Über fehlende Pläne, Profite und Bildungschaos: Drei Berichte aus Schule, Uni und Kleinkinderbetreuung.

 

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Schulen

schule mit ampel

Die Politik der Regierung hält für den Schulbetrieb vorwiegend Chaos und mangelnde Ressourcen bereit. SchülerInnen und Lehrpersonen werden allein gelassen.

Corona offenbart die Ungleichheiten des kapitalistischen Systems auch in der Bildung, und zwar mit verheerenden Auswirkungen. Die letzten Monate hatten laut UNICEF 463 Millionen von den 1,5 Milliarden SchülerInnen, die von Schließungen der Schulen betroffen waren, keinen Zugang zum Online-Unterricht und waren bzw. sind somit vollständig vom Bildungssystem ausgeschlossen.

Auch in Österreich trafen der erste Lockdown und die Schließungen der Schulen arme Familien besonders hart, da es zuhause oft an ruhigen Räumen zum Lernen, ausreichender Unterstützung, mobilen Endgeräten und stabilen Internetverbindungen fehlt. Laut einer Studie der Uni Wien hatten ein Drittel der SchülerInnen nicht genügend Möglichkeiten am Online-Unterricht zu partizipieren. Mehr als 60% der Lehrpersonen sowie 64% der SchülerInnen fühlten sich stark überfordert. Es ist schwer vorstellbar was für eine Belastung und Stress ein zweiter Lockdown für die Kinder und Jugendlichen bedeuten würde.

Weit davon entfernt den Sommer als Vorbereitung für einen geregelten und sicheren Schulstart genützt zu haben, arbeitete die Regierung nicht einmal einheitliche Regelungen im Umgang mit Kontaktpersonen aus. So kam es in einer Tiroler Schule zu einem Fall, wo die Mitschüler eines positiv getesteten Schülers willkürlich nach Hause geschickt oder in der Schule belassen wurden, je nachdem wie die zuständige Bezirkshauptmannschaft des jeweiligen Wohnorts die Lage beurteilte.

Bildungsminister Faßmann kritisiert diese Willkür zwar, doch er meint ebenfalls erst einen Monat nach Schulbeginn (!), dass es immer noch zwei Wochen dauern könnte, bis mit dem Gesundheitsminister einheitliche Regelungen fixiert werden.

Doch selbst wenn es diese Regelungen gäbe, bleibt das größte Problem bestehen. Es mangelt schlichtweg an den nötigen Ressourcen und Hilfen für einen sicheren und stressfreien Schulalltag. Faßmann spricht nur über die Spitze des Eisbergs, wenn er verspricht bis Ende 2024 (!) die Internetverbindung, die in mindestens 25% der Bundesschulen nicht ausreichend ist, auszubauen. Die großen Fragen ignoriert die Regierung schlichtweg.

Bei 25 bis 30 oder noch mehr SchülerInnen in der Klasse ist es nämlich unmöglich, den Sicherheitsabstand einzuhalten, genau wie in den überfüllten Öffis auf dem Weg zur Schule. Auch der Vorschlag des Bildungsministeriums, die Klassenräume regelmäßig zu lüften oder Sport im Freien zu betreiben, stellt sich angesichts des baldigen Winters als schlechter Witz heraus.

Besonders hoch ist der Druck für jene SchülerInnen, die sich in der Maturaklasse befinden und oder VWA sowie Projektarbeiten abschließen müssen.
Was es dringend benötigt, ist eine Aufstockung des Lehrpersonals, sowie eine Ausweitung der Gebäude für Unterrichtstätigkeiten. So könnte die Schülerzahl in der Klasse deutlich gesenkt, das Ansteckungsrisiko minimiert sowie die Qualität des Unterrichts gesteigert werden.

Zudem braucht es eine allgemeine Erhöhung der Testkapazitäten und einen gezielten Einsatz dieser. So wird aktuell, wenn ein Fall bekannt wird, nicht die ganze Klasse getestet, sondern nur Kontaktpersonen mit Symptomen. Dies erhöht die Unsicherheit der MitschülerInnen und das Risiko einer weiteren Verbreitung.
Corona verdeutlicht in Wirklichkeit die Dringlichkeit der Ausfinanzierung des Bildungswesens ganz allgemein und den Zynismus eines Systems, welches stattdessen lieber Milliarden in Großkonzerne und Banken pumpt.

