Um die aktuellen Kämpfe im Iran besser zu verstehen und die Frage zu beantworten, wie diese revolutionäre Situation zum Sturz des Mullah-Regimes führen kann, hilft eine nähere Auseinandersetzung mit der Geschichte des Landes. In diesem zweiteiligen Artikel beleuchten Rana Issazadeh und Konstantin Korn die Entwicklung, die zum Ausbruch der Revolution von 1979 führte.

Der Aufstieg des Kapitalismus auf Weltebene hatte zur Folge, dass aus dem einst mächtigen persischen Reich im Laufe des 19. Jahrhunderts eine Halbkolonie wurde, die von imperialistischen Mächten dominiert wurde. Dabei konkurrierten vor allem Russland und Großbritannien darum, ihre jeweiligen Machtsphären auszuweiten. 1826 wurden Teile des damaligen Iran im Kaukasus durch das russische Zarenreich erobert. Die britischen Imperialisten waren vor allem daran interessiert, ihre Interessen auf den Ölfeldern Khuzestans, einer Provinz im Südwesten des Landes, zu verteidigen. Bereits im Jahr 1909, nachdem zuvor ein großes Ölfeld um Masdsched Soleyman im Südwesten Irans entdeckt worden war, war die „Anglo-Persian Oil Company“ (APOC) gegründet worden. Die APOC ist die Vorgängerin der heutigen British Petroleum Company (BP). 1933 wurde ein Abkommen geschlossen, das eine Laufzeit von 60 Jahren hatte; darin war dem iranischen Staat ein Anteil am Gewinn von 20 bis maximal 25% festgelegt worden. So machte die APOC extrem hohe Profite auf Kosten der iranischen Arbeiter.

Doch man kann den Iran nicht verstehen, wenn man nicht auch die andere Seite der Medaille sieht: Auch die lange und starke revolutionäre Tradition im Iran wurzelt im Widerstand gegen diese imperialistische Ausbeutung. Schon im 19. Jahrhundert flammten daher immer wieder Aufstände gegen die herrschende Kadscharen-Dynastie auf, etwa 1844, als Konzessionen an die British Tobacco Company der Auslöser für eine Revolte waren. Diese Aufstände führten letztendlich dazu, dass die Dynastie 1906 in der sogenannten „Konstitutionellen Revolution“ eine Verfassung akzeptieren musste.

In der darauffolgenden Periode setzte die Industrialisierung des Landes ein. Die Kadscharen wurden 1920 durch Seyed Ziaaldin Tabatabai und Reza Khan, einem Kavallerieoffizier gestürzt, der sich bei der Niederschlagung der Sowjetrepublik Gilan im Norden des Iran hervorgetan hatte. Reza Khan ließ sich 1925 selbst krönen; die Pahlavi-Dynastie hatte damit ihren Anfang genommen. Reza Khan war der Vater von Mohammad Reza Pahlavi, der von 1941 bis 1979 regierte. Die 20-jährige Zeit der Herrschaft von Reza Khan war unter anderem durch die brutale Unterdrückung der Kurden, Belutschen, Qashqais und anderer nationaler Minderheiten gekennzeichnet.

Die imperialistische Politik stieß jedoch weiterhin auf Widerstand in der Bevölkerung. Im iranischen Parlament – der Iran war eine konstitutionelle Monarchie mit weitgehenden Machtbefugnissen des Monarchen – kam es 1951 zu einer Abstimmung mit dem Ziel, die iranische Ölindustrie zu verstaatlichen. Der Premierminister weigerte sich jedoch, dem Abstimmungsergebnis Folge zu leisten und Maßnahmen zur Verstaatlichung einzuleiten. In der Folge wurde er entlassen. Dr. Mossadegh, ein promovierter Jurist, der zuvor bei den Parlamentswahlen im Jahr 1949 als Abgeordneter ins Parlament gewählt worden war, wurde zum neuen Premierminister ernannt. Mossadegh versuchte auf dem Verhandlungsweg mit der APOC/BP den Anteil des iranischen Staates am Gewinn von 20% bzw. 25% auf 50% zu erhöhen. Dies lehnte die britische Regierung ab. Wurde der Konflikt anfangs noch mit juristischen Mitteln ausgetragen, antwortete Großbritannien nach einigem Hin und Her mit einer wirtschaftlichen Blockade: Es wurden keine Ölexporte aus dem Iran mehr zugelassen und mit Kriegsschiffen eine Seeblockade im Persischen Golf errichtet, was eine schwere wirtschaftliche Krise im Iran auslöste.

