Bei ihrer Tagung in Wiesbaden wurden die EU-Verteidigungsminister am Freitag mit der sozialen Realität im Rhein-Main-Gebiet konfrontiert. Ein auf vier Stunden befristeter Streik der (nicht eben üppig bezahlten) Hotelbediensteten bewirkte am Freitag früh in der Tagungsstätte, dem Wiesbadener Dorint-Hotel, Chaos und Qualitätseinbußen.

Die Streikenden folgten einem Aufruf der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), nachdem - wie berichtet - alle Gewerkschaftsmitglieder in einer Urabstimmung für Kampfmaßnahmen zur Durchsetzung von Einkommenserhöhungen und zur Abwehr von Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen gestimmt hatten.

Ab sechs Uhr früh versammelten sich die Streikenden am Rande des militärischen Absperrgebiets um das Fünf-Sterne-Hotel und protestierten vor dem Sitz des hessischen Hotel- und Gaststättenverbandes (HOGA) gegen das Bestreben der Hoteliers, durch Einschnitte im Manteltarifvertrag (MTV) die Effektiveinkommen der Beschäftigten um bis zu 30 Prozent abzusenken. Für fast alle der versammelten Rezeptions-, Service-, Bankett- und Verwaltungskräfte, Haustechniker, Zimmermädchen, Köche, Kellner und Auszubildenden war dies der erste Streik in ihrem Leben. Sie hatten in den letzten Tagen an ihren zum Hochsicherheitstrakt umfunktionierten Arbeitsplätzen unter starkem Druck und permanenter Beobachtung gestanden und waren daher umso gelöster, als sie die Sicherheitskontrollen passierten und sich gemeinsam als Streikposten auf der Straße versammelten.

"Wir bieten Höchstleistung und bekommen dafür viel zu wenig Geld", erklärte Sieglinde Wild von der hoteleigenen Bierstube. "Wenn die Hoteliers ihren Horrorkatalog durchsetzen, können wir Azubis uns später keinen eigenen Hausstand leisten", so Yuk-Luen Man, der eine Ausbildung als Hotelfachmann absolviert. Viele Streikende bestätigten, dass ihnen auch einige der Polizisten und Bundeswehrangehörigen, die im hermetisch von der Außenwelt abgeriegelten Luxushotel eingesetzt sind, heimlich Sympathie bekundet hätten. "Manche sind Wehrpflichtige und Zeitsoldaten und wissen von Verwandten, was Ausbeutung bedeutet. Darum haben sie uns viel Erfolg gewünscht", erklärte ein Kellner.

Hoteldirektor Peter Bertsch hatte den Streik schon für Donnerstag erwartet und dazu für diesen Tag jede Menge externer Aushilfskräfte zum Streikbruch angeheuert, die dann nach Aussagen der Streikenden am Donnerstag mehr oder weniger nutzlos herumstanden. Nach Streikbeginn am Freitag wollte Bertsch um so mehr Härte demonstrieren und erklärte alle Streikenden kurzerhand für ausgesperrt. "Wer aussperrt, gehört eingesperrt", rief der regionale NGG-Geschäftsführer Peter Artzen daher den Streikenden zu und erinnerte daran, dass die Aussperrung laut hessischer Landesverfassung verboten ist.

Die Streikenden zogen zusammen mit Gewerkschaftern aus verschiedenen Branchen, über 50 Teilnehmern eines bundesweiten NGG-Seminars für Jugend- und Auszubildendenvertreter, mit regionaler Gewerkschaftsprominenz wie auch Vertretern einer Gegenveranstaltung der Friedensbewegung durch die Wiesbadener Innenstadt. Solidarisch erklärten sich auch Linkspartei, ['solid] und Linke Liste Wiesbaden, die alle direkt vertreten waren. In einem Grußwort vor den rund 250 Teilnehmern wies der Europaabgeordnete Tobias Pflüger auf den Zusammenhang zwischen der Aufrüstung der EU nach außen und Sozialabbau nach innen hin und bestätigte, dass sich die Nachricht vom Streik auch in Brüsseler EU-Kreisen herumgesprochen habe. Erschienen waren auch der hessische DGB-Landesvorsitzende Stefan Körzell und Horst Schmitthenner vom IG-Metall-Vorstand.

Kurz vor Streikende lenkte die Hoteldirektion dann ein, hob die verhängte Aussperrung wieder auf und sagte die volle Lohnfortzahlung für die Streikstunden zu. Die Streikenden nahmen diese Zusage erfreut zur Kenntnis und sahen sich bestätigt. "So viel Zusammenhalt und Offenheit unter der Belegschaft habe ich noch nie erlebt", bilanzierte die Hotelangestellte Elfriede Bachmann die Aktion.

"Wir haben gezeigt, dass wir auch die Kriegsminister bestreiken können", brachte es NGG-Sekretär Jürgen Hinzer auf den Punkt. Dass der Streik Selbstvertrauen und Zusammenhalt der Belegschaft gestärkt hat, steht außer Frage. Sollten die hessischen Hoteliers allerdings weiterhin auf Lohnsenkungen und Arbeitszeitverlängerung beharren, so müssen sie auch in anderen Häusern mit ähnlichen Aktionen rechnen. "Dann werden nicht Kriegsminister, sondern Messegäste in Frankfurt den Streik spüren", so Peter Artzen: „Eine Arbeitszeitverlängerung wird es mit der NGG nicht geben.“

Siehe auch: Müssen die Kriegsminister ihre Betten selber machen?, Der Funke Deutschland, 28. Februar 2007.




Unsere Arbeit kostet Geld. Dabei sind wir exklusiv auf die Unterstützung unserer LeserInnen und UnterstützerInnen angewiesen. Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, zögere nicht und lass uns deine Solidarität spüren. Ob groß oder klein, jeder Betrag hilft und wird wertgeschätzt.

Der Funke
IBAN: AT48 1513 3009 5102 5576
BIC: OBKLAT2L