…wird ein Feuer entfachen!

Zum hundertsten Jubiläum der russischen Revolution 1917 widmen wir den Ereignissen des Jahres eine Artikelserie. Dieses Mal diskutieren wir die Ereignisse im Frühsommer 1917 und die theoretischen Grundlagen der verschiedenen linken Parteien. Von Florian Keller.

Nach der Februarrevolution war in Russland zwar der Zar gestürzt, aber die zentralen Probleme und Widersprüche blieben ungelöst. Die Macht im Land lag auf der Straße, Sowjets (Räte), die direkten Vertretungen der ArbeiterInnen, Soldaten und BäuerInnen füllten dieses Vakuum ebenso wie eine bürgerliche provisorische Regierung. Wir haben schon beleuchtet, wie die provisorische Regierung sich dabei, überhaupt noch Macht ausüben zu können, auf die gemäßigt-sozialistischen, reformistischen Führungen der Sowjets stützen musste, die ihr diese Macht auf dem Silbertablett überreichte. (Eine ausführlichere Darstellung findet sich im Funke Nr.152). Doch wo dieses Verhältnis kurz nach der Februarrevolution noch durch die allgegenwärtige Euphorie über den Sturz der Zarenherrschaft überdeckt wurde, brachten die Wochen und Monate danach immer mehr eine Klärung der Situation, in der die Revolution steckte: „Im vierten Monat seines Bestehens würgte das Februarregime bereits an seinen eigenen Widersprüchen“. (1)

Politische Verschiebungen in der Arbeiterschaft

In den Städten, vor allem der Hauptstadt und dem revolutionären Zentrum Petrograd, traten diese Widersprüche schnell an die Oberfläche. Nach der Februarrevolution hatte die Arbeiterschaft sich wichtige Verbesserungen der Lebensrealität erkämpft, unter anderem den 8-Stunden-Tag, war dabei aber auf den erbitterten Widerstand nicht nur des Kapitals, sondern auch ihrer eigentlichen „FührerInnen“ in den Sowjets, von den Menschewiki* und Sozialrevolutionären*, gestoßen. „Skobeljew, der Arbeitsminister wurde, versprach im ersten Überschwang, die Gewinne der Kapitalisten um sämtliche hundert Prozent einzuschränken“, nur um wenig später „seinen Attentatsplan auf den Gewinn aufgegeben und sich dem Kampfe gegen die Anarchie“ zu widmen: „er würgte Streiks ab und rief die Arbeiter zur Selbsteinschränkung auf.“ (2) Innerhalb weniger Monate konnten deswegen die entschlossen agierenden Bolschewiki* immer mehr Einfluss in der Arbeiterklasse gewinnnen, angefangen bei den aktivsten, fortgeschrittensten ArbeiterInnen der Hauptstadt Petrograd:

„In Stunden der Konflikte strebten alle Arbeiter, Parteilose, Sozialrevolutionäre, Menschewiki, den Bolschewiki zu. Dies erklärt jene Tatsache, daß die Betriebskomitees, die den Kampf für die Existenz ihrer Betriebe gegen die Sabotage der Administration und der Besitzer führten, lange vor dem Sowjet zu den Bolschewiki übergegangen waren. Auf der Konferenz der Betriebskomitees von Petrograd und Umgebung stimmten Anfang Juni von 421 Delegierten 335 für die bolschewistische Resolution.“ (3)

Aber auch das Kräfteverhältnis in den Sowjets der ArbeiterInnen verschob sich stetig und nachhaltig zugunsten der Bolschewiki.
Doch eine entscheidende Rolle für das Schicksal der russischen Revolution nahm die Position der Bauernschaft ein, die den überwiegenden Anteil der Bevölkerung ausmachte. Ihre wichtigsten Probleme und Forderungen lassen sich dabei letztendlich in zwei Worten zusammenfassen: Land und Frieden.

