…wird ein Feuer entfachen!

Es war einmal, da waren gleichgeschlechtliche Ehen legalisiert, Trans-Personen konnten in der Armee dienen, ein bekennender Homosexueller war Außenminister und es war eine einfache administrative Angelegenheit, den eigenen Geschlechtseintrag bei offiziellen Dokumenten ändern zu lassen. Von Timothy Bay.

Wo war er, dieser wundersame Ort? Wann war es, als solche Gesetze, welche weiter gingen als alle modernen Staaten im Bereich von LGBTQI-Rechten, erlassen wurden? Und noch viel wichtiger, warum bestehen solche Gesetze heute nicht überall? Für MarxistInnen wenig überraschend, handelte es sich beim fraglichen Land um Sowjetrussland. Die angesprochenen Gesetze wurden in der Phase direkt nach der Revolution, also von 1917 bis 1926, während der Zeit Lenins und Trotzkis, erlassen. Ebenso wenig überraschend, wurden diese Gesetze anschließend von der stalinistischen Konterrevolution – ebenso wie fast alle sozialen und politischen Fortschritte der Bolschewiki – nichtig gemacht.

Die Karriere von Georgi Tschitscherin, dem Kommissar für auswärtige Angelegenheiten von 1918 bis 1930, ist beispielhaft für diesen Prozess. Als er nach der Oktoberrevolution nach Sowjetrussland zurückkehrte, wurde Tschitscherin während der Verhandlung, die zum Frieden von Brest-Litowsk führen sollte, ins Departement Trotzkis berufen und folgte im Mai 1918 auf Trotzki als Kommissar für auswärtige Angelegenheiten. In dieser Funktion war Tschitscherin, der offen zu seiner Homosexualität stand, der Repräsentant des Sowjetstaates auf der Weltbühne der internationalen Politik. Neben anderen Erfolgen unterzeichnete er den Vertrag von Rapallo stellvertretend für die Sowjetunion und – worin sich die Ironie der Geschichte zeigt – verhandelte den Status der Katholischen Kirche in Russland mit Eugenio Pacelli, dem Mann, der später Papst Pius XII. werden sollte. Obwohl er als Workaholic galt und trotz seiner diplomatischen Fähigkeiten war Tschitscherins „extravaganter Stil“ zu viel für das Regime Stalins. So wurde er ab 1928 immer mehr aufs Abstellgleis gestellt. In gewisser Weise steht Tschitscherin beispielhaft für die gesamte LGBTQI-Bevölkerung Russlands jener Zeit. Im politischen Exil während des Zarismus stieg er auf und bekam unter den Bolschewiki eine Chance, seine Talente zu entwickeln, wobei er vom Stalinismus wieder zur Seite gestoßen wurde. Doch Repräsentation war die kleinste der Errungenschaften, die die Revolution von 1917 mit sich brachte.

Während der Zarenherrschaft war Homosexualität illegal. Leute aus der LGBTQI-Bevölkerung konnten dafür, dass sie sich von der „falschen“ Person angezogen fühlten, ins Gefängnis gesteckt werden. Mit der Machtübernahme der Bolschewiki änderte sich die Lage praktisch über Nacht. Das neue Strafgesetz ging nicht mehr auf Homosexualität ein und gleichgeschlechtliche Ehen wurden legalisiert. Auch wenn die alten zaristischen Gesetze bis 1922 nicht alle völlig außer Kraft gesetzt wurden, gibt es nicht den kleinsten Hinweis darauf, dass die alten homophoben Gesetze nach dem 7. November 1917 noch umgesetzt wurden. Tatsächlich wurden die alten zaristischen Gesetze mit der Machtübernahme der Arbeiterklasse praktisch sofort auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen.

Geschlechtsangleichende Operationen wurden vom Staat finanziert und auf Anfrage des/der PatientIn auch durchgeführt – zugegebenermaßen ohne großen Erfolg. Doch dabei muss man sich bewusst sein, dass wir hier vom Russland der 1920er Jahre sprechen. 1926 erkannte die Revolution die Realität von Genderfluid-Menschen an, indem ermöglicht wurde, dass auf Anfrage der Geschlechtseintrag auf Pässen und anderen offiziellen Dokumenten geändert wurde, wobei keine chirurgischen Eingriffe, psychologischen Konsultationen oder ähnliche Anforderungen erfüllt werden mussten. Staatlich finanzierte Forschung zur Frage von Intersexualität wurde begonnen. Die Zukunft schien es gut mit denen zu meinen, die zuvor aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität marginalisiert worden waren, sei es wegen ihrer Identität im Bereich sex, gender oder als (a)gender (Menschen, die sich keinem sozialen Geschlecht zuordnen können/möchten). Obwohl die Bolschewiki ihre Politik nicht notwendigerweise mit großem Fokus auf LGBTQI-Fragen begannen, muss man es als erwiesen erachten, dass die Methode des Marxismus die Partei dazu brachte, zum Großteil fortschrittliche Positionen in solchen Fragen zu fassen.

