Seit 2017 arbeite ich beim Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) als Gesundheits- und Krankenpflegerin. Schnell fällt auf, dass das Geld im Gesundheitswesen knapp ist. Dies zeigt sich an vielen Beispielen und wird meinem Empfinden nach immer drastischer. Von Anita.

6.45 Uhr Dienstbeginn. Ich trinke einen Kaffee, während mir die KollegInnen über die wichtigsten Vorkommnisse der letzten Tage und Besonderheiten zu den einzelnen PatientInnen berichten. Nach der Dienstübergabe bereite ich Infusionen und Medikamente für meine mir zugeteilten PatientInnen vor. Schon später betrete ich das erste Patientenzimmer und frage nach dem Befinden, ob jemand Schmerzen hat und ob alle gut geschlafen haben. Die Nervosität und Aufregung vor geplanten Untersuchungen und Therapien ist spürbar. Ich sehe niedergeschlagene Blicke, wenn die PatientInnen am Vortag schlechte Diagnosen bekommen haben. Einige PatientInnen können mir aufgrund ihrer Erkrankung keine Antwort geben. Ich versuche an Hand von Mimik, Gestik oder den Vitalparametern ihren Zustand zu beurteilen. Nachdem die Medikamente ausgeteilt sind, der Blutdruck gemessen ist und ich einigen PatientInnen beim Frühstücken geholfen habe, unterstütze ich sie dabei sich zu waschen und anzuziehen, oder ich übernehme das für sie. Dabei ärgere ich mich über die Arbeitsmaterialen, die uns zur Verfügung gestellt werden. Mit den neuen, billigeren Nassrasierern schneide ich die PatientInnen oft und die Handschuhe, die der einzige Schutz zwischen mir und den Körperflüssigkeiten meiner PatientInnen sind, zerreißen oft schon beim Anziehen. Ich versorge die neuen, durch das Rasieren entstandenen Wunden genauso, wie bereits bestehende. Ich mache Verbände frisch und reinige Zu- und Abgänge. Danach mobilisiere ich PatientInnen, die in ihrer Bewegung sehr eingeschränkt sind in den Rollstuhl. Während ich bei der Körperpflege bin, geht die Visite durch die Zimmer. Neue Untersuchungen werden angeordnet, und Medikamente werden angepasst. Bis das Mittagessen ausgeteilt wird, sollte ich die Visite ausarbeiten. Zwischen meiner geplanten Arbeit gehe ich immer wieder zu PatientInnen, welche die Patientenrufglocke betätigt haben, weil sie zum Beispiel auf die Toilette müssen. Zwischenzeitlich alarmiert auch der Monitor eines anderen Patienten und ich eile in sein Zimmer um mögliche lebensbedrohliche Situationen abzuwenden. Nachdem ich mittags wieder Medikamente ausgeteilt und Vitalparameter gemessen habe, bleibt mir Zeit für ein schnelles Mittagessen, vorausgesetzt niemand benötigt in dieser Zeit etwas von mir. Am Nachmittag kommen Angehörige zu Besuch und ich bin froh über die Ablenkung, die nun einige der PatientInnen haben. Andere fordern meine Anwesenheit umso mehr ein, alle, zu denen heute kein Besuch gekommen ist, da die Familie arbeiten ist, oder mit der momentanen Situation der PatientInnen nicht umgehen kann. Auch die Angehörigen möchten mit mir sprechen. Sie möchten Auskunft über die aktuelle Situation des Patienten und was weiter an Behandlung geplant ist. Da ich solche Auskunft nicht geben darf, bitte ich darum, dass ein Termin mit den Stationsärzten vereinbart wird und beschränke mich auf das Pflegerische. Ich freue mich, wenn sich die PatientInnen und deren Angehörige für meine Arbeit bedanken. Oft muss ich leider auch vermitteln, weil die Schwester am Vortag oder im anderen Spital so hektisch und unfreundlich war. Ich bin froh, dass erst der erste von vier Arbeitstagen diese Woche ist und ich noch geduldig antworten kann. Ich weiß, dass am Vortag, die Kollegin einen Zusatzdienst hatte und es durch einen Notfall sehr stressig auf der Station war. Aber da die PatientInnen und Angehörigen diesen Einblick nicht haben, führt es sehr oft zu Unmut und Unverständnis. Wenn das Therapieprogramm für die PatientInnen endet, möchte ich sie wieder zurück in ihre Betten mobilisieren und für die Nacht fertigmachen. Viele blicken mir verständnislos ins Gesicht, denn sie verstehen nicht, warum sie bereits im Bett sein sollen, bevor die Sonne untergeht. Dass die KollegInnen im Nachtdienst nur zu zweit sind, und es deshalb unverantwortlich wäre, wenn ich ihnen diese Aufgabe überlassen würde, hilft als Erklärung auch nur wenig weiter. Ich beeile mich, damit ich meine Tätigkeiten später noch in der elektronischen Erfassung abzeichnen und besondere Vorkommnisse der einzelnen PatientInnen dokumentieren kann. Dann kommen schon meine KollegInnen vom Nachtdienst und nach über zwölf Stunden Arbeit darf ich endlich nach Hause unter die Dusche und in mein Bett. Viel Zeit zum Ausrasten bleibt mir nicht, denn in elf Stunden beginnt mein nächster Dienst.