Von Martin Halder


Unis

Universität Wien Hubertl Wikimedia Commons CC BY SA 4.0Bild: © Hubertl / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Es ist der 05.10. an der Uni Graz, der Montag, an dem es so richtig losgehen sollte. So wie viele Universitäten in Österreich hat sich auch die Universität Graz dazu entschieden, solange die Situation es erlaubt, eine Hybridform zwischen Online- und Präsenzlehre anzubieten. So warten vor allem die Erstsemestrigen daheim gespannt vor ihren Laptops auf die ersten Informationen. Sie sollen über Moodle, eine E-Learning Plattform, an den ersten Lehrveranstaltungen teilnehmen und relevante Informationen zum Ablauf des Semesters erhalten. Über mehrere Stunden sind die Server aber derart überlastet, dass jeglicher Zugriffsversuch immer wieder aufs Neue in einer Fehlermeldung endet. Dass die Ursache für die Fehlermeldungen nicht an der Qualität der eigenen Internetverbindung liegt, wissen die meisten Studierenden nicht. Der erste Tag des Semesters, für Viele der Tag, an dem ein neuer Lebensabschnitt beginnt, ist somit anstatt von spannenden Gesprächen und dem Austausch von hilfreichen Tipps geprägt von Wartebildschirmen und Verunsicherung.

Die Corona-Pandemie verunmöglicht einen normalen Einstieg in den Unialltag. Die Regierung hat zwar verfügt, dass das vergangene Sommersemester „für studienförderrechtlich relevante Fristen außer Betracht bleibt“, also wie ein zusätzliches Toleranzsemester gezählt wird, aber damit ist es nicht getan. Denn mindestens noch ein weiteres Semester ist alles andere als „regulär“ zu absolvieren. Zum anderen obliegt die konkrete Ausarbeitung und Umsetzung von „Hygienemaßnahmen“ und einem sicheren Unterricht den Universitäten – die dafür notwendigen finanziellen Ressourcen hängen völlig in der Luft. Bis Ende Oktober laufen die Budgetverhandlungen für 2022-24; die Unis fordern 2 Mrd. mehr, ein Sonderbudget gibt es bisher nicht. Das bedeutet z.B., dass Lehrende bei gleicher Lehrverpflichtung und Bezahlung die Wahl haben, entweder ohne adäquate technische Hilfsmittel Online-Unterricht, Hybridunterricht, oder Präsenzunterricht für mehrere Kleingruppen zu konzipieren, was sowohl logistische Herausforderungen mit sich bringt, als auch verunmöglicht, dieselbe inhaltliche Qualität sicherzustellen.

Die Universität Graz erarbeitete, so wie die meisten anderen Unis, einige Leitsätze zu der allgemeinen Handhabung der Pandemie. Dennoch bleibt vieles ungeklärt. So müssen beispielsweise die Lehrenden selbst entscheiden, wie sie für die Einhaltung der Hygienemaßnahmen sorgen. Ob schließlich die DozentInnen verantwortlich sind, falls es dennoch zu einer Ansteckung kommt, bleibt unklar. Dies führt dazu, dass manche Lehrende von vornherein ausschließlich Online-Lehre anbieten, während andere wiederum sehr nachlässig auf die Hygienemaßnahmen hindeuten. Viele Studierende berichten, von den verschiedenen Handhabungen überfordert zu sein.

Für was sind sie selbst, für was die Lehrenden und für was die Universität verantwortlich? Gerade für Erstsemestrige ist dieses Chaos neben der Verarbeitung der vielen neuen Eindrücke ein weiterer Faktor, der zu Verunsicherung führt. Ein persönlicher Austausch mit Lehrenden und Mitstudierenden, der dieser Verunsicherung entgegenwirken könnte, bleibt aus. Sowohl die verstärkte Online-Lehre als auch die abgesagten „Ersti-Partys“ bedeuten einen weiteren Verlust von Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen. Gerade für Studierende aus nicht-akademischen Haushalten, denen die Selbstverständlichkeit von universitären Kontexten nicht in die Wiege gelegt wurde, stellt dies eine weitere Hürde dar, ihr Studium weiterzuführen. Ungeklärte Fragen können ausschließlich über Umwege beantwortet werden und das Eingehen auf individuelle Bedürfnisse ist durch den Aufwand der Bürokratie weitgehend gelähmt.

