…wird ein Feuer entfachen!

16 sozialkritische Gedichte von Erich Fried

Wortklage (Erich Fried)

Wie noch das Wort erheben
gegen Entfremdung?
Wie noch
gegen Verdinglichung?
Die Worte die immerzu fallen
sind gefallen
zu überheblich
ist die überhebliche Sprache

Das zur Warnung vor dem Versinken
erhobene Wort
ist selbst schon versunken
Das Wort der Entfremdung ist selbst entfremdet
das Wort der Verdinglichung
selbst schon verdinglicht.

 

Herrschaftsfreiheit (Erich Fried)

Zu sagen "Hier herrscht Freiheit"
ist immer eine Lüge
oder auch ein Irrtum:

Freiheit herrscht nicht!

 

Zweifel an der Sprache (Erich Fried, Auszug)

Wenn der Zweifel zur Sprache kommt
kommt auch die Sprache zum Zweifel
und die vom Zweifel berauscht waren
lernen die nüchterne Sprache
und die von der Sprache berauscht waren
lernen den nüchternen Zweifel
und die Sprecher werden endlich zu Zweiflern
und die Zweifler werden endlich zu Sprechern
Und zweifellos verdienen die Zweifler aller Art
soviel Glauben
wie die Gläubigen aller Art
Zweifel verdienen.

 

Mir träumte jüngst... (Erich Fried)

Mir träumt jüngst von frohem Leben,
Friedlichem Schaffen, freudigem Weben,
Dass es nicht Krieg noch Tücken gibt,
Dass jeder jeden anderen liebt
Und keiner hungern, darben muss.
Jäh schrak ich auf, da fiel ein Schuss

(Erich Fried reagierte hiermit auf den "Blutigen Freitag" in Wien, an dem die Polizei ein Massaker an demonstrierenden Arbeitern verrichtete. Für den sechs (!) Jährigen dürfte das eine Schockerfahrung gewesen sein, die er in der Schlusszeile auszudrücken versucht: Jäh schrak ich auf, da fiel ein Schuss.)

 

Gedicht für die von Fried gegründete Widerstandsgruppe (Erich Fried)

Auf! Menschheit zieht zur Höhe!
Über Hass und Unterdrückung
Siegt ihr göttlich freier Schritt.

Alle gilt es zu beglücken,
Die noch Not und Tod bedrücken:
Komm und zieh mit uns mit!

 

Abschied von Wien (Erich Fried)

Ich sehe vor mir noch immer
Die nackten, leeren Zimmer.
Hier war ich sonst zu Haus.
Jetzt war es aus.

Ich sehe verkratzte Stellen
Am Boden bei den Schwellen,
Wo man die Möbel schob,
Eh' man sie erhob.

Als man sie fortgetragen
In diesen letzten Tagen.
Wo sonst der Spiegel stand
War an der Wand

Ein heller Fleck zu sehen.
Das Bild wird nie vergehen,
Hart, wie es vor mir lag
Am letzten Tag.

 

Dichter im Exil (Erich Fried)

Frierend in dieser Zeit gekauert
und zu Heeren zusammengetrieben,
lerntet ihr hassen, ohne zu lieben,-
so ist das Wort mir an euch vermauert.

Aber mein Wort bleibt ohne Gewicht,
wenn es nicht eifert, euch zu erreichen.
Ihr wohnt fremd hinter Mauern von Leichen;
ich gerate euch aus dem Gesicht.

 

Höre, Israel! (Erich Fried)

Als ihr verfolgt wurdet
war ich einer von euch.
Wie kann ich das bleiben,
wenn ihr Verfolger werdet?

 

Leben oder Leben? (Erich Fried)

Irgendwo
lebt es noch
bis es stirbt
und atmet tief aus und ein
und liebt und spielt und sieht Farben
und arbeitet und ruht aus
und ist traurig und lustig und altert
Irgendwo
lebt es noch
bis es stirbt
Aber hier
in mir
ist soviel
Hass gegen das Sterben
gegen das Sterben
meiner Großmutter und meines Vaters
unter den Händen der Mörder
von gestern
die noch nicht tot sind
und gegen mein Sterben
und gegen
das Sterben meiner Kinder
unter den Händen der Mörder
von morgen
die heute schon leben
dass ich nur gegen dieses Sterben
kämpfe
und nur dieses Sterben
fühle und denke
und dass ich gar nicht mehr lebe
wie irgendwie noch das
was lebt
bis es stirbt.

 

Dann wieder (Erich Fried)

Was keiner geglaubt haben wird
was keiner gewusst haben konnte
was keiner geahnt haben durfte
das wird dann wieder
das gewesen sein
was keiner gewollt haben wollte.

 

Du liebe Zeit (Erich Fried)

Da habe ich einen gehört
wie er seufzte: "Du liebe Zeit!"
Was heißt da "Du liebe Zeit"?
"Du unliebe Zeit", muss es heißen
"Du ungeliebte Zeit!"
von dieser Unzeit, in der wir
leben müssen. Und doch
Sie ist unsere einzige Zeit
Unsere Lebenszeit
Und wenn wir das Leben lieben
können wir nicht ganz lieblos
gegen diese unsere Zeit sein
Wir müssen sie ja nicht genau so
lassen, wie sie uns traf.

 

Humorlos (Erich Fried)

Die Jungen
werfen
zum Spaß
mit Steinen
nach Fröschen
Die Frösche
sterben
im Ernst.

 

Status quo zur Zeit des Wettrüstens (Erich Fried)

Wer will
dass die Welt
so bleibt
wie sie ist
der will nicht
dass sie bleibt.

 

Den Herrschenden (Erich Fried)

Hat es euch Herz und Augen ausgebrannt?
Sind nicht mehr zehn Gerechte in dem Land?
Ihr seid nicht tierisch, denn so schlägt kein Tier.
Keins eurer Opfer ist so tot wie ihr.

 

Dialog in hundert Jahren (Erich Fried)

Der eine sagt:
"Wie schön
das gewesen sein muss
als wir noch an Pest
und an Syphilis
an Scharlach
an Lungenschwindsucht und
an Krebs
an Herzverfettung
und Schlagfluss
verreckten wie Tiere!"
Der andere fragt ihn:
"Sag was waren das, Tiere?"

 

Der Überlebende nach Auschwitz (Erich Fried)

Wünscht mir Glück
zu diesem Glück
dass ich lebe
Was ist Leben
nach soviel Tod?
die Schuld der Unschuld?
die Gegenschuld
die wiegt
so schwer
wie die Schuld der Töter
wie ihre Blutschuld
die entschuldigte
die abgewälzte
Wie oft
muss ich sterben
dafür
dass ich dort
nicht gestorben bin?




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