…wird ein Feuer entfachen!

Am 7. November (dem 25. Oktober nach dem damaligen russischen Kalender) jährt sich zum 100. Mal die Oktoberrevolution in Russland, die bisher einzige erfolgreiche sozialistische Revolution. Ein Abriss von Florian Keller.

Viel Papier und Tinte ist im letzten Jahrhundert dafür verwendet worden, die Russische Revolution und ihre gewaltigen Errungenschaften in den Augen der Generationen, die sie nicht direkt miterlebt haben, zu diskreditieren. Wahrscheinlich aber noch mehr ist darauf verwendet worden, die Bolschewiki, die führende Partei der Revolution, und ihre wichtigsten Köpfe, Lenin und Trotzki, als blutrünstige Tyrannen darzustellen, als machiavellistische Demagogen, für die die einfachen Arbeiter, Bauern und Soldaten nur Figuren waren, die sie auf dem großen Schachbrett der Politik nach Belieben hin-und herschoben, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Und zu diesem Haufen an Schrifterzeugnissen wird zweifellos in den nächsten Wochen noch einiges hinzukommen, um eine Idee so tief wie möglich in den Köpfen zu verankern: Wir leben im besten aller Systeme, und wer versucht es zu revolutionieren, wird unausweichlich scheitern. Doch was geschah tatsächlich Anfang November des Jahres 1917 in Russland? In der Folge werden wir versuchen, Licht auf dieses Ereignis zu werfen, um das herum sonst nur Nebelgranaten gezündet werden.

Die Grundlagen für die Oktoberrevolution

Die direkte Grundlage für die Oktoberrevolution bieten die Ereignisse des gesamten Jahres 1917, dem Jahr der Russischen Revolution. Auf der einen Seite herrschte nach der Februarrevolution, die die jahrhundertealte Herrschaft des Zaren gestürzt hatte, eine „Große Koalition“ aus liberalen und reaktionären Kapitalisten und Großgrundbesitzern, den verbündeten imperialistischen Westmächten im Ersten Weltkrieg, den Generälen und „gemäßigten“ Sozialisten. Auf der anderen Seite waren die ArbeiterInnen in den Fabriken, die Abermillionen Soldaten in den Schützengräben und die armen Bauern und ihre Familien, die den mit Abstand größten Teil der Bevölkerung ausmachten, weiterhin hungrig und froren im heraufziehenden Herbst. Ihre Forderungen waren einfach, aber für die Herrschenden undurchführbar: Brot für die Arbeiterklasse, Land für die Bauern, Frieden für die Soldaten. Das schaffte eine Situation der enormen gesellschaftlichen Zuspitzung. Der US-amerikanische Journalist John Reed, der sich während der Revolution 1917 im Land befand und mit dem Buch „10 Tage, die die Welt erschütterten“ einen unschätzbaren Augenzeugenbericht von den Ereignissen lieferte, schilderte die Situation im Land im Herbst mit einer bezeichnenden Anekdote:


„Gegen Ende September 1917 besuchte mich ein ausländischer Professor der Soziologie in Petrograd. Ihm war von Männern der Wirtschaft und von Intellektuellen erzählt worden, daß die Revolution im Abebben sei. Der Herr Professor schrieb darüber einen Artikel und durchreiste dann das Land; er besuchte Fabrikstädte und Dorfgemeinden, wo zu seinem großen Erstaunen die Revolution ihren Schritt eher zu beschleunigen schien. Unter den Lohnarbeitern und der werktätigen Landbevölkerung ertönte immer öfter der Ruf: 'Alles Land den Bauern!', 'Alle Fabriken den Arbeitern!' Wenn der Herr Professor die Front besucht hätte, so hätte er hören können, wie in der ganzen Armee von nichts als dem Frieden die Rede war… Der Herr Professor war verwirrt; ohne Grund; beide Beobachtungen waren richtig. Die besitzenden Klassen wurden konservativer, die Volksmassen radikaler.“ (1)

