Der Segen für Sebastian Kurz im Rahmen von Awakening Austria ist viel mehr als ein religiöser Akt. Eine Analyse von Mario Wassilikos.

 

"Vater, wir danken dir so sehr. Für diesen Mann. Für die Weisheit, die du ihm gegeben hast. Für das Herz, das du ihm für dein Volk gegeben hast.“ Diese Worte sprach Ex-Drogendealer Ben Fitzgerald, Leiter der evangelikal-pfingstkirchlichen Bewegung „Awakening Europe“ und der dazugehörigen Organisation „Godfest Ministries“, als Segensgebet für Sebastian Kurz, der erwartungsvoll neben ihm stand, auf der Veranstaltung „Awakening Austria“. Zudem bat er darum, dass dem Ex-Kanzler „gerechte Führung“ und „viel Schutz“ durch Gott zuteilwerde. Kurz bedankte sich dann artig für die Bitte um göttlichen Beistand und die Einladung. Außerdem wurden bei diesem Event Homosexuelle zum „Feind“ erklärt sowie Wunderheilungen und Teufelsaustreibungen vollzogen. Das Ganze spielte sich am 16. Juni vor 10.000 ChristInnen in der Wiener Stadthalle ab.

Big Business im Namen Gottes

So weit, so religiös, könnte man jetzt sagen. Doch die Event-Reihe „Awakening Europe“ ist kein normales Treffen von ChristInnen, die dem Satan den Kampf ansagen, für ihr Seelenheil beten, das Wort Gottes aufnehmen und verbreiten. Einerseits wurde in Wien nicht für einen religiösen Führer, sondern für einen sehr weltlichen Politiker gebetet, der mit seiner Regierung Sozialabbau und massive Angriffe auf die Rechte der LohnarbeiterInnen durchführte und das nach den Wahlen im Herbst fortsetzen will. Andererseits verbreiten die Awakening-Europe-Events radikal das Wohlstandsevangelium, eine in den USA entstandene und die herrschende kapitalistische Ausbeutung religiös legitimierende theologische Auffassung freikirchlicher Gemeinschaften. Die zentrale Botschaft: Unternehmerischer Erfolg und Anhäufung von Vermögen sind der sichtbare Beweis für Gottes Gunst und von ihm gewollt. So fand im Rahmen von Awakening Austria ein „Business Day“ mit dem passenden Titel „Geschäfte, Unternehmungen, Reichtum für Jesus“ statt.

Reich werden dabei vor allem die WunderheilerInnen und PredigerInnen, die mit den religiösen Gefühlen von Menschen rücksichtslos Profit machen und schamlos abkassieren: Gläubige müssen bei Awakening Europe für Heilungen und Erweckungen nicht nur Gott danken, sondern auch kräftig zahlen. In Wien gingen MitarbeiterInnen der Bewegung immer wieder mit pinken Eimern durch die ausverkauften Sitzreihen (Eintritt: 10 Euro), in die man den ganzen Inhalt seiner Geldbörse oder einen Zettel mit seiner Kreditkartennummer geben sollte. Um Awakening-Europe-PartnerIn zu werden, muss man neben der Liebe zu Jesus eine Spende von mindestens 240 Euro pro Jahr leisten. Todd White, Awakening-Europe-Prediger, Straßenheiler im Rasta-Look und Präsident von Lifestyle Christianity – einer angeblich wohltätigen Evangelisationsinitiative –, verdient jährlich 625.000 US-Dollar und wohnt in einer Luxusvilla mit einem Wert von mehr als 1,2 Millionen US-Dollar. Philipp Schmerold verbreitete in Wien die Lehren des US-Fernsehpredigers Kenneth Copeland, der ein Privatvermögen von 760 Millionen US-Dollar und 15 Flugzeuge sein Eigen nennt, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Im Gegensatz zur Evangelischen Kirche und ihrem Bischof Michael Bünker, die vor allem die Kurz-Segnung kritisierten, unterstützte die Katholische Kirche dieses Event. Erzbischof und Kardinal Christoph Schönborn war sogar persönlich dabei und betete dort im Rahmen eines ökumenischen Gebets mit tausenden Gläubigen. Kath.net, das zum rechten Rand des Katholizismus gehörende und von Schönborn unterstützte Online-Magazin, das bisher vor allem mit Hass auf Homosexuelle, aggressiver Pro-Life-Propaganda und Sympathie für rechtsextreme Parteien auffiel, verteidigte die Bitte um göttlichen Beistand für den Ex-Kanzler: „Traurig mutet es allerdings an, dass es nicht nur von links-liberaler Seite massive Anfeindungen gab, sondern auch von Christen, die dem Altkanzler ganz einfach unterstellten, eine Wahlveranstaltung abgehalten zu haben und dabei wohlmeinend Christen zu benützen […] Beten wir also für Sebastian Kurz […] Wer macht mit?“

