Dieser Tage lief Ken Loachs jüngster Streifen "The wind that shakes the barley" in den österreichischen Kinos an. Ein Film über Unterdrückung, Widerstand und einen Sieg, der zur Niederlage verkam.

Loachs erstes Historiendrama seit Land and Freedom (1995) spielt im Irland der 20er Jahre. Nach der Niederschlagung des Osteraufstands 1916, angeführt vom Sozialisten James Connoly, und der Ausrufung der unabhängigen Republik Eire, erreicht die britische Oppressionspolitik ihren Höhepunkt. Im Spannungsfeld zwischen permanenter ökonomischer Unterdrückung und militärisch- polizeilicher Willkür durch die britischen Black and Tans entschließt sich der junge Damien, dem eine Anstellung als Arzt in London in Aussicht gestellt ist, den Kampf gegen die britische Besatzung aufzunehmen. Ausschlaggebend für seine Entscheidung ist dabei das Zusammentreffen mit dem Eisenbahnergewerkschafter Dan. Beide sind sie sich darin einig, dass Irland erst dann frei sein wird, wenn es sich nicht nur der britischen Besatzer, sondern auch seiner eigenen Oligarchie entledigen wird.

Der Wind, der die Gerste spaltet

Worauf, der einem irischen Volkslied entlehnte Filmtitel, zu deutsch „Der Wind, der die Gerste spaltet“, hinweist, vollzieht sich in der Person Damiens in zweierlei Hinsicht. Er, dem alle Türen zu einer bürgerlichen Karriere offen stehen, entschließt sich zum organisierten Widerstand. Er leistet somit dem Folge, was Bernadette Devlin in The Price of my Soul fast 50 Jahre später folgendermaßen formulieren sollte: „Um zu gewinnen, was wert ist, besessen zu werden, kann es notwendig sein, alles andere zu verlieren“. Damien schließt sich der lokalen IRA-Zelle seines Bruders Teddy an, die unter schwierigen Umständen einen Guerillakrieg gegen die Royal Ireland Constabulary führt.

Der Titel drückt sich darüber hinaus mehr noch in der Spaltung der irischen Unabhängigkeitsbewegung entlang der Befürworter und Gegner des Friedensvertrags von 1921 aus. Während Teddy, der neu gewonnen geglaubten Unabhängigkeit, begeistert gegenüber steht, beschließen Damien und Dan den Kampf weiterzuführen. Sie geben sich mit dem Irischen Freistaat, der lediglich 26 der 32 Grafschaften umfasst, und weiterhin Dominion des British Empire bleiben soll, ebenso wenig zufrieden, wie mit der Vorgabe des Umsturzes der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse. Einmal mehr zeigt sich dabei, dass der nationale Befreiungskampf ohne sozialistische Perspektive zur Farce verkommt.

Für ein vollständig unabhängiges Irland

Erbittert kämpfen die verbliebenen Republikaner fortan gegen die Free-Staters, der nunmehr offiziellen irischen Ordnungsmacht. Nach einem missglückten Überfall auf ein Munitionsdepot, bei dem Dan erschossen wird, stehen sich die Brüder Teddy, indes Commander der Free-Staters, und Damien in derselben Zelle gegenüber, die sie sich dereinst unter Britischen Besatzern geteilt hatten. Für Damien, der im Abschiedsbrief an seine Frau Sinead gesteht, in diesen Krieg hineingeraten zu sein, ohne es gewollt zu haben, und nunmehr nicht hinauskommen zu können, obwohl er es wolle, endet der Kampf um ein „vollständig unabhängiges Irland“ mit dem Tod. Aufgrund seiner Weigerung ein Waffenversteck der IRA und den Aufenthaltsort eines, seiner Genossen, preiszugeben, wird er auf Befehl seines Bruders standrechtlich erschossen.

„Wir haben eine Verantwortung, die Fehler und Brutalität unserer Führer zu attackieren“

Ken Loach hat mit The wind that shakes the Barley eindrucksvoll an frühere Arbeiten (abgesehen vom eher platten Liebesdrama Ae fond Kiss, 2004) angeschlossen. In vielerlei Hinsicht erinnert er an Land and Freedom. Loachs Verdienst besteht dabei zuvorderst darin komplexe Drehbücher (Paul Laverty) stimmungsvoll aufzuladen und dabei der notwendigen politischen Differenzierung breiten Raum zu lassen. Anders als von bürgerlichen Feuilletonisten kritisiert, findet diese nämlich sehr wohl Einzug in den Film. So mutet etwa die Kritik der FAZ, die voller Unverständnis konstatiert, dass obwohl „Loach Brite (ist), (.) sich hier aber ganz auf die Seite der irischen Unabhängigkeitskämpfer stellt (…)“, reichlich bescheiden an. Loach selbst hält dem einen klaren Klassenstandpunkt entgegen, wenn er davon spricht, dass „Menschen (.) mit anderen Menschen in anderen Ländern, die in der gleichen sozialen Klasse leben, mehr gemeinsam (haben), als mit denjenigen an der Spitze ihrer Gesellschaft. Wir haben eine Verantwortung, die Fehler und Brutalität unserer Führer zu attackieren, gestern genauso wie heute.“

Kein anti-britischer Film

In diesem Sinne ist The wind that shakes the barley beileibe kein anti-britischer Film. Es ist einer, der Partei ergreift auf Seiten der Unterdrückten, der Gescholtenen; auf Seiten derjenigen, die von einer bürokratisierten Politikerkaste im Verein mit südirischen Landlords und katholischer Kirche, im Kampf um ihre Ideale betrogen worden sind.

Es sind die Dans und Damiens, denen Loach somit ein filmisches Denkmal setzt. Allerdings nicht ohne darauf zu verweisen, wohin der irische Unabhängigkeitskampf hätte gehen können, und worin auch heute noch die Lösung für ein vereintes Irland zu suchen ist.
Nach mehr als 80 Jahren kapitalistischer Restauration im Süden, und Bürgerkrieg im Norden der grünen Insel, nach dem dutzendfachen Verrat am Republikanismus, und der sich abwechselnden Wiederholung der irischen Geschichte als Farce und Tragödie gleichermaßen, mag darin dass progressivste Moment von The wind that shakes the Barley liegen. „The cause of Ireland ist the cause of labour“, zitiert Loach den „Lenin Irlands“, James Connoly. Oder, um mit dem Eisenbahnergewerkschafter Dan zu sprechen: “Gebt nicht auf, solange wir nicht vollkommen unabhängig sind”.

Samuel Stuhlpfarrer




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