Die Bolschewiki und die Massen

Auf politischer Ebene spiegelte sich diese Entwicklung durch einen unaufhaltsamen Aufstieg der Bolschewiki wider, die die Forderungen nach Brot, Land und Frieden als einzige Partei ernsthaft aufnahmen und erklärten, wo der einzige Weg lag, diese zu verwirklichen: Indem die ArbeiterInnen, die Soldaten und Bauernmassen ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen, mit dem Mittel der Machtübernahme durch die Sowjets, den in Fabriken, Armeeeinheiten und Dörfern gewählten Räten. Die „gemäßigten Sozialisten“ der Menschewiki und sogenannten Sozialrevolutionäre dagegen verloren immer mehr an Unterstützung. Sie hatten nicht nur monatelang jede Lösung der realen Probleme der Massen hinausgezögert, um ihre bürgerlichen Bündnispartner nicht zu verärgern. Bis zuletzt hatten sie den reaktionären General Kornilow (der einen Putschversuch gegen die Revolution startete und schwor, sie im Blut zu ertränken), als „Verteidiger der Revolution“ dargestellt und stimmten in die Hetzkampagne der Bürgerlichen gegen die Bolschewiki (die in der Verteidigung gegen den Putsch die zentrale Rolle spielten) munter mit ein.

Doch im Kontrast zu dieser Hetzkampagne standen die immer schlechter werdenden Bedingungen für die Massen, denen sich nur die Bolschewiki entschlossen entgegenstellten. Sogar die Hetzkampagne gegen die Bolschewiki hatte letztendlich nicht nur keine Wirkung, sondern wirkte sogar kontraproduktiv:


„In Berichten lokaler Behörden, der militärischen wie der zivilen, wird unterdessen der Bolschewismus Synonym überhaupt jeglicher Massenaktion, entschiedener Forderung, Abwehr gegen Ausbeutung, Vorwärtsschreitens, kurz, ein zweiter Name für Revolution. Also das ist Bolschewismus? sagen sich Streikende, protestierende Matrosen, unzufriedene Soldatenfrauen, meuternde Bauern. Die Massen wurden von oben förmlich gezwungen, ihre verborgensten Gedanken und Forderungen mit den Losungen des Bolschewismus zu identifizieren. So machte sich die Revolution die Waffe dienstbar, die gegen sie gerichtet war.“ (2)

Dieser Umschwung zugunsten der Bolschewiki zeigte sich schroff bei allen Wahlen, die in dieser Periode stattfanden. Im September erhielten die Bolschewiki bei Wahlen zur Stadtvertretung von Moskau mit 198.000 Stimmen oder 52% die absolute Mehrheit. Noch klarer zeichnete sich dieses Bild bei den direkten Vertretungen der unterdrücktesten Teile der Bevölkerung ab. Immer mehr Sowjets in den Städten und Bezirken gerieten unter bolschewistische Führung, nachdem in den Fabriken und militärischen Einheiten bolschewistische Delegierte gewählt wurden. Auch die Armeekomitees an der Front, in denen Soldaten demokratisch ihre Vertreter wählten, wurden eines nach dem anderen bolschewistisch. Besonders schnell und umfassend ging diese Entwicklung bei der Flotte vor sich, die schon im Jahr 1905 eine wichtige Rolle in der ersten russischen Revolution gespielt hatte:

„Die baltischen Matrosen zogen am 8. September auf allen Schiffen Gefechtsflaggen hoch, als Ausdruck ihrer Bereitschaft, für den Übergang der Macht in die Hände des Proletariats und der Bauernschaft zu kämpfen. Die Flotte forderte den sofortigen Waffenstillstand an allen Fronten, Übergabe des Bodens an die Bauernkomitees und Errichtung einer Arbeiterkontrolle über die Produktion. Drei Tage später erhob das Zentralkomitee der rückständigeren und gemäßigteren Schwarzmeerflotte, die Balten unterstützend, die Losung der Übergabe der Macht an die Sowjets. Für die gleiche Losung erheben Mitte September ihre Stimmen dreiundzwanzig sibirische und lettische Infanterieregimenter der 12. Armee. Ihnen folgen immer neue Truppenteile. Die Forderung, die Macht den Sowjets, verschwindet in Armee und Flotte nicht mehr von der Tagesordnung.“ (3)

Für einen neuen Sowjetkongress!