Ein durchdachter Plan mit klarer Vergabe von Verantwortlichkeiten, den sowohl Studierende als auch Lehrende mitgestalten können, ist Grundvoraussetzung für eine Hochschule, an der trotz COVID-19 Inhalte adäquat vermittelt werden können, ohne der Pandemie Tür und Tor zu öffnen. Damit ein solcher Plan sinnvoll erstellt und vor allem umgesetzt werden kann, braucht es jedoch mehr als „ein Toleranzsemester“ – nämlich mehr finanzielle Mittel für ausreichend Personal, Hilfestellung für den Umstieg auf Online-Lehre sowie zusätzliche Räumlichkeiten für Unterricht in kleineren Gruppen, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten.

Von Cora


Kleinkinder, Schnupfen und Corona

kinder krank pixabayBild: pixabay

Schon in normalen Zeiten ist es meist ein riesiger Organisationsaufwand, wenn (Klein)Kinder krank sind. Eilig werden sämtliche Verwandte für die Notfallbetreuung durchtelefoniert, Termine abgesagt und versucht, die Arbeit irgendwie doch machen zu können – denn man hat nur eine Woche Pflegefreistellung im Jahr. Dabei ist es egal, wie viele Kinder man hat oder ob man AlleinerzieherIn ist. Die einzige Ausnahme ist, dass es für Kinder unter 12 Jahren zwei Wochen Pflegeurlaub gibt.

Gerade Krippen und Kindergartenkinder sind aber in den kalten Jahreszeiten oft jeden Monat einmal krank. Hat man früher bei einem einfachen Schnupfen das Kind in der Regel trotzdem in die Kinderbetreuung geschickt (viele Kinder sind den ganzen Winter über verschnupft), so ist das mittlerweile oft keine Option mehr. Viele Krippen und Kindergärten schicken mangels einer einheitlichen Regelung nämlich Schnupfenkinder nachhause. In anderen Einrichtungen wiederum dürfen die Kinder nicht husten, bei wieder anderen wird ein Besuch erst dann nicht möglich, wenn sie Fieber haben.

Die fehlenden gesetzlichen Grundlagen machen es sowohl für die PädagogInnen (sie müssen ohne entsprechendes medizinisches Wissen entscheiden, ob das Kind potenziell Corona hat), als auch für die Eltern (extreme Verunsicherung und Planungsunsicherheit) sehr schwer. Und wenn entschieden wird, dass das Kind zuhause bleibt, dann fällt die Notfallbetreuung durch Verwandte auch flach – denn man will diese ja nicht einem möglichen Risiko aussetzen. Die Pflegefreistellungszeiten sind zu Jahresende meist schon aufgebraucht, und wegen des Lockdowns auch oft der Urlaub. Die max. drei Wochen Sonderbetreuungszeiten für Eltern sind nur dafür vorgesehen, wenn Kinderbetreuungseinrichtungen aufgrund von Quarantäne oder neuerlichem Lockdown schließen müssen. Und außerdem gibt es keinen Rechtsanspruch darauf, das heißt, ArbeitgeberInnen können die Zustimmung verweigern. Das betrifft besonders Personen, die in systemrelevanten Berufen tätig sind, aber auch öffentlich Bedienstete und freie DienstnehmerInnen, die von dieser Regelung ausgenommen sind. Zu dem real kranken Kind kommen noch zahlreiche andere belastende Situationen, wie ein Quarantänebescheid für ein Kind oder die permanente Angst vor einem neuen Lockdown.

Auch die KindergartenpädagogInnen und BetreuerInnen leisten in dieser Zeit enorm viel, um den Kindern trotz aller Maßnahmen ein möglichst sicheres und vertrautes Umfeld zu schaffen. Gedankt wird ihnen das bis auf ein bisschen Applaus nicht. In der Steiermark gibt es beispielsweise gerade zu wenig KindergartenpädagogInnen. Anstatt die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Löhne zu erhöhen, um den Job attraktiver zu machen, soll jetzt ein Crashkurs „in 30 Stunden zur/m KindergartenpädagogIn“ installiert werden. Vorerst auf 2 Jahre befristet, aber „mit Option auf Verlängerung“. Zwar gibt es bestimmte Voraussetzungen wie ein Mindestalter von 18 Jahren, oder auch die Beschränkung auf bestimmte Berufsgruppen oder Studierende, eine 5-jährige Ausbildung kann das aber natürlich trotzdem nicht ersetzen. Ein Qualitätsverlust, sowie Lohndumping sind damit vorprogrammiert. Der Trend, Eltern, Kinder und ihre Betreuungspersonen in der Coronakrise im Regen stehen zu lassen, setzt sich also fort.

Von Natalie Ziermann

 (Funke Nr. 187/13.10.2020)


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