Die Agrarfrage

Auf dem Land waren die sozialen Gegensätze plastisch greifbar. Am Vorabend der Revolution von 1905 besaßen 30.000 GroßgrundbesitzerInnen genauso viel Land wie 10 Millionen Bauernfamilien. Durchschnittlich ließ jeder dieser 30.000 Gutsherren- und -damen knapp 2600 Hektar für sich bearbeiten – die meist die fruchtbarsten und ertragreichsten Böden umfassten. Der allergrößte Teil der Bauernschaft, die „Muschiks“, lebten dagegen auf ihrem Boden sprichwörtlich von der Hand in den Mund, die komplett landlosen LandarbeiterInnen und TagelöhnerInnen gar nicht mitgerechnet. Die Enteignung der GroßgrundbesitzerInnen war so eine Überlebensfrage für Millionen BäuerInnen, die zudem immer stärker unter den Druck der technischen Entwicklung kamen.

Mit ein wenig Verspätung erreichten die Gärungen der Revolution auch das Land, das sie mit offenen Armen empfing – die armen BäuerInnen gingen daran, die jahrhundertealte Unterdrückung und Ausbeutung abzuwerfen. Zu Beginn hofften sie noch auf eine Reform von oben, von der provisorischen Regierung. Doch diese Hoffnungen hielten sich nicht lange: Die Regierung machte zwar auf Druck von unten viele Versprechungen, doch nur um Zeit zu gewinnen. Die „linken“, reformistischen Sowjetführer wurden dabei als Puffer gegen den Druck von unten verwendet – als Minister, Landkomitteevorsitzende etc., die „im Prinzip“ für die Landreform argumentierten, aber sie in der Praxis verhindern und so die Wut der Bauernschaft in „ungefährliche“ Bahnen lenken sollten. Doch in der Gluthitze der Revolution hielten diese Puffer nicht lange – die armen Bäuerinnen und Bauern nahmen mehr und mehr ihr Schicksal in die eigenen Hände:

„,Bei der Bildung der Bezirks- und Kreisexekutivkomitees im Monat März wurden in der Mehrzahl Vertreter der Intelligenz gewählt; später jedoch', berichtet der Pensaer Kommissar, ,wurden Stimmen gegen sie laut, und schon Mitte April bestanden die Komitees überall ausschließlich aus Bauern, die in der Bodenfrage offen ungesetzliche Tendenzen vertraten.'“ (4)

Während die Bauernschaft also in die Offensive und nach links ging, stellte sich die reformistische Sowjetführung immer offener auf die Seite der UnterdrückerInnen und ging nach rechts. Die ideologische Deckung für diesen offensichtlichen Verrat bot dabei die Etappentheorie.

Permanente Revolution und Etappentheorie

Dass die Revolution in Russland andere Bedingungen vorfand als im fortgeschritteneren Westen, war unbestritten. Konkret hatte es in Russland nie eine bürgerliche Revolution gegeben, wie sie klassisch in Frankreich 1789 ausgebrochen war, wo die Bourgeoisie, die Klasse der modernen KapitalistInnen, die Macht übernommen hatte. Die Aufgaben dieser Revolution mussten auch in Russland umgesetzt werden: Der Adel und die Monarchie mussten entmachtet und enteignet werden (vor allem dessen Land) und eine demokratische Republik mit Freiheit der politischen Organisierung und der Pressefreiheit errichtet werden. Doch wer diese Revolution anführen sollte, war der Kern heftiger Auseinandersetzungen.

