Swarovski kündigt die Entlassung von einem Drittel der Belegschaft in Wattens an - nachdem der Konzern Millionen für Kurzarbeit kassiert hat. Unser Korrespondent aus Tirol hat mit einem Mitarbeiter gesprochen. Eine Reportage.

 

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Mit nachdenklichem Blick schaut unser Gastgeber auf die Berge auf der anderen Seite des Inntals. Am Fuße der bewaldeten Hänge bricht der riesige Fabrikkomplex der Swarovski-Werke die ländliche Idylle. Nebenan sprudelt Wasser aus dem Maul des Riesen, der am Eingang zum Tourismusmagnet „Kristallwelten“ thront und einen geheimen Schatz zu bewachen scheint. Die „Magie des Kapitals“ bekommt an diesem Ort eine neue Bedeutung.

Seit bald 20 Jahren fährt er fünf Mal in der Woche „in die Bude“. Er ist nicht der einzige aus der Familie, der bei Swarovski sein Geld verdient. Die Fabrik bietet für viele hier in den umliegenden Ortschaften Lebensunterhalt. Nicht jeder hält das Fabrikleben aus, seine Schwester hat nach zwei Jahren das Handtuch geworfen und lieber in einen Bergbauernhof eingeheiratet. Aber die meisten sind froh über diese Arbeit, weil man nicht so schlecht verdient. Ohne die Arbeit hätte er nicht so viel ins Haus stecken können und sich halbwegs etwas aufbauen können. Natürlich hat er Schulden aufnehmen müssen, aber wenn er die Arbeit bis zur Pension behalten könnte, kann er den Kredit abzahlen. Am liebsten würde er sich einfach um seine Funktion beim Krippenverein und bei den Tiroler Schützen kümmern. Das ist seine Welt. Hier kann er die lieb gewonnenen Traditionen, Familiensinn und Heimattreue pflegen und weitergeben.

Aber seit letztem Jahr ist alles unsicher. Die Gerüchteküche brodelt. Er selbst glaubt, dass im Endeffekt 2000 MitarbeiterInnen gehen müssen. Wenn überhaupt Wattens als Standort erhalten bleibt, weil selbst das ist mittlerweile nicht mehr in Stein gemeißelt.

In Wattens wurde Swarovski groß. Was als Familienunternehmen begann, ist heute ein weltweit tätiger Konzern und Weltmarktführer bei Kristallglas. In der Region selbst geht ohne die Swarovskis nichts. Der Fußballverein spielt dank des Sponsorings in der Bundesliga, die besten Immobilien gehören dem einen oder anderen Zweig der Großfamilie, und auch andere wichtige Betriebe, wie die Tyrolit, sind Teil des Konzerns. Der Gründer des Unternehmens, Daniel Swarovski, hat die MitarbeiterInnen einst „sein bestes Kapital“ bezeichnet. Sein Name wird heute noch in der Umgebung mit Ehrfurcht in den Mund genommen. Doch das zentrale Management des Konzerns operiert längst nicht mehr aus Wattens, sondern aus der Schweiz und aus London. Für die neuen Chefs ist der Börsegang mehr als überfällig. Schon seit letztem Jahr ist der Konzern angeschlagen, die Gewinne sind weltweit im Zuge der ersten Krisenanzeichen, noch lange bevor die Corona-Pandemie ein Thema war, eingebrochen. Schon damals befürchtete man in Wattens massiven Personalabbau. Der Arbeitsdruck wurde ohnedies ständig erhöht, erzählt uns unser Gastgeber. Als Verantwortlicher für sein Team hat er mehrfach darauf hingewiesen, dass man mit dem Personalstand nicht das geforderte Ergebnis erzielen könne. Durch die Blume hat man ihm schon vor Monaten gesagt, dass „Bremser“ wie er aufpassen müssen.

Seit Monaten hat man in Wattens Kurzarbeit – obwohl die Swarovskis im Geld schwimmen. Im Betrieb herrscht auch darüber Unruhe, weil bei Vielen die Kurzarbeitsabrechnungen nicht stimmen sollen. „Corona kam denen da oben genau richtig“, hört man immer wieder. Obwohl der Staat über die Kurzarbeit Lohnkosten übernimmt, um Kündigungen zu vermeiden, wurden schon die ersten 200 Arbeitsplätze abgebaut. Derzeit gibt es noch 4600 Jobs in Wattens. Aber jetzt zittern alle, wen es im Herbst noch treffen wird. Dass es hier nur um die Gewinne geht und die ArbeiterInnen vom Management einfach als „Zahlen in der Bilanz“ gesehen werden, „darüber brauchen wir gar nicht reden“.

Auf unsere Frage, wie der Betriebsrat auf diese Bedrohung reagiert, bekommen wir nur ein „Ach der, den kriegst ja gar nie zu sehen“ als Antwort. Vor einigen Tagen gab’s vom schwarzen Zentralbetriebsrat eine Mahnwache, einen „stillen Protest“, in Wattens. Dabei wurden Portraits des alten Swarovski-Patriarchen mitgetragen. Die Notwendigkeit der Sparpolitik wurde dabei aber nicht in Frage gestellt. Dass „die Politik“ Swarovski an der Umsetzung der Kahlschlagpläne hindern könnte, daran glaubt niemand. Das Land hat eine Arbeitsstiftung eingerichtet und der bestehende Sozialplan wird bis Ende 2021 verlängert.

Bei der anschließenden Gesellschafterversammlung kam es zu keinem Ergebnis, was auf einen Machtkampf an der Konzernspitze und in der Familie Swarovski hindeutet. Teile der Familie wollen den Standort Wattens halten, aber auch sie halten Einsparungen für unerlässlich. Das ist ein kurzer Zeitgewinn. Den gilt es zu nutzen, um endlich die Belegschaft und die Menschen in der Region auf einen Arbeitskampf vorzubereiten. Zaudern und Zögern ist jetzt fehl am Platz.

Unser Gastgeber zeigt uns stolz seinen ledernen Ranzen, den Gürtel seiner Schützentracht. Als Jugendlicher hat er beim Eintritt zu den Schützen den Eid abgelegt, „das Land Tirol zu verteidigen“. Jetzt geht es für ganz viele Familien um die Existenz und um eine Zukunftsperspektive in Tirol, die es vor dem Profithunger des Riesen zu verteidigen gilt.

(Funke Nr. 186, 10.9.2020)


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