Dass der Beruf von Gesundheits- und KrankenpflegerInnen anstrengend ist, wusste ich bereits bevor ich die Schule dazu absolviert habe. Worauf ich mich aber genau einlasse und womit ich an jedem Arbeitstag konfrontiert sein würde, darauf konnte mich niemand vorbereiten. Welche Verantwortung ich in jedem Dienst trage, welche Emotionen ich aushalten muss, welche Arbeiten ich an und mit PatientInnen verrichte, lässt sich für Außenstehende nur schwer schildern. In den neuen Werbekampagnen stehen Slogans wie „Es ist schön zu helfen!“. Der Alltag ist aber nicht rosig. Man muss lernen, trotz Personalmangel, daraus resultierendem permanentem Zeitdruck und teilweise schlechtem Material, dennoch für die PatientInnen da zu sein und sie, so gut wie möglich, individuell zu versorgen. Viele KollegInnen können den Belastungen, die der Alltag einer Pflegeperson mit sich bringt, manches Mal nicht mehr standhalten. Oft kommt es zu Krankenständen, viele orientieren sich im Berufsfeld neu und suchen Stationen und Bereiche, in denen weniger Druck herrscht und die Bezahlung besser ist. Diejenigen, die übrigbleiben, leiden unter ständigem Personalmangel und müssen einspringen und Zusatzdienste machen, damit die Patientenversorgung sichergestellt werden kann.

Obwohl die Betreuung von pflegebedürftigen Menschen vor allem durch den Sparzwang im Gesundheitssystem nicht nur schöne Seiten hat, gibt es immer noch Menschen, die diesen Beruf beharrlich weiter machen. Das neue Besoldungsschema von KAV-MitarbeiterInnen, bei welchem KollegInnen, die seit Jänner 2018 angefangen haben, höhere Einstiegsgehälter mit mehr Grundgehalt bekommen, ist ein guter Anfang, dieses Berufsfeld der hohen Verantwortung und Belastung entsprechender als jetzt zu entlohnen. Dass es aber für länger beschäftigte MitarbeiterInnen keine Möglichkeit gibt in das neue Besoldungsschema umzusteigen, war der Tropfen, der das Fass für viele PflegerInnen zum Überlaufen gebracht hat. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist die Forderung, die nun engagierte MitarbeiterInnen, bisher ohne Rückendeckung ihrer Gewerkschaft, an den KAV stellen. Die Vorsitzende der Hauptgruppe 2, Susanne Jonak, sagte bei einer Protestkundgebung am 21. März: „Streik werden wir den Patienten sicher nicht antun.“ Ich frage mich, wie lange wir unseren Patienten und Patientinnen noch den Sparzwang im Gesundheitswesen, fehlende Zeitressourcen, Personalmangel und unzufriedene, überarbeitete Pflegepersonen antun wollen.

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