschen, diesmal bewaffnet und eindeutig gegen die Regierung gerichtet. Dabei tritt die Klassenspaltung in der Gesellschaft deutlich hervor:

„„Unter roten Fahnen schreiten nur Arbeiter und Soldaten“, schreibt einer der Teilnehmer. „Es fehlen die Kokarden der Beamten, die glänzenden Knöpfe der Studenten, die Hüte der „sympathisierenden Damen“, all das gab es vor vier Monaten, im Februar, im heutigen Zuge ist nichts davon, heute gehen nur die schwarzen Sklaven des Kapitals.““ (2)

Ein Hindernis, das nicht zu überwinden ist

Die DemonstrantInnen stoßen dabei auf ein gewaltiges Problem, das das ganze Paradoxon der Februarrevolution umschreibt: Während sich die einfachen ArbeiterInnen und Soldaten immer mehr radikalisierten, wurden ihre reformistischen FührerInnen in den Sowjets (Räten) immer mehr zur Bremse auf der Revolution. Nachdem sie die Herrschaft des Kapitals und der GroßgrundbesitzerInnen als die einzig mögliche Gesellschaftsform ansahen, unterstützten sie die provisorische Regierung mit allen Mitteln. So demonstrieren die Massen dafür, dass die Sowjets die Macht übernehmen sollen – deren FührerInnen liegt jedoch nichts ferner, als den Wunsch der Massen zu erfüllen. Stattdessen versuchen sie unter allen Umständen, die provisorische Regierung vor der Wut der Massen zu schützen. Kurz gesagt: Den ArbeiterInnen und Soldaten stellt sich ihre eigene Führung in den Weg.

Das bedeutet, dass die Demonstrationen ins Leere laufen müssen. Zwar gibt es Zusammenstöße mit reaktionären Kräften und Militäreinheiten, die der Regierung treu sind. Doch nachdem die Massen gesiegt haben und vor das Taurische Palais (gleichzeitig Sitz der Regierung und des Petrograder Sowjets) gezogen sind, kommen sie nicht weiter. Eine Episode zeigt die Ausweglosigkeit plastisch: Der bürgerliche Miljukow beschreibt, wie der reformistische Minister Tschernow zu den aufgebrachten Massen spricht und versucht sie zu vertrösten. Die Reaktionen sind ebenso wütend wie fruchtlos: „[...]es habe „ein großgewachsener Arbeiter mit der Faust dicht vor dem Gesicht des Ministers gefuchtelt und besessen geschrien: „Nimm, Hundesohn, die Macht, wenn man sie dir gibt.““ (3)

Die Bolschewiki hatten zuerst versucht, diese Demonstrationen zu verhindern. Der Grund dafür lag in allererster Linie darin, dass sie bei aller Wut und Masse (am 17. Juli demonstrierten etwa 500.000 Menschen) ihr Ziel nicht erreichen konnte. Das lag neben den oben genannten Gründen vor allem an dem unterschiedlichen Tempo, mit dem die politische Klärung im Land vor sich ging. Während die Massen in Petrograd sich immer mehr gegen die reformistischen SowjetführerInnen wandten, waren die Slogans der Bolschewiki, allen voran „alle Macht den Sowjets“ im riesigen Rest des Landes zwar schon äußerst populär, die Illusionen gegenüber den ReformistInnen aber noch lange nicht überwunden. Doch nachdem klar wurde, dass die Massen in Petrograd sich selbst durch das enorme Prestige der Bolschewiki nicht mehr vertrösten lassen würden und auf die Straßen gehen würden, stellte sich die Partei an die Spitze der Bewegung. 

Das Ziel war, sicherzustellen, dass Provokationen nicht zu einem spontanen, verfrühten Aufstand führten. Aus der Demonstration konnte, sollte sie ungerichtet aus dem Ruder laufen, ein Blutbad werden, wo ArbeiterInnen und Soldaten aus der Provinz und von der Front gegen die in ihrem Bewusstsein weiter fortgeschrittenen ArbeiterInnen und Soldaten in der Hauptstadt mobilisiert werden konnten. In Wirklichkeit legten es die reaktionären Kräfte in Russland genau auf so ein Szenario an, um der Revolution den Kopf abzuschlagen. Wie in der Pariser Commune von 1871 wäre die russische Revolution von 1917 so als eine heroische, aber auf den Knochen von zehntausenden ermordeten ArbeiterInnen besiegte Bewegung in die Geschichte eingegangen.

Die Reaktion zeigt ihre Fratze

Und tatsächlich: Nachdem die Demonstrationen an ihre Grenzen gestoßen waren, verpufften sie sehr schnell wieder und reaktionäre Kräfte erhielten die Oberhand. Das Ergebnis war eine regelrechte Hetzjagd auf alles, was nur nach Bolschewiki roch. Die Druckerei der Partei wurde völlig verwüstet, die Druckmaschinen zerstört. Das Hauptquartier der Partei wurde besetzt. Eine Medienhetze um den angeblich „mit deutschem Gold“ bezahlten Lenin entbrannte, die Partei wurde für die mittlerweile eingetretene Niederlage der Offensive verantwortlich gemacht. Die wichtigsten Köpfe der Partei, allen voran Lenin selbst, mussten in den Untergrund gehen oder wurden verhaftet. Trotzki, der sich klar auf die Seite der Bolschewiki stellte, blühte das gleiche Schicksal. In bürgerlichen Vierteln gab es Pogrome gegen ArbeiterInnen: 

„Krämer stürzten sich in jenen Stadtteilen, wo sie sich sicher fühlten, wutentbrannt auf Arbeiter und verprügelten sie erbarmungslos. „Unter Rufen: „Schlag die Juden und die Bolschewiki! Ins Wasser mit ihnen!““, erzählt Afanassjew, ein Arbeiter der Fabrik Nowi Lessner, „stürzte sich auf uns eine Menge und verprügelte uns gehörig.“ Eines der Opfer starb im Krankenhaus, den verprügelten und blutenden Afanassjew selbst zogen Matrosen aus dem Jekaterininski-Kanal heraus“ (4)

Die revolutionäre Bewegung hatte eine Niederlage eingefahren. Mehrere Wochen lang sah es oberflächlich betrachtet so aus, als ob die Revolution besiegt sei. Doch unter der Oberfläche brodelte es weiter. Zwar hatte es eine Niederlage gegeben, doch es war keine schwere gewesen. Immer mehr Sowjets gerieten, wenn sie neu gewählt wurden, unter dem Eindruck der Erfahrungen des Juli unter die Kontrolle der Bolschewiki, die als einzige bereit dazu waren, die ArbeiterInnen zur Macht zu führen. Doch bis es so weit war, musste der „Maulwurf der Geschichte“ noch eine Zeitlang weiter unter der Oberfläche seine Gänge graben.


(1), (2) Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Band 2, Kapitel 1
(3), (4) ebd. Kapitel 2




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