…wird ein Feuer entfachen!

Erstmals seit Jahrzehnten gab es heute in Berlin zwei separate LL-Demos, also Gedenkdemonstrationen, die das Erbe von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht reklamieren. Weil sie nicht mehr mit Stalin- und Mao-Anhängern gemeinsam marschieren wollen, veranstalten Jugendverbände und Organisationen aus dem linkssozialdemokratischen und linkssozialistischen Spektrum, darunter auch Teile der Linksjugend ['solid], erstmals ihre eigene separate LL-Demo in West-Berlin. Ein Kommentar der Funke-Redaktion.

 

Die traditionelle LL-Demo endet wie in den Vorjahren am Zentralfriedhof Friedrichsfelde, auch als Sozialistenfriedhof bekannt, wo sich die Gedenkstätte der Sozialisten befindet. Dort ruft der Parteivorstand der LINKEN bereits für 9 Uhr zum stillen Gedenken auf.

Woher rührt die Spaltung einer Gedenkveranstaltung, die ihre Wurzeln in der Zeit vor 1933 hat und auch seit dem Ende der DDR zur Überraschung vieler Bürgerlicher nach wie vor alljährlich Zehntausende anzieht und offenbar nicht totzukriegen ist? „Stalinisten“- rufen die einen empört aus und beklagen Anmache durch Stalin- und Mao-Anhänger in den letzten Jahren. Sie zitieren Rosa: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!“ „Noske-Jugend!“, empören sich die anderen in Anspielung an den mit den Mördern von Rosa und Karl verbündeten rechten SPD-Führer und „Bluthund“ Gustav Noske und zitieren ebenfalls Rosa: „Die Sozialdemokratie ist ein stinkender Leichnam.“

Rosas Lebenswerk

Dabei lässt sich die historische Rosa Luxemburg weder vor einen reformistischen noch vor einen stalinistischen Karren spannen. Jahrzehntelang kämpfte sie auf dem linken SPD-Flügel für die Verteidigung des revolutionären Sozialismus und Marxismus. 1899 erschien ihre erste größere Schrift „Sozialreform oder Revolution?“, eine marxistische Entgegnung auf den Reformismus, den sie in Gestalt von Eduard Bernsteins „Revisionismus“ hervorragend widerlegte. Bernstein vertrat damals die irrtümliche Auffassung, dass eine Umwälzung des Kapitalismus überflüssig sei und Reformarbeit im Kapitalismus völlig ausreiche, um die Lebensverhältnisse stetig zu verbessern. Rosa war auch dem damaligen führenden marxistischen SPD-Theoretiker Karl Kautsky überlegen, der die Frage der sozialistischen Umwälzung und Machteroberung durch die Arbeiterklasse als eine rein mechanische Frage betrachtete, die nach seiner Auffassung aufgrund der kapitalistischen Entwicklungstendenzen früher oder später automatisch eintreten würde. Sie wollte die künstliche Trennung zwischen Reform und Revolution, zwischen Minimal- und Maximalforderungen im Erfurter SPD-Programm überbrücken und forderte eine Verschmelzung des sozialistischen Programms mit den Tageskämpfen für kleine Verbesserungen.

Rosas Ideen waren von Massenaktionen und Massenstreiks vor gut 100 Jahren geprägt. Sie erkannte die Bedeutung der Kreativität und Spontaneität in diesen Massenkämpfen und eckte damit bei SPD- und Gewerkschaftsführern an, die keine Massenstreikdebatte wollten und auf die Kontrolle der Apparate fixiert waren. Mit diesem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber abgehobenen und bürokratisierten Apparaten und der Beschreibung einer Kluft zwischen „Massen“ und „Führern“ wäre sie, hätte sie in den 1920er Jahren noch gelebt, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zu einer Hauptkritikerin des Stalinismus in der kommunistischen Weltbewegung geworden. Sie hätte durchaus auch mit Lenin, Trotzki und anderen Köpfen des russischen Marxismus auf gleicher Augenhöhe und selbstbewusst diskutieren und dazu beitragen können, Irrtümer und „Kinderkrankenheiten“ der jungen kommunistischen Bewegung zu überwinden.

Spontaneität genügt nicht

Zu ihren Fähigkeiten gehörte auch die Erkenntnis, dass die von ihr begeistert beschriebene Spontaneität in den Massenkämpfen der Arbeiterklasse ihre Grenzen hatte und dass eine entschlossene, revolutionäre Führung notwendig ist:

„Die Äußerungen des Massenwillens im politischen Kampfe lassen sich nämlich nicht künstlich auf die Dauer auf einer und derselben Höhe erhalten, (…) Die einmal entfachte Massenaktion muss vorwärtskommen. Und gebricht es der leitenden Partei im gegebenen Moment an Entschlossenheit, der Masse die nötige Parole zu geben, dann bemächtigt sich ihrer unvermeidlich eine gewisse Enttäuschung, der Elan verschwindet, und die Aktion bricht in sich zusammen.“

Auch Rosas manchmal geäußerte Kritik an Lenins Konzept des Aufbaus einer revolutionären Partei bedeutete keine Verabsolutierung der Spontaneitätstheorie. In ihren letzten Lebensabschnitt, ab der Novemberrevolution 1918, widmete sie sich leidenschaftlich dem Aufbau der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der politischen Schulung ihrer Mitglieder.

Die Ermordung von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und anderen talentierten Weggefährten wie Leo Jogiches oder Eugen Leviné durch Konterrevolutionäre Anfang 1919 war ein schwerer Schlag für die noch unreife KPD, die in ihren ersten Jahren nahezu permanent in einer tiefen Führungskrise steckte. Vor allem Rosa war mit ihrer Brillianz, Weitsicht und Kenntis der marxistischen Methode nicht zu ersetzen. Beim KPD-Gründungsparteitag stemmte sie sich übrigens leidenschaftlich gegen eine ultralinke Mehrheit, die vor lauter revolutionärer Ungeduld die Beteiligung der Partei an Parlamentswahlen ablehnte und sofort um die Staatsmacht kämpfen wollte. An ihre Adresse erklärte sie:

„Die Aufgaben sind gewaltig, sie münden in die sozialistische Weltrevolution. Aber was wir bisher in Deutschland sehen, das ist noch die Unreife der Massen. Unsere nächste Aufgabe ist, die Massen zu schulen, diese Aufgaben zu erfüllen. Das wollen wir durch den Parlamentarismus erreichen. (…) Es kommen Millionen in Betracht, Männer, Frauen, junge Leute, Soldaten. Ich frage klar, ob Sie mit gutem Gewissen sagen können, dass diese Massen, wenn wir hier beschließen, die Nationalversammlung zu boykottieren, den Wahlen den Rücken kehren werden oder noch besser, ihre Fäuste gegen die Nationalversammlung richten werden? Das könnt Ihr nicht mit gutem Gewissen behaupten. Wir kennen die Zustände, die in den Massen herrschen, wie sehr sie noch unreif sind.“

In diesem Sinne: Freie und ungehinderte Diskussion der Differenzen in der sozialistischen Bewegung! Keine Spaltung und Abkapselung! Reformismus und Stalinismus waren gleichermaßen Irrwege der Arbeiterbewegung, die viele Opfer gefordert und die Bewegung im 20. Jahrhundert um Jahrzehnte zurückgeworfen haben. Verteidigen wir das revolutionäre Erbe von Rosa und Karl! Studieren wir ihre hochaktuellen Ideen und verhelfen ihnen in der Arbeiterbewegung im 21. Jahrhundert zum Durchbruch!




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