Religiöse Mobilisierung des Bürgerblocks

Das war nicht die erste Gelegenheit, bei der sich Kurz mit dem rechten Rand des Christentums vernetzte. So hielt er im Juni 2016 beim Marsch für Jesus eine Rede. Die TeilnehmerInnen gingen damals vor allem für das Totalverbot von Schwangerschaftsabbrüchen auf die Straße. Gudrun Kugler, ÖVP-Nationalrätin aus der Donaustadt, die ebenfalls an Awakening Austria teilnahm und dort eine Rede hielt, dient in diesem Zusammenhang als Brücke zwischen der ÖVP und den Freikirchen. Ihr Programm kommt bei konservativen ChristInnen aller Konfessionen gut an: gegen Schwangerschaftsabbrüche, für ein traditionelles Familienbild und gegen Homo-Ehe. Sie betonte in ihrem Wahlkampf 2017, dass „die Unterstützung durch christlich inspirierte Gruppen stark spürbar“ war. Ihr Grundmandat sicherte sie sich in Wien-Nord – dort gibt es 16 freikirchliche Gemeinden. Zudem fungiert sie mithilfe ihres Ehemannes Martin Kugler als türkises Bindeglied zu Opus Dei. Er ist der ehemalige Pressesprecher dieser reaktionären, aus Laien und Geistlichen bestehenden Organisation der Katholischen Kirche, die vor allem durch Selbstgeißelungen, Geheimniskrämerei und Verständnis für den (spanischen) Faschismus auffällt.

Es ist offensichtlich, warum Kurz, Kugler und Schönborn an dieser Veranstaltung teilnahmen. Der Ex-Kanzler ist gerade auf Wahlkampftour und versuchte in Wien, gläubige ChristInnen für sein Programm der Banken, Bosse und Konzerne zu mobilisieren. Kugler unterstützte ihn als konservatives christliches Aushängeschild und Netzwerkerin. Der Kardinal gab als hoher katholischer Kirchenfürst mit seiner aktiven Teilnahme dem Event und dem Gebet für Kurz den Segen der Katholischen Kirche. In der jüngeren Vergangenheit fiel er immer wieder als Unterstützer von Schwarz-Blau auf. So plädierte er 2018 im Rahmen der Österreichischen Bischofskonferenz für Zusammenhalt und lobte den geplanten Sparkurs – also den Sozialabbau – der Bundesregierung. Zudem ist die Katholische Kirche als einer der größten Immobilien- und Medienunternehmer in Österreich selbst ein Profiteur der Maßnahmen des Kabinetts Kurz. Man sieht, dass der Bürgerblock über die bürgerlichen Parlamentsparteien hinausgeht. Er ist eine gesellschaftliche Formation im Dienst der herrschenden Klasse, die so viele Lebensbereiche wie möglich – auch die Religion – erfasst, um alle Schichten der Lohnabhängigen – der absoluten Bevölkerungsmehrheit – für die Agenda des Kapitals zu gewinnen. Dabei schreckt er neben der rassistischen Demagogie auch nicht vor der politischen Instrumentalisierung religiöser Gefühle zurück.

(Funke Nr. 175/Juli 2019)




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