Die Kollektivvertragsverhandlungen für die Chemische Industrie brachten immer noch kein Ergebnis. Über die ersten Protestaktionen der Gewerkschaft berichtet Max, ein Arbeiter in einem großen Pharmakonzern.

 

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Im Linzer Chemiepark, einem Industriestandort, der rund 30 Unternehmen aus der Pharma-, Chemie-, Kunststoff- und Faserindustrie umfasst, wurde am 26. Mai vor den Werkstoren eine erste Protestaktion in Form einer Betriebsversammlung abgehalten. Mehrere Stunden wurde die Einfahrt blockiert, was einen LKW-Stau verursachte. In vielen anderen Betrieben gab es vor den Werkstoren ähnliche Aktionen. Dies ist der Beginn des Widerstands gegen die Industriellenvereinigung und die Wirtschaftskammer, die in den bisherigen Verhandlungsrunden durch besondere Dreistigkeit aufgefallen sind.

Die Chemische Industrie hat bis zum Shutdown volle Auftragsbücher verzeichnet und auch seither bei voller Auslastung weiterproduziert. Trotzdem weigert sich die Arbeitgeberseite bislang einen Abschluss über der Inflationsrate zu verhandeln. Obwohl bei KV-Verhandlungen traditionell immer auf Basis des vorherigen Geschäftsjahres verhandelt wird, begründet die Arbeitgeberseite ihr niedriges Angebot von 1,45% mit den wirtschaftlichen Konsequenzen, die die Coronakrise mit sich bringt. Diese Argumentationslinie ist jedoch angesichts des ungebremsten Produktionsverhaltens während des Shutdowns nicht nachvollziehbar. In der Chemischen Industrie wurden nur rund 15% der Beschäftigten in Kurzarbeit geschickt, wovon die Produktion aber nicht betroffen war.

Die Gewerkschaft hat in ihren Stellungnahmen klargemacht, dass sie einem Reallohnverlust nicht zustimmen wird. Besonders unter dem Aspekt, dass wir Beschäftigten es waren, die unter anderem mit erhöhtem Ansteckungsrisiko und auch unter erschwerten Arbeitsbedingungen weiter Profite erwirtschaftet haben, will die Gewerkschaft in dieser KV-Verhandlungsrunde jetzt eine härtere Gangart zulegen. Leider scheint es im Verhandlungsteam der Arbeitnehmerseite auch Bremser zu geben. Man erzählt sich hinter vorgehaltener Hand, dass die Betriebsräte der Farben-Industrie, die auf die Autoproduktion angewiesen sind, weniger kampfeslustig seien. Im Falle „zu hoher Löhne“ sehen sie scheinbar die Gefahr, nicht mehr konkurrenzfähig zu sein und dass dann Standorte schließen bzw. Arbeitsplätze verloren gehen würden.

Belegschaft einbinden

Wir dürfen es nicht akzeptieren, dass bei uns Beschäftigten der Gürtel enger geschnallt wird, obwohl Jahr für Jahr die Gewinnmargen immer größer werden. Dieser Widerstand muss jetzt organisiert werden! Als nächsten Schritt lädt die Gewerkschaft zu zwei großen Streikschulungen in Wien und Linz ein, bei der weitere Protestmaßnahmen beschlossen werden sollen. Betriebsräte informieren die MitarbeiterInnen und werben um Gewerkschaftsmitglieder.

Wichtig wäre, dass nun Möglichkeiten geschaffen werden, dass die Streikschulungen nun auch auf betrieblicher Ebene stattfinden, die für alle interessierten KollegInnen offen sind. Bei der sehr gut besuchten Betriebsversammlung in unserem Betrieb hat sich schon gezeigt, dass in der Belegschaft sehr große Bereitschaft besteht, sich einzubringen.

Protestaktion gab es an unserem Standort noch keine, nur eine Betriebsversammlung. In einem Offenem Brief an die Geschäftsleitung droht aber auch unser Betriebsrat mit punktuellen Kampfmaßnahmen. Er begründet dies damit, dass die Verhandlungen extrem zäh verlaufen und die derzeitigen Verhandlungsangebote, weder der Belegschaft würdig noch den Gewinnen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entsprechen. Das Geld für ordentliche Lohnerhöhungen ist da und für das Geschäftsjahr 2020 auch schon budgetiert.

Man ist nun bemüht die Belegschaft gewerkschaftlich zu organisieren. Die Masse macht das Kampfgewicht aus.

Uns muss aber klar sein, dass der Arbeitskampf um bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne wichtig aber nicht ausreichend ist, sondern uns auf ein größeres Ziel vorbereitet: die Selbstorganisation der Arbeiterklasse. Die Krise wird auch vor unserer Branche nicht halt machen, und egal wie diese KV-Runde ausgeht, werden die Konzerne versuchen, uns die Krisenkosten aufzuladen. Wir müssen jetzt Bewusstsein schaffen, aufklären, uns bilden und unsere Organisation stärken. Der erste Schritt ist, dass wir uns im jetzigen Arbeitskampf auf keine Verschlechterungen einlassen.

(Funke Nr. 184/3.6.2020)


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