Im August 1953 putschten die US-amerikanische und die britische Regierung gegen den demokratisch gewählten und verfassungsgemäß eingesetzten Premierminister, weil sie ihre Wirtschaftsinteressen gefährdet sahen. Schah Mohammad Reza Pahlavi war zuvor seitens des US-amerikanischen Botschafters dazu gedrängt worden, den Putsch zu unterstützen. Mossadegh wurde abgesetzt und unter Hausarrest gestellt.

Das Jahr 1953 markiert eine Zeitenwende mit einer Reihe von Veränderungen im Land:

Nach dem Putsch gründete der Schah den Geheimdienst SAVAK, der bis heute für die Brutalität gegen politische Gegner berüchtigt ist. Maßgeblich am Aufbau des SAVAK beteiligt waren der US-Geheimdienst CIA sowie der israelische Geheimdienst Mossad. Die Folgejahre waren insbesondere durch die Einflussnahme des westlichen Imperialismus und die Brutalität des SAVAK gekennzeichnet. Jegliche Opposition wurde unterdrückt, unter anderem ein Generalstreik, der einige Jahre nach dem Putsch organisiert worden war. Die Unruhe und die Unzufriedenheit nahmen jedoch trotz der brutalen Repression massiv zu.

Um das Land zu modernisieren, wurden 1963 von oben eine Reihe von Reformen verabschiedet, die sogenannte „Weiße Revolution“: Das Ziel des Schahs war es, die eigene Herrschaft zu stabilisieren. Da in dieser Zeit ca. 75% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig waren, war eine Landreform erforderlich. Vor der „Weißen Revolution“ war das Land folgendermaßen verteilt: 50% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche war in der Hand von Großgrundbesitzern, 20% gehörte karitativen oder religiösen Stiftungen, 10% war staatliches Eigentum oder Eigentum der Krone und nur 20% gehörte Bauern. Dies erklärt den Widerstand von Seiten der Großgrundbesitzer sowie des Klerus gegen diese Landreform. Mittels eines Referendums wurde die „Weiße Revolution“ schließlich trotz der Widerstände dieser privilegierten Gruppierungen verabschiedet. Doch auch Millionen Bauern waren gezwungen, ihr Land zu verlassen, und zogen in die Städte.

Iranische Revolution Statue Schah Bild public domainBild: public domain

Aufgrund dieser Reformpolitik kam es einige Jahre lang zu einer – relativen – politischen und ökonomischen Stabilisierung des Landes. Die Öleinnahmen hatten sich aufgrund der Weltlage erhöht. Diese relative Stabilität veranlasste den Schah völlig fernab von der Lebenswirklichkeit der Masse der Bevölkerung zu einem größenwahnsinnigen Projekt: 1971 feierte er das 2.500-jährige Bestehen der persischen Monarchie, bei dem er selbst als „Shah-an-Shah“ (deutsch: "König der Könige“) als Protagonist im wohl teuersten Fest der Welt agierte. Fast alle europäischen Königshäuser sowie 69 Staatsoberhäupter waren vertreten. Die Kosten für dieses dreitägige Fest werden auf 100 Millionen Dollar geschätzt.

Zeitgleich kam es zu einer stetigen Zunahme der inneren Widersprüche im Land: Zwar stiegen die Öleinnahmen des Staates von 938 Millionen US-Dollar im Jahr 1969 auf 22 Milliarden US-Dollar im Jahr 1974. Von dieser positiven Ölpreisentwicklung profitierte die breite Masse jedoch kaum; stattdessen mussten weite Teile der Bevölkerung mit den Folgen der steigenden Inflation kämpfen. In den Fünfzigern und Sechzigern des 20. Jahrhunderts war es wie schon erwähnt zu einer massiven Landflucht gekommen, Millionen Menschen waren auf der Suche nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen in die Städte gezogen, insbesondere in die Hauptstadt Teheran. Dies bewirkte einen starken Rückgang der Agrarproduktion, was wiederum zu steigenden Lebensmittelpreisen geführt hatte.