Dieses Bild wiederholt sich im ganzen Land immer wieder: Lokale Sowjets, Armeekomitees, Konferenzen der Fabrikkomitees (Betriebsrätekonferenzen) usw. sprechen sich ab Anfang September in Massen für ein bolschewistisches Programm und die Machtübernahme der Sowjets aus. Doch wie die Ereignisse im Juli schon gezeigt hatten (siehe Funke Nr. 155) hatten die immer noch in Amt und Würden festklebenden „gemäßigten“ Führer der Sowjets andere Ideen. Krassester Ausdruck davon war das „Allrussische Zentrale Exekutivkomitee“, das im Juni als ständige Vertretung des Allrussischen Sowjetkongresses gewählt wurde, bei dem Delegierte von Sowjets aus allen Ecken des Landes zusammen kamen: Es war von den „gemäßigten“ Sozialisten unter dem Vorsitz des Menschewisten Tschcheidse dominiert und wehrte sich auf Schritt und Tritt dagegen, die Macht zu übernehmen, oder überhaupt nur eine größere Rolle einzunehmen und damit in Widerspruch zu Kapitalinteressen zu treten, sondern stützte stattdessen mit aller Macht die völlig verhasste Regierung von Kerenski.

Deswegen wurde die Abhaltung eines neuen Allrussischen Sowjetkongresses zum Fokuspunkt der Auseinandersetzungen: Ein neuer Sowjetkongress, so war es allen klar, würde einen weiten Schritt nach links bedeuten, die Bolschewiki und diejenigen, die die Losung der Machtübernahme durch die Sowjets unterstützten, hätten eine sichere Mehrheit. Hier sahen die Massen den Weg, endlich ihre Forderungen durchzusetzen. Von unten gab es daher gewaltigen Druck auf das alte Exekutivkomitee. Eine Flut von Resolutionen, Aufforderungen und Entschlüssen aus verschiedenen Sowjets und Konferenzen prasselte auf die „Versöhnlersozialisten“ nieder, endlich den neuen Sowjetkongress einzuberufen – der eigentlich alle drei Monate abgehalten werden sollte.

Zuerst war die alte Sowjetführung entschlossen, keinen neuen Kongress einzuberufen. Um dem Druck von unten etwas entgegensetzen zu können, entschloss sie sich einen Deckmantel zuzulegen, der vielleicht nach Demokratie roch, aber nichts damit zu tun hatte. Sie berief eine „Demokratische Versammlung“ und später ein „Vorparlament“ ein aus Delegierten der verschiedensten, mit einem einzigen Ziel streng mathematisch handverlesenen Organisationen und Vertretungen: Um den reformistischen „Gemäßigten“ noch einmal eine Mehrheit zu geben und den Massen vorzugaukeln, dass ihre Interessen vertreten seien – um so verhindern zu können, eine neue Sowjetkonferenz abzuhalten. Doch diese Bemühungen liefen grandios ins Leere. Schließlich war das alte Exekutivkomitee gezwungen, den Kongress für den 2. November einzuberufen. Doch auch wenn die Reformisten weiter lavierten, auf lokaler Ebene gegen den Kongress auftraten und noch eine Verschiebung in der unbestimmten Hoffnung durchsetzten, dass sich zu ihren Gunsten noch etwas ändern würde, war damit ein Fokuspunkt geschaffen: Die Losung „Alle Macht den Sowjets“ war so tief in das Massenbewusstsein eingedrungen, dass sich anhand des nahenden Sowjetkongresses alle Kräfte bündelten.

Das Problem der Machtübernahme

Doch das Problem der Machtübernahme würde sich nicht von selbst lösen. Direkt nach der Februarrevolution existierte keine andere Macht als die der bewaffneten ArbeiterInnen und der Soldaten, die auf die Seite der Revolution übergegangen waren. Doch die Führung der sich daraus bildenden Macht in Form der Sowjets stützte über Monate hinweg die bürgerliche provisorische Regierung, die sich verzweifelt daran machte, sich wieder eine eigene Machtbasis zu schaffen – die letztendlich nur aus bewaffneten Einheiten bestehen konnte. Diese schwache, aber doch vorhandene bürgerliche Macht musste gebrochen werden, wenn die Sowjets jetzt die Macht übernehmen wollten. Trotzki schreibt über die Situation (insbesondere nach den Julidemonstrationen):

„Wäre es dem Exekutivkomitee jetzt ein-gefallen, einen Beschluß zu fassen über den Übergang der Macht in seine Hände, das Resultat wäre ein ganz anderes gewesen als drei Tage zuvor: in das Taurische Palais wäre wahrscheinlich ein Kosakenregiment zusammen mit den Junkerschulen eingerückt und hätte einfach versucht, die 'Usurpatoren' zu verhaften.“ (4)

Letzten Endes lässt sich die Staatsmacht als die Organisation bewaffneter Kräfte zur Verteidigung der Privilegien der Herrschenden beschreiben. Die russische Revolution liefert ein eindrucksvolles Beispiel davon, wie zahnlos diese Kräfte letztendlich unter dem Ansturm der Massen sind: Einer der stärksten Militär- und Unterdrückungsapparate der Geschichte zerfiel fast gänzlich zu Staub. Doch der engste Kern der Macht war intakt, auch wenn er schon an allen Ecken und Enden bröckelte und zerbrach. Die Ministerien arbeiteten, der Beamtenapparat und die Offiziere folgten, von den obersten Spitzen angefangen, den Befehlen der provisorischen Regierung und versuchten zumindest, diese auch in die Realität umzusetzen. Einzelne der rückständigsten Armeeeinheiten würden immer noch gegen jeden Versuch der Umwälzung der Verhältnisse eingesetzt werden. Die Tür der alten Ordnung war morsch und verfallen, aber sie musste trotzdem eingetreten werden.

Die Sowjets brauchten dafür ihr eigenes Machtorgan: Den Aufstand durchführen, die alte Regierung davonjagen und die Macht in die Hände des zusammentretenden Sowjetkongresses legen, würde das „militärische Revolutionskomitee“. Dieses Organ des Petrograder Sowjet war in Wirklichkeit schon der erste Schritt der Machtübernahme. Nachdem die Regierung versuchte, mehrere besonders revolutionär gesinnte Militäreinheiten aus der Hauptstadt Petrograd heraus zu verlegen, übernahm dieses de facto den Befehl über die Petrograder Garnison und verknüpfte diese fest mit den bewaffneten Arbeitermilizen, den sogenannten Roten Garden.

Der Aufstand

Am 4. November fanden in ganz Petrograd auf Veranlassung des Petrograder Sowjets Versammlungen statt, die zum Thema den kommenden Kongress und die Machtübernahme durch die Sowjets hatten. Sie wurden zu einer gewaltigen Demonstration der Stärke der Revolution – hunderttausende nehmen teil, ArbeiterInnen, Soldaten und deren Frauen, KleinbürgerInnen aller Couleur. Die Konterrevolution, nicht einmal mehr mutig genug, offen aufzutreten, sagt eine zeitgleich anonym angekündigte Kirchenprozession ab. So gerät der 4. November zu einer gewaltigen Demonstration des Kräfteverhältnisses in der Hauptstadt, das für das ganze Land gewisse Gültigkeit hat: Niemand ist bereit, für die Konterrevolution auf die Straße zu gehen, während hunderttausende auch aktiv hinter dem kommenden Sowjetkongress stehen.

In der Nacht vom 5. auf den 6. November geht die Regierung mit dem Mute der Verzweiflung in die Offensive: Das militärische Revolutionskomitee soll verhaftet, die Zeitungen der Bolschewiki verboten und „zuverlässige Truppenteile“ von der Front nach Petrograd verlegt werden. Selbst hier bleibt die Regierung jedoch auf halbem Wege stehen – seiner eigenen Macht zurecht nicht sicher, knüpft sie die Umsetzung der Verhaftung an die Zustimmung des oben genannten „Vorparlamentes“. Doch am 6. schritt die Regierung insgesamt zur Tat:

„Den Junkerschulen der Hauptstadt wurde befohlen, sich kampfbereit zu halten. Dem in der Newa postierten Kreuzer Aurora mit dem bolschewistisch gestimmten Kommando – ins Meer zu gehen und sich der übrigen Flotte anzuschließen. Aus der Umgebung sind Truppenteile herbeibefohlen: ein Stoßtruppbataillon aus Zarskoje Selo, Junker aus Oranienbaum, Artillerie aus Pawlowsk. Der Stab der Nordfront ist beauftragt, sofort zuverlässige Truppen in die Hauptstadt zu entsenden. Als Maßnahme unmittelbarer Kriegsvorsicht wird befohlen: die Wachen des Winterpalais zu verstärken; die Brücken über die Newa hochzuziehen; den Junkern – die Automobile zu kontrollieren; aus dem Telephonnetz die Apparate des Smolny auszuschalten. Justizminister Maljantowitsch ordnete an, jene gegen Kaution entlassenen Bolschewiki unverzüglich zu verhaften“. (5)

Um 5:30 dringen konterrevolutionäre Einheiten in die Druckerei der Bolschewiki ein und verwüsten die Einrichtung. Die Nachrichten von diesen Angriffen und Befehlen verbreiten sich wie ein Lauffeuer in der Hauptstadt und wirken noch einmal wie ein Katalysator auf dem Aufstand der Massen. Die bolschewistischen Zeitung kommen schließlich mit Verspätung von einigen Stunden doch heraus, nachdem revolutionäre Soldaten zum Schutz der Arbeiterpresse ausgerückt sind. Die eigentliche Machtübernahme jedoch findet in der Nacht vom 6. auf den 7. November statt. Sie trägt nicht den Charakter einer großen, theatralischen Schlacht, sondern geht in Wirklichkeit leicht und fast unbemerkt vor sich. Telegraphenämter, Ministerien und Bahnhöfe werden von Einheiten der Roten Garden und revolutionären Soldaten besetzt, besonders die Matrosen der Kronstädter Flotte tun sich hier hervor. Einen guten Eindruck dafür, wie der Aufstand im Allgemeinen abläuft, bekommt man aus den Schilderungen von Trotzki:

„Die erste Kompanie des Pionierbataillons, die festeste und revolutionärste, wurde mit der Einnahme des benachbarten Nikolajewski- Bahnhofs betraut. Schon nach einer Viertelstunde war der Bahnhof ohne einen Schuß mit starken Wachen besetzt: die regierungstreuen Posten hatten sich einfach in die Dunkelheit verflüchtigt. Voll verdächtigen Lärms und geheimnisvoller Bewegung ist die kalte durchdringende Nacht. Die scharfe Unruhe in ihrem Herzen unterdrückend, halten Soldaten gewissenhaft Vorbeigehende und Vorbeifahrende an, um sorgfältig deren Papiere zu prüfen. Nicht immer wissen sie, wie zu verfahren, schwanken, – lassen meistens vorbei. Doch mit jeder Stunde steigt die Sicherheit. Gegen 6 Uhr morgens halten die Pioniere zwei Kraftwagen mit Junkern an, etwa sechzig Mann, entwaffnen sie und bringen sie in das Smolny.“ (6)

Es kommt kaum zu direkten bewaffneten Auseinandersetzungen, so bewusst sind sich die Revolutionäre ihrer Überlegenheit, und so bewusst sind sich die alten Mächte ihrer Unterlegenheit. Meist werden konterrevolutionäre Einheiten ohne Opfer oder gar Schießereien entwaffnet. Lediglich am Winterpalais kommt es zu schwereren Auseinandersetzungen: Hier hat sich die provisorische Regierung verschanzt, nur hier verfügte sie, abgeschottet
von der Außenwelt, am Ende des 7. November noch über die Befehlsgewalt. John Reed schildert die Einnahme des Winterpalais eindrucksvoll:

„Kommandorufe wurden laut, und in der Dämmerung sahen wir, wie die Masse sich vorwärts schob. Man hörte nichts als Schritte und das Klirren der Waffen. [...] Im Freien begannen wir zu rennen, uns tief hinunterbückend und zusammendrängend. Hinter dem Fuße der Alexandersäule stockten wir plötzlich. 'Wie viele von euch sind gefallen?' fragte ich. 'Ich weiß nicht. Vielleicht zehn...' Nach einigen Minuten der Verwirrung hatten die Massen ihre Sicherheit wiedererlangt, und ohne Befehl ging es weiter. In dem Lichtschein, der aus den Fenstern des Winterpalastes fiel, konnte ich sehen, daß die ersten zwei- bis dreihundert Mann Rotgardisten waren, zwischen ihnen nur einige wenige Soldaten. Wir erkletterten die aus Brennholz errichtete Barrikade, und auf der Innenseite herunterspringend, brachen wir in Siegesjubel aus, als wir auf einen Haufen Gewehre stießen, die die Offiziersschüler im Stich gelassen hatten. Die Türen zu beiden Seiten des Hauptportals standen offen, hellen Lichtschein auf die Straße werfend. Kein Laut drang aus dem riesigen Gebäude.“ (7)

Regierungschef Kerenski ist zu diesem Zeitpunkt bereits geflohen, entkommt aus der Stadt und wird noch einige Zeit lang versuchen, „treue Truppenteile“ gegen die neue Macht ins Feld zu führen. Doch in der Hauptstadt hat die Revolution fast ohne Opfer gesiegt. Der Sowjetkongress, der zusammentritt, wird als Organ der Macht arbeiten: Welche Rolle er genau spielt, werden wir im nächsten Teil unserer Reihe beleuchten.

Die Bilanz

An anderen Orten gibt es größere Auseinandersetzungen, je nachdem, wie gut die Massen auf die Machtübernahme vorbereitet waren. Ein warnendes Beispiel für die Notwendigkeit einer entschlossenen revolutionären Führung ist etwa Moskau. Hier schwankt die Führung, weicht zurück – und überlässt so der Konterrevolution die Initiative: Insgesamt ziehen sich die Kämpfe hier acht Tage lang hin, wobei etwa fünfhundert Menschen starben. Doch insgesamt gesehen stößt die Revolution nur auf schwache Gegenwehr: In einigen Städten haben die Sowjets schon vor dem eigentlichen Aufstand die faktische Kontrolle errungen, diese Situation wird jetzt nur noch „legalisiert“. Aus den Schützengräben kommen erfreute Telegramme, die die neue Sowjetmacht begrüßen. Die Bauernschaft, in vorherigen Jahrhunderten eine stabile Stütze der Konterrevolution, ist selbst in Aufruhr – schon vor der Oktoberrevolution finden in 439 der 481 Landkreise der zentralen Gebiete Russlands Bauernaufstände und eigenmächtige Enteignungen der Gutsbesitzer statt.

Die Lüge von der Oktoberrevolution als „Putsch“ der Bolschewiki unter der Führung von Lenin und Trotzki kann überhaupt nur deshalb existieren, weil die Revolution so machtvoll, so umfassend war, dass sie in den meisten Fällen ohne Barrikadenkämpfe und große Gesten auskam. Es fand sich einfach kaum mehr jemand, der bereit dazu war, die alte Ordnung, den Kapitalismus, die Unterdrückung durch Generäle, Großgrundbesitzer und Fabrikanten, aktiv zu verteidigen. Wie sich Sowjetrussland weiterentwickelte, wie ein Bürgerkrieg, eine grausame Wirtschaftsblockade durch die kapitalistischen Mächte und die Intervention von 21 ausländischen Armeen, deren Folge Hungersnot und Zusammenbruch der Wirtschaft waren, es fast in die Knie zwangen, wie es darüber hinaus zur grausamen Herrschaft des Stalinismus kommen konnte, werden wir an anderer Stelle erklären. Doch trotz alledem hat das Beispiel der Oktoberrevolution auch nach 100 Jahren nichts von seinem Glanz verloren: Als es die ArbeiterInnen zum ersten Mal schafften, die Macht zu übernehmen und die Kapitalisten davonzujagen.

 

(1) Reed, 10 Tage, die die Welt erschütterten, Kapitel 1
(2), (3) Trotzki, Geschichte der Russischen Re­volution, Band 2, Kapitel 12
(4) Ebd., Kapitel 13
(5), (6) Ebd., Kapitel 21
(7) Reed, 10 Tage, die die Welt erschütterten, Kapitel 4




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