Österreichs Gesundheitssystem kämpft zusehends mit der zweiten Welle an COVID-19-Erkrankten. Einem Bericht der österreichischen Corona-Kommission vom 6.11.2020 zufolge steigt die Auslastung der Intensivstationen weiter an. Eine aktuell vorgelegte Prognose zeigt, dass sich diese Situation in nächster Zeit nicht bessern wird.

 

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 Anfang Oktober präsentieren Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker, Evelyn Kölldorfer-Leitgeb, die Generaldirektorin des Wiener Gesundheitsverbundes sowie der Sprecher der Wiener Ordensspitäler, Manfred Greher, einen neuen, mehrstufigen Versorgungsplan für die städtischen Krankenhäuser. Ziel des Plans ist es, dass Operationen und Behandlungen nicht so wie im Frühjahr aufgeschoben werden müssen.

Spätestens Ende Oktober wird klar, dass dieses Ziel nicht erreicht werden konnte. Österreichweit sind die zusätzlich geschaffenen Spitalskapazitäten zunehmend erschöpft. Um weitere Kapazitäten für die Versorgung von COVID-19-Patienten zu schaffen, schalten die Spitäler zusehends erneut in den Krisenmodus. Doch geplante Operationen und Behandlungen zu verschieben und mehrere Stationen aus dem Regelbetrieb zu nehmen reicht bei weitem nicht aus, um die Versorgung der COVID-19-Patienten aufrecht zu erhalten. Da es österreichweit an Pflegepersonal in den Spitälern fehlt, müssen nun auch Stationen unterschiedlicher Fachbereiche ganz geschlossen werden oder Teile ihres Pflegepersonals an die COVID-Stationen abgegeben werden. Das geschieht oft überfallsartig und ohne Vorbereitung. Das ist belastend, aber dennoch unbedingt notwendig, denn sonst wäre die Versorgung der Patienten unmöglich.

Die Berichte einer Pflegekraft, die auf einer Station arbeitet, an der COVID-19-Patienten betreut werden, machen das noch einmal ganz deutlich. In ihren Berichten zieht die Pflegekraft einen direkten Vergleich zwischen den Arbeitsbedingungen auf der COVID-19 Station unter aufgestocktem Personalschlüssel, und den Arbeitsbedingungen auf dieser Station bevor zusätzliches Personal dort zum Einsatz kam. Sie merkt an, dass ihrer Einschätzung nach der Personalschlüssel auf ihrer Station bereits vor der Pandemie nicht ausreichend war.

Sie berichtet, dass der pflegerische Mehraufwand bei der Betreuung von COVID-Patienten besonders auf das aufwendige An- und Auskleiden der Schutzausrüstung und auf die engmaschige Kontrolle von Sauerstoffsättigung, Temperatur und weiterer Parameter zurückzuführen ist. Ganz besonders ins Gewicht fällt aber auch die psychosoziale Komponente: „Unsere Patienten liegen den ganzen Tag und die ganze Nacht in ihren Zimmern, weil sie diese nicht verlassen dürfen. Sie bekommen selten oder gar keinen Besuch, weil das nur begrenzt erlaubt ist. Uns Pflegekräfte sehen sie nur in voller Schutzausrüstung. Viele der Patienten haben große Angst vor der Erkrankung und die Isolation belastet sie zusätzlich. Die Kombination von instabilen Vitalparametern, unzureichender Sauerstoffsättigung und Panik ist gefährlich, denn die Panik, die viele unserer Patienten befällt, kann zu einer erhöhten Atemfrequenz führen, die das Atmen noch schwerer macht. Bevor die Kollegen anderer Stationen auf meine Station gekommen sind, um uns zu unterstützen, war es uns oft nicht möglich, auf die psychosoziale Komponente einzugehen. Wir hatten alle Hände voll damit zu tun, das Notwendigste am Patienten zu erledigen. Oft dauerte es eine Weile, bis ein nass geschwitztes Bett frisch überzogen werden konnte und für beruhigende Gespräche war kaum Zeit. Dass jetzt mehr von uns Pflegekräften hier arbeiten, wirkt sich unmittelbar auf den Zustand unserer Patienten aus. Wir können sie nun annähernd so versorgen, wie es notwendig ist.“

Zusammenfassend lässt sich unweigerlich feststellen, dass sich der Betreuungsschlüssel von Pflegekräften unmittelbar auf die Qualität der Versorgung niederschlägt. Das wird angesichts der COVID-19-Pandemie ganz besonders deutlich, gilt jedoch auch für jedes andere Krankheitsbild.

(Funke Nr.188/11.11.2020)


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