Die Diskrepanz zwischen obszönem Reichtum und bitterer Armut nahm weiter zu und wurde immer offensichtlicher. 1974 kontrollierten ganze 45 Familien 85% der landesweit größten Firmen.

Proteste gegen diese Verhältnisse beantwortete der Schah weiterhin mit dem brutalen Vorgehen seines Geheimdienstapparats SAVAK, der auch innerhalb der Fabriken präsent war. Trotz der massiven Repression durch den Geheimdienst konnten aber gewerkschaftliche Organisierung und Streiks nicht gänzlich verhindert werden.

Durch die fortschreitende Industrialisierung in den Siebzigern war die Arbeiterklasse zahlenmäßig immer stärker geworden. Als es 1976 zu Kürzungen und anderen Maßnahmen kam, verloren viele Menschen ihren Arbeitsplatz und wurden so ins soziale Elend gestürzt.

Infolgedessen kam es zu ersten Vorboten einer revolutionären Situation: eine Bürgerrechtsbewegung, darunter Schriftsteller und Rechtsanwälte, begann Forderungen nach mehr politischer Freiheit zu erheben. Der US-Imperialismus drängte daraufhin den Schah dazu, Reformen einzuleiten, um einer revolutionären Stimmung vorzubeugen.

Wie bei allen Revolutionen äußerten sich die gesellschaftlichen Spannungen zuerst in einer Spaltung der herrschenden Klasse. Einerseits wurden im Lager der Schah-Anhänger die Forderungen nach Reformen laut, und auf der anderen Seite formierte sich unter den Vertretern der vom Regime stark gegängelten Basar-Ökonomie (Großhandel, Geldgeschäfte) Widerstand. Letztere hatten aufgrund der engen Bindung zwischen Basar und den Moscheen traditionell eine wichtige Beziehung zum schiitischen Klerus, der nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Rolle einnahm. Die Säkularisierungsschritte des Schah-Regimes drängten den Klerus immer mehr in Opposition. Dazu kam, dass unter der Schah-Diktatur die Moscheen zum einzigen Ort wurden, wo sich Unmut gegen das System offen artikulieren konnte. Dies erklärt die bedeutende Rolle der Mullahs im Kampf gegen das Schah-Regime.

So ist es auch kein Zufall, dass der revolutionäre Prozess in der Stadt Qom, einem religiösen Zentrum des Landes, ausbrach. Als Anfang Jänner 1978 eine Demonstration von Theologiestudenten blutig unterdrückt wurde und mehrere Menschen starben, löste dies ein ungeahnte Protestwelle aus. Ein bei den Schiiten verbreiteter Brauch, 40 Tage nach dem Tod der Verstorbenen eine Trauerfeier abzuhalten, bestimmte nun die Dynamik der Bewegung gegen den Schah. Alle 40 Tage kam es zu Massendemos, die immer wieder aufs Neue blutig unterdrückt wurden.

Die Mullahs strebten aber eigentlich einen Kompromiss mit dem Schah an, nicht dessen Sturz, weshalb sie auch ab einem gewissen Punkt mit der Demobilisierung der Proteste begannen.

Das Regime selbst reagierte in dieser Phase sehr erratisch und setzte mal auf Reformen, mal auf Repression. Als am 8. September 1978 Regierungstruppen ein weiteres Mal Demonstranten in Teheran massakrierten, traten am Tag darauf die Arbeiter der Öl- und Petrochemie-Industrie aus Solidarität in den Streik. Am darauffolgenden Tag hatte sich der Streik auf mehrere große Städte, unter anderem Shiraz, Abadan und Isfahan, ausgeweitet. Die Forderungen politisierten sich: „Nieder mit dem Schah“ und „Nieder mit SAVAK“ lauteten einige der Parolen. Die Arbeiter der Ölindustrie in Ahvaz schlossen sich dem Streik ebenfalls an. Ein einzelner Streiktag der Arbeiter in der Ölindustrie verursachte einen Schaden von 74 Millionen Dollar durch entgangene Einnahmen. Das war entscheidend für den späteren Sieg der Revolution.

(Fortsetzung folgt in Funke, Nr. 209)

(Funke Nr. 208/25.10.2022)


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