Abgeschnitten von der Welt und unter Bedingungen massiver Rückständigkeit im Bereich von Technologie und Produktion, kämpfte die Sowjetunion, ein Land, das von imperialistischen Interventionen, von Bürgerkrieg und Hungersnot verwüstet worden war, ums Überleben. Eine konterrevolutionäre Bürokratie entwickelte sich innerhalb des Sowjetstaats und der bolschewistischen Partei wie ein Tumor. Als der Krieg und die Hungersnöte radikale Maßnahmen nötig machten, um das Überleben zu sichern, wuchs und konzentrierte sich diese Bürokratie um die Person Josef Stalins. Von 1924, das Jahr, in dem Lenin starb, bis 1928, als Trotzki ins Exil verbannt und die linke Opposition zerschlagen wurde, fand in der Sowjetunion ein Prozess statt, der in der Diktatur der Bürokratie unter Stalin endete und die Sowjetdemokratie erstickte. Die stalinistische Bürokratie zerschlug anschließend fast alle sozialen und politischen Errungenschaften der Revolution. Sie hinterließ die Planwirtschaft als eine der wenigen überlebenden Errungenschaften des revolutionären Umsturzes, bis diese unter dem Gewicht der Bürokratie und des Zerfalls der Sowjetunion in den 1990ern ebenfalls kollabierte.

Die politische Konterrevolution des Stalinismus begann bürgerliche „moralische Werte“ wiederzubeleben, während sie versuchte, diese in einem „marxistisch-leninistischen“ Jargon zu verstecken. 1933 wurde Homosexualität wieder verboten. Bei Verstoß drohten mehrere Jahre Arbeitslager. Die stalinistische Propaganda rückte Homosexualität sogar in die Nähe des Faschismus. 1936 fasste der Justizkommissar Nikolai Krilenko die offizielle Linie zusammen, indem er erklärte, dass der homophobe Artikel 121 sich gegen die alte herrschende Klasse richtete, wobei Homosexualität in völlig unmarxistischer Weise mit der zaristischen Aristokratie und der russischen Bourgeoisie in Zusammenhang gebracht wurde. Die Bürokratisierung der Sowjetunion ging Hand in Hand mit der Bürokratisierung der Komintern. So konnten sowjetische StalinistInnen ihre Homo- und Transphobie in die kommunistischen Parteien überall auf der Welt hineintragen. Der Kampf für LGBTQI-Rechte wurde damit aus den Parteiprogrammen jener Parteien gestrichen.

Die Bolschewiki gingen an die Frage von LGBTQI-Rechten mit der Perspektive heran, eine Welt zu erschaffen, in der die Menschheit sich endlich frei von der Unterdrückung der Klassengesellschaft entwickeln kann. Wie weit die Sowjetmacht vor 100 Jahren bereits entwickelt war, wird durch einen Vergleich mit den USA deutlich, wo „Sodomie“ erst 2003 vollständig legalisierte wurde.

In den heutigen USA mag die Öffnung der Ehe erreicht worden sein, doch der Kampf geht weiter in Fragen von Kündigungsschutz bis hin zu den demokratischen Rechten von Trans-Menschen, Toiletten und andere öffentliche Einrichtungen zu nutzen, ohne mit dem falschen Gender bezeichnet, belästigt oder Opfer von Gewalt zu werden. MarxistInnen stehen in dieser, wie in allen anderen Fragen, auf der Seite der Unterdrückten und müssen kompromisslose KämpferInnen gegen Homophobie und Transphobie sein.

Darüber hinaus zeigt die Oktoberrevolution, wie eine proletarische Revolution die unterdrückten Schichten in ihrem Kampf um ein Vielfaches besser befreien kann, als es der Kampf für einzelne Reformen je könnte. Es ist eine weit verbreitete Unwahrheit, dass MarxistInnen sich nur auf wirtschaftliche Bedingungen und auf Klasse fokussieren würden, ohne Fragen von Rassismus, Gender und Sexualität zu beachten. Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein. Was MarxistInnen erklären, ist, dass solche Fragen nicht isoliert betrachten werden können. Dass verschiedene Formen der Unterdrückung nicht in individuelle Kämpfe aufgeteilt werden können, sondern Unterdrückung der Ausdruck von sozialen Beziehungen ist und die Ausbeutung auf Klassenbasis das Fundament dieser Unterdrückung ist. Fegt die Klassengesellschaft beiseite und die alten Vorurteile und die Unterdrückung werden zu wanken beginnen.

Das heißt nicht, dass es unnötig ist, im Kapitalismus gegen verschiedene Formen der Unterdrückung zu kämpfen, aber, dass der Kampf notwendigerweise mit dem Kampf gegen die Klassengesellschaft verbunden sein muss. Es bedeutet nicht, dass Sexismus, Rassismus, Homophobie oder Transphobie automatisch über Nacht verschwinden werden, wenn der Sozialismus erreicht wurde, jedoch haben sie in einem System, in dem die materiellen Lebensgrundlagen in der Hand der Gesellschaft sind, in dem die Früchte der Arbeit allen zugutekommen, in dem alle wirtschaftlichen und sozialen Fragen demokratisch entschieden werden, in dem es also keine AusbeuterInnen und Ausgebeuteten oder UnterdrückerInnen und Unterdrückten mehr gibt, keine materielle Grundlage. Um so ein System zu erreichen, dürfen wir uns nicht anhand verschiedener Kategorien spalten lassen, sondern müssen vereint gegen die gemeinsamen UnterdrückerInnen kämpfen. Die Bolschewiki verstanden das sowohl vor als auch während ihrer Machtübernahme. Sie stellten sich daher auf die Seite aller Ausgebeuteten und Unterdrückten. Man muss von ihrem großen Beispiel lernen.




Unsere Arbeit kostet Geld. Dabei sind wir exklusiv auf die Unterstützung unserer LeserInnen und UnterstützerInnen angewiesen. Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, zögere nicht und lass uns deine Solidarität spüren. Ob groß oder klein, jeder Betrag hilft und wird wertgeschätzt.

Der Funke
IBAN: AT48 1513 3009 5102 5576
BIC: OBKLAT2L