Der revolutionäre Flügel um Lenin erkannte richtigerweise, was sich im ganzen Jahr 1917 in der Praxis zeigen sollte: Die Bourgeoisie war schon vor der Revolution, bevor sie an die Macht gekommen war, zu einer reaktionären Bremse der Entwicklung geworden. Die Führung der Revolution musste deswegen die Arbeiterklasse in einem Bündnis mit der Dorfarmut (den Landlosen und den KleinbäuerInnen) übernehmen. Trotzki ging sogar noch einen Schritt weiter und zeichnete mit seiner Theorie der permanenten Revolution die Ereignisse der russischen Revolution sehr genau voraus: Nur die Arbeiterklasse kann die Führung der Revolution in einem Bündnis mit der Dorfarmut übernehmen, indem sie die Macht übernimmt. Sobald das aber geschehen ist, kann sie nicht einfach bei bürgerlichen Maßnahmen bleiben, sondern wird unter dem Widerstand des Kapitals damit beginnen müssen, die Gesellschaft in Richtung einer sozialistischen Neuordnung umzubauen. Das stellte sich als richtig heraus und wurde nach der Rückkehr Lenins zum Programm der Bolschewiki. Sowohl für Lenin als auch für Trotzki konnte Russland so als Beispiel dienen, das die Revolution im Westen vorantreibt und damit letztendlich die Grundlage für einen tatsächlichen Aufbau des Sozialismus legt.

Die Menschewiki beantworteten die Frage der Führung der Revolution dagegen in einer Theorie mehrerer scharf getrennter Etappen: „der Sieg der bürgerlichen russischen Revolution ist nur vorstellbar unter der Führung der liberalen Bourgeoisie und muß dieser die Macht übermitteln. Das demokratische Regime wird dann dem russischen Proletariat ermöglichen, mit unvergleichlich größerem Erfolge als vorher seine älteren Brüder im Westen auf dem Wege des Kampfes für den Sozialismus einzuholen.“ (5) So wurde revolutionäre Phrasendrescherei zum Deckmantel dafür, dass die ReformistInnen 1917 sich wieder und wieder auf die Seite des Kapitals, der Großgrundbesitzer und der Generäle stellten.

Eine neue Offensive an der Front

1917 kam aber noch ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu: Millionen von Bauern waren für den 1. Weltkrieg in die Armee eingezogen worden und wollten nach Jahren der Schlachterei vor allem eines: ihr Leben behalten und zurück nach Hause, wo der Boden bestellt werden musste. Dafür brauchten sie Frieden. Diese Forderung war zu einem der wichtigsten Slogans der Februarrevolution geworden. Die russische Bourgeoisie jedoch musste den Krieg mit allen Mitteln fortsetzen, ja mehr noch, sie brauchte eine neue Offensive. Sie war abhängig von ihren Verbündeten in Frankreich und Großbritannien, die Russland im Krieg brauchten, vor allem aber die zersetzende Wirkung der Revolution auf ihre eigenen Truppen fürchtete: „Man mußte der Revolution die Seele herausprügeln. ,Die deutsch-russische Verbrüderung', erklärte später Painlevé, ,schuf solche Verwüstungen (faisait de tels ravages), daß es das Risiko ihrer schnellsten Auflösung bedeutete, wollte man die russische Armee ohne Bewegung lassen.'“ (6)

Die ReformistInnen in Sowjetführung und Regierung wurden so an die Front abkommandiert, um die Soldaten von einer neuen Offensive gegen die deutsche Armee zu überzeugen. Nur mit äußerster Mühe gelang es, einen Teil der Soldaten dafür zu mobilisieren. Doch die nach dem „sozialistischen“ Kriegsminister benannte „Kerenski-Offensive“ sollte zu einem Desaster und einem weiteren Wendepunkt der russischen Revolution werden.

(1) Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Band 1, Kapitel 21
(2) ebd. Kapitel 19
(3) ebd. Kapitel 21
(4) ebd., Kapitel 20
(5) Trotzki, drei Konzeptionen der russischen Revolution
(6) Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Band 1, Kapitel 19


* Glossar:
Menschewiki: Gemäßigte, reformistische Strömung der russischen Sozialdemokratie
Sozialrevolutionäre: Gemäßigt sozialistische Partei, die ihre Basis vor allem in der Bauernschaft hatte
Bolschewiki: Revolutionärer Flügel der russischen Sozialdemokratie, ab 1912 